Als Reduktionskastell oder Restkastell werden Ein- und Umbauten sowie Abrissarbeiten in zahlreichen römischen Militärlagern bezeichnet. Es handelt sich um eine Anpassung an die geringere Personalstärke der vor Ort befindlichen Militärkräfte. Aufgrund der Art der baulichen Maßnahmen sind zwei verschiedene Phasen zu unterscheiden, die man einerseits noch der Antike, andererseits schon der Spätantike zuordnen kann.
Antike Reduktionsphase
Die Kastelle am Obergermanisch-Raetischen LimesBauphasen und Grundriss Kleinkastell AnhausenBauphasen und Grundriss Kastell KapersburgDie Kastelle am Raetischen Limes zwischen Regensburg und PassauModell des Restkastells EiningDie Kastelle am Norischen LimesBurgus Zeiselmauer von SWKleinkastell Körnerkasten Zeiselmauer von NDie Kastelle am Pannonischen LimesBauphasen und Grundriss Burgus Gerulata
Die Reduktionsphase in der ausgehenden Antike, im zweiten Drittel des dritten Jahrhunderts, war unmittelbare Folge der sogenannten Reichskrise des 3. Jahrhunderts. Die Auseinandersetzungen mit dem persischen Sassanidenreich sowie zahlreiche Usurpationen und der rasche Wechsel römischer Soldatenkaiser verursachten den Abzug militärischer Verbände von den Grenzen des römischen Reiches. Dies schwächte die Grenzverteidigung am Obergermanisch-Raetischen Limes. Nahezu zeitgleich mit großen Feldzügen im Osten gelang es germanischenStammeskonföderationen in das Reich einzudringen, das Grenzland zu verheeren und seine Wirtschaftskraft zu schwächen.
Der Personalmangel veranlasste die Grenztruppen an einzelnen Standorten, sich in einen Teilbereich, meist in ein Viertel, der bestehenden Kastelle zurückzuziehen. Den Bewohnern des Lagerdorfes (Vicus) wurde teilweise gestattet, sich im Kastellinneren niederzulassen. Verschiedene bauliche Strukturen wurden angepasst (Zumauern von Toren, Errichtung einer inneren Begrenzungsmauer, Verkleinerung des Kastellbads, Änderung der Kommandeurswohnung). Die bisherige Kastellumwehrung wurde dabei oft weiter instand gehalten. Im vormaligen Lagerdorf kam es bisweilen zur Ansiedlung von Germanen, die wahrscheinlich als kostengünstige Söldner Dienst taten.
Unterschiedliche Vorgehensweisen sowie alternative Anpassungen vor Ort, wie die Anlage eines Grabens um das Lagerdorf (Kastell Arnsburg und Kastell Ober-Florstadt), zeigen, dass die Reduktionsphase nicht alle Kastelle gleichermaßen betraf und dass die jeweiligen Aktivitäten wohl auf lokale oder regionale Initiative erfolgten.
Limes-Kastell
ORL
Hinweise auf eine antike Reduktionsphase an Kastellen des Obergermanisch-Raetischen Limes
Nach Zerstörung durch Alamannen (233/235) Errichtung eines Reduktionskastells (ca. 34 × 35 Meter) im nordöstlichen Viertel. Die Umwehrung des Gesamtkastells bestand weiter, die Porta decumana wurde mit einer Trockenmauer verschlossen. Einbau einer massiven Quermauer von der Porta principalis dextra über die Via principalis. Neuerrichtung eines Bades im Kastellinnern
Als Restkastell oder Reduktionskastell bezeichnet man eine zentral gesteuerte Verkleinerung einer Vielzahl römischer Militärlager in der Spätantike. Diese Reduzierung ist insbesondere an den Kastellen entlang der Donau bis nach Pannonien ausgeprägt.
Hintergrund war die römische Militärstrategie, die deutlich geringere Mannschaftsstärken grenznah vor Ort vorsah (Limitanei), bei gleichzeitiger Vergrößerung der mobilen Einsatzkräfte im Hinterland (Comitatenses). Zur Verbesserung der Verteidigungsfähigkeit wurden neue bauliche Strukturen in den Kastellen eingeführt. Kaiser Valentinian I. (364–375) konnte vorübergehend durch die Verstärkung der Verteidigungsanlagen, wie die Errichtung vorkragender Türme (Fächer- und Hufeisentürme) sowie verkürzte, stärkere und höhere Mauern, eine Stabilisierung der Flussgrenzen erreichen. Unter den Nachfolgern kam es jedoch aufgrund der weiteren Verringerung der Mannschaftsstärken zur Umwandlung von Kastellen zu Kleinkastellen sowie zum Einbau von turmartigen Befestigungen (Burgi). Neben der Reduzierung bestehender Kastelle an der Grenze wurden weitere Stützpunkte und Kleinkastelle im Hinterland errichtet.
Limes-Kastell
Limesabschnitt
Beispiele für die spätantike Reduktions- bzw. Restkastelle (Burgi)
Rückzug der Bevölkerung hinter die Mauern des Kastells in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts. Einbau eines Burgus (ca. 51 × 57 Meter) in der Nordostecke unter Valentinian I. (364–375)
Neue Befestigung auf den Überresten des mittelkaiserzeitlichen Lagerdorfs von Kastell Boiodurum. Mauerumwehrte stadtähnliche Siedlung mit sektoralem Restkastell (nach 280).
Spätrömisches Restkastell (Burgus) von 20 × 21 Meter im Nordwesten des Kastells, Kleinfestung (Körnerkasten) im Osttor (Porta Principalis Dextra). Restliche Kastellfläche von Zivilbevölkerung genutzt
Spätantikes Restkastell (Beginn des 5. Jahrhunderts) in der Kastellostecke des Vorderlagers, 17 × 16,5 Meter
Einzelnachweise
↑Markus Scholz: Spätlimeszeitliche Reduktion versus mittelalterlicher Einbau in Limeskastellen. In: E. Schallmayer (Hrsg.): Limes Imperii Romani. Beiträge zum Fachkolloquium „Weltkulturerbe Limes“ November 2001 in Lich-Arnsburg. (= Saalburg-Schriften. 6). Bad Homburg v. d. H. 2004, ISBN 3-931267-05-9, S. 135–145
↑Dörte Walter: „Germanenviertel“ am Limes? Lagebeziehungen germanischer Siedlungen zu römischen Kastellen und Kastellvici. In: Egon Schallmayer (Hrsg.): Limes Imperii Romani. Beiträge zum Fachkolloquium „Weltkulturerbe Limes“ November 2001 in Lich-Arnsburg. Bad Homburg v. d. H. 2004, S. 127–134. (Saalburg-Schriften. 6).
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↑Dietwulf Baatz: Der Römische Limes. Archäologische Ausflüge zwischen Rhein und Donau. 4. Auflage. Gebr. Mann, Berlin 2000, ISBN 3-7861-2347-0, S. 99–103.
↑Dietwulf Baatz: Der Römische Limes. Archäologische Ausflüge zwischen Rhein und Donau. 4. Auflage, Gebr. Mann, Berlin 2000, ISBN 3-7861-2347-0, S. 103–104.
↑Margot Klee: Die Kastelle Saalburg und Zugmantel im 3. Jahrhundert. In: Egon Schallmayer (Hrsg.): Der Augsburger Siegesaltar – Zeugnis einer unruhigen Zeit. Saalburgmuseum, Bad Homburg v. d. H. 1995, S. 45.
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↑Markus Scholz: Spätlimeszeitliche Reduktion versus mittelalterlicher Einbau in Limeskastellen. In: Egon Schallmayer (Hrsg.): Limes Imperii Romani. Beiträge zum Fachkolloquium „Weltkulturerbe Limes“ November 2001 in Lich-Arnsburg. Bad Homburg v. d. H. 2004, ISBN 3-931267-05-9, S. 135–145. (Saalburg-Schriften 6).
↑Markus Scholz: Spätlimeszeitliche Reduktion versus mittelalterlicher Einbau in Limeskastellen. In: Egon Schallmayer (Hrsg.): Limes Imperii Romani. Beiträge zum Fachkolloquium „Weltkulturerbe Limes“ November 2001 in Lich-Arnsburg (= Saalburg-Schriften 6). Bad Homburg v.d.H. 2004, ISBN 3-931267-05-9, S. 135–145.
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↑Marcus Jae: Eine Flächengrabung im Numeruskastell Miltenberg-Ost auf der Gemarkung der Marktgemeinde Bürgstadt im Jahre 1998. Erste Einblicke in die innere Struktur des Kastells. In: Beiträge zur Archäologie in Unterfranken 2. (2000) S. 103–146
↑Dietwulf Baatz: Das Badegebäude des Limeskastells Walldürn (Odenwaldkreis). In: Saalburg-Jahrbuch. 35, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1978, S. 61–107
↑Dieter Planck, Willi Beck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. völlig neu bearbeitete Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0496-9, S. 35.
↑Dieter Planck: Neue Ausgrabungen am Limes (= Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands. Schriften des Limesmuseums Aalen 12), Gentner, Stuttgart 1975, S. 23.
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↑Kurt Genser: Der österreichische Donaulimes in der Römerzeit. Ein Forschungsbericht (= Der Römische Limes in Österreich. Nr. 33). Wien 1986, S. 153
↑Christine Ertel: Alte und neue Grabungen im Kastell Favianis (Mautern), Fundberichte aus Österreich, Band 34, 1995, S. 243.
↑Thomas Fischer: Noricum. Orbis Provinciarum, Sonderbände der antiken Welt – Zaberns Bildbände zur Archäologie, Zabern, Mainz am Rhein 2002, ISBN 3-8053-2829-X, S. 141
↑Hannsjörg Ubl: Der spätrömische Burgus von Zeiselmauer. Grabung und Restaurierung. In: Studien zu den Militärgrenzen Roms. Vorträge des 10. Internationalen Limeskongresses in der Germania Inferior. Rheinland Verlag, Köln 1977, S. 253–254, Abb. 2–5 und Abb. 88.
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↑Magda Pichlerova: Die Stellung Gerulatas zu Carnuntum. In: Hermann Vetters, Manfred Kandler (Hrsg.): Akten des 14. Internationalen Limeskongresses 1986 in Carnuntum. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1990, ISBN 3-7001-1695-0, S. 661.
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↑Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 76.
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