Regimen sanitatis

Titelblatt eines frühneuzeitlichen Drucks des Regimen sanitatis Salernitanum, Venedig 1480

Als Regimen sanitatis (lateinisch für Gesundheitslehre oder „Gesundheitsregeln“, auch Ordnung der Gesundheit) oder Gesundheitsregimen wird eine Literaturgattung vor allem der Fachliteratur des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit bezeichnet, die sich vornehmlich mit der Erhaltung der Gesundheit mit Hilfe der sex res non naturales, d. h. der vom Menschen steuerbaren Verhaltensweisen und Umweltbedingungen beschäftigt.

Zu den sechs diätetisch ausgerichteten res non naturales gehören die (eingeatmete) Luft (aer), das Schlafen und Wachen (somnus et vigilia), Ruhe und Bewegung (exercitium), Völle und Leere des Körpers (repletio et evacuatio), der Gemütszustand bzw. die Leidenschaften (accidentia animae) und die Nahrung (cibus et potus).

Über eine durch die Lebensführung mögliche Gestaltung der res non naturales im Sinne von deren Ausgewogenheit sollten zur Erhaltung bzw. Wiederherstellung von Gesundheit die sex res naturales (Elemente, Temperamente, Leibessäfte, Hauptorgane, deren Wirkkräfte und deren Aufgaben sowie die spiritus als Funktionsvermittler) beeinflusst werden.

Im Gegensatz zu den als nicht in der (konstanten) „Natur“ des Menschen liegend angesehenen sex res non naturales galten die sex res naturales als nicht durch die Änderung der Lebensweise beeinflussbar.

Arabischsprachige medizinische Lehrwerke des 10. und 11. Jahrhunderts enthalten neben allgemeinen Darstellungen einer gesunden Lebensweise bereits spezielle Gesundheitsregimina für bestimmte Personengruppen wie Säuglinge, Kinder, alte Menschen, Schwangere und Reisende.

Anfänge der zunächst in lateinischer Sprache verfassten Gesundheitsregeln bzw. Diätetik finden sich in der deutschen Fachprosa seit dem 14. Jahrhundert. Die älteste auf der antik-mittelalterlichen Diätetik beruhende Gesundheitslehre für Mönche stellt das im 15. Jahrhundert verfasste Erfurter Kartäuserregimen dar. Eine Gesundheitslehre für Gelehrte entstand zwischen 1482 und 1489 durch Marsilio Ficino, und im Jahr 1502 veröffentlichte der Theologe Johann Ulrich Surgant (latinisiert Johannes Ulricus Surgant; um 1450 – 1503) in Basel sein Regimen studiosorum, eine Gesundheitslehre speziell für Studenten.

Überlieferungsgeschichte

Zu den Überlieferungstraditionen derartiger, seit dem Frühmittelalter sich im westlichen als auch im arabisch-islamischen Raum als Handbücher mit Lebensregeln und eine der Hauptgattungen medizinischen Schrifttums herausgebildeten Regimina gehören

Die Rezeption der Regimina sanitatis im deutschsprachigen Raum setzte im 13. Jahrhundert mit dem Deutschen salernitanischen Arzneibuch ein. Eine Blütezeit erlebten die Regimina als populärwissenschaftliche Literaturgattung am Ende des 14. Jahrhunderts mit der Entstehung der reich illustrieren Tacuina sanitatis. Auch die mittelalterlichen „Hausbücher“ gehen auf die Regimina zurück.

Von dem erwähnten Regimen (sanitatis) Salernitanum, genannt auch Flos medicinae (Salernitanae), einem von 364 (Anfang des 14. Jahrhunderts von Arnald von Villanova kommentierten) auf 3520 Verse angewachsenes Konglomerat medizinischer Merkverse, ist weder der Verfasser noch der Entstehungsort bekannt. Es wird inzwischen als pseudo-salernitanisch angesehen und nicht mehr als Produkt der Schule von Salerno zu ihrer Blütezeit im 12. Jahrhundert.

Siehe auch

Literatur

Übersichtsdarstellungen

Textausgaben und Übersetzungen

Untersuchungen mit Textausgaben

Einzelnachweise

  1. ↑ Vgl. Haage/Wegner, S. 217
  2. ↑ Gundolf Keil: Vegetarisch. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 29–68, hier S. 32–33.
  3. ↑ Wolfram Schmitt: Res non naturales. In: Lexikon des Mittelalters. Band 7 (1995), Sp. 751–752.
  4. ↑ Melitta Weiss Adamson: Medieval dietetics. Food and drink in Regimen sanitatis literature from 800 to 1400. Frankfurt am Main 1995 (= German studies in Canada. Band 5).
  5. ↑ Ria Jansen-Sieben: Mittelniederländische Kochbücher: medizinisch oder kulinarisch? In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 16, 1997, S. 191–202, hier S. 191.
  6. ↑ Gundolf Keil: Meurer (auch Sprottau), Johann (Hans). In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 6, Sp. 468–469, hier Sp. 469 (zu Meurers Gesundheitsregiment Doctrina bona et utilis).
  7. ↑ Gundolf Keil: Regimina. 2005, S. 1225.
  8. ↑ Ortrun Riha: Mittelalterliche Heilkunst. Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland (um 1300). Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2014, ISBN 978-3-86888-071-7, S. 12–13.
  9. ↑ Wolfram Schmitt: Theorie der Gesundheit und „Regimen sanitatis“ im Mittelalter. 1973, S. 91–92, 116, 120 und 124.
  10. ↑ Vgl. etwa Wolfram Schmitt: Theorie der Gesundheit und „Regimen sanitatis“ im Mittelalter. Medizinische Habilitationsschrift Heidelberg 1973.
  11. ↑ Gundolf Keil: Der Hausvater als Arzt. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit (Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn). Mit einem Register von Ralf Nelles, Jan Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 379954156X, S. 219–243, hier: S. 228–229.
  12. ↑ Werner Friedrich Kümmel: Der Homo litteratus und die Kunst, gesund zu leben. Zur Entwicklung eines Zweiges der Diätetik im Humanismus. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil (Hrsg.): Humanismus und Medizin. Acta humaniora, Weinheim an der Bergstraße 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), S. 67–85, hier: S. 72–85.
  13. ↑ Vgl. auch Robertus Gropretrius: Regimen sanitatis […] non solum medicis, verum etiam omnibus studiosis perneccarium et utile. Paris 1539.
  14. ↑ Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 232–237 (Schriften zur Diätetik).
  15. ↑ Gundolf Keil: Regimina. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1225–1226.
  16. ↑ Vgl. etwa Wolfgang Hirth: Studien zu den Gesundheitsregeln des sogenannten Secretum secretorum unter besonderer Berücksichtigung der Prosaüberlieferung. Philosophische Dissertation Heidelberg 1969; Heidelberg 1971.
  17. ↑ Johann Christian Gottlieb Ackermann: Regimen sanitatis Salerni sive Scholae Salernitanae De conservanda bona valetudine praecepta. Stendal 1790
  18. ↑ Gundolf Keil: ‚Regimen sanitatis Salernitanum‘. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1224–1225.
  19. ↑ Rolf Schott (Hrsg.): Die Kunst sich gesund zu ernähren. Regimen sanitatis salernitanum. Rom 1954; 2. Auflage Zürich/Stuttgart 1964 (= Lebendige Antike).
  20. ↑ Günter Kallinich, Karin Figala: Das ‚Regimen sanitatis‘ des Arnold von Bamberg. In: Sudhoffs Archiv. Band 56, 1972, S. 44–60.
  21. ↑ Christa Hagenmeyer: Die ‚Ordnung der Gesundheit‘ für Rudolf von Hohenberg. Untersuchungen zur diätetischen Fachprosa des Spätmittelalters mit kritischer Textausgabe. Stuttgart 1973; zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1972.
  22. ↑ Gundolf Keil: Die deutsche Isaak-Judäus-Rezeption vom 13. bis zum 15. Jahrhundert. Shaker, Aachen 2015 (= Europäische Wissenschaftsbeziehungen, Supplement 2), ISBN 978-3-8440-3933-7, S. 82–83.
  23. ↑ Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben 2003, 232 und 234.
  24. ↑ Christa Hagenmeyer (1995), S. 63–118.
  25. ↑ Walter Buckl: Zum 650. Todestag Konrads von Eichstätt. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 11, 1993, S. 227–234, hier S. 230.
  26. ↑ Deutsche Ausgabe: Dis biechlin saget wie sich ein yegklich mensch halten sol durch das gantz jar, mit essen, trincken, schlafen, wachen unnd baden. Als das beschreyben Avicenna, Galienus, Almansor und ander natürlich meister […]. Freiburg im Breisgau (gedruckt bei Johann Wörlin) 1523. Hrsg. (mit einem Beiheft) von Julius Arndt, Steingrüben Verlag, Stuttgart 1965.
  27. ↑ Gerhard Eis: Die Groß-Schützener Gesundheitslehre. Studien zur Geschichte der deutschen Kultur im Südosten. Brünn/München/Wien 1943 (= Südosteuropäische Arbeiten. Band 36).
  28. ↑ Gundolf Keil: Konrad von Eichstätt. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 773 f.
  29. ↑ Zu den Benennungen vgl. auch Hugo Faber: Eine Diätethik aus Montpellier („Sanitatis Conservator“), dem Ende des 14. Jahrhunderts entstammend und „Tractatus medicus de comestione et digestione vel Regimen sanitatis“ benannt. Medizinische Dissertation Leipzig 1921.
  30. ↑ Manfred Peter Koch, Gundolf Keil: Konrad von Eichstätt. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 5, Sp. 162–169.
  31. ↑ Gundolf Keil: ‚Regel der Gesundheit‘. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1223.
  32. ↑ Karl Baas: Heinrich Louffenberg von Freiburg und sein Gesundheitsregiment (1429). In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins. Neue Folge, 21, 1906, S. 363 ff.
  33. ↑ Magninus Mediolanensis: Regimen sanitatis. Straßburg (Johann Prüss d. Ä.) 1503.
  34. ↑ C. Külz, E. Külz-Trosse (Hrsg.): Das Breslauer Arzneibuch. R[hedigeranus] 291 der Stadtbibliothek. Teil 1: Text. Dresden 1908, S. 1–116.
  35. ↑ Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben 2003, 232–233.
  36. ↑ Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, Band 65), ISBN 3-8260-1667-X, S. 220.
  37. ↑ Karl Sudhoff: Zum Regimen sanitatis Salernitanum. In: Sudhoffs Archiv. Band 7, 1914, S. 360–362; Band 8, 1915, S. 292 f. und 352–373; Band 9, 1916, S. 221–249; Band 10, 1917, S. 91–101; Band 12, 1920, S. 149–180.
  38. ↑ Salvatore de Renzi, C. Daremberg, G. E. T. Henschel: Collectio Salernitana, ossia documenti inediti, e trattati di medicina appartenenti alla scuola medica salernitana., I–V, Tipografia del Filiatre-Sebezio, Neapel 1852–1859; Neudruck Bologna 1967 (= Bibliotheca di storia della medicina, II, 1–5).
  39. ↑ Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998, S. 130 f. (Der Textkomplex des sogenannten ‘Regimen sanitatis salernitanum’).