Reiserad

28-Zoll-Reiserad mit Nabenschaltung, geradem Mountainbike-Lenker und Lenkerhörnchen
Beladenes Tourenrad mit Rennradlenker und 700c-Laufrädern
Reiserad mit Federgabel und Damenrad-Rahmengeometrie mit Multipositionsbügellenker

Das Reiserad (französisch Randonneur oder auch Randonneuse, englisch touring bicycle) ist ein speziell für die Bedürfnisse von Radreisenden konzipiertes Fahrrad, das auch mit 50 bis 75 kg Gepäck noch sicher gefahren und gebremst werden kann. Die zulässige Gesamtmasse beträgt 150 kg oder mehr. Bei traditionellen Reiserädern beträgt die Eigenmasse 11 bis 19 kg, modernere Modelle sind jedoch auch leichter. Mit dem Trend zum Bikepacking seit 2015 werden für kürzere Reisen auch modifizierte Gravelbikes und Cyclocrossräder eingesetzt.

Beladenes Reiserad

Speziell gefertigte Reiseräder werden der erhöhten Belastung entsprechend konstruiert, indem stabiles Material und beispielsweise Rahmenrohre mit größeren Wandstärken verwendet werden. Ihre Geometrie ist so angelegt, dass sie tendenziell einen längeren Radstand und größeren Nachlauf haben als andere Serienfahrräder, damit ein ruhigerer Geradeauslauf erzielt wird.

Auch viele Liegefahrräder eignen sich als Reiserad. Spezielle Anforderungen sind zu beachten.

Reiserad als Spezialanfertigung (Baujahr 1991), voll beladen

Anforderungen

Ein Rad für längere Radreisen erfüllt meist eine Reihe konstruktiver Anforderungen. Der Rahmen ist in der Regel für das Anbringen mehrerer Gepäckträger geeignet und soll auch dann einen stabilen Geradeauslauf erlauben, wenn das Rad schwer beladen ist. Stabilität ist im Zweifel wichtiger als Masse. Anbauteile sollten dementsprechend robust und pflegeleicht sein. Andererseits sollte insbesondere auf Bergstrecken keine überflüssige Masse transportiert werden. Ein tief angebrachter Lenker kann zu Verspannungen im Nacken und im Rücken führen. Eine allzu aufrechte Sitzhaltung belastet demgegenüber das Gesäß und vergrößert ebenso wie eine sperrige Beladung den Luftwiderstand.

Reiserad aus Aluminium mit blockierbarer Federgabel

Rahmen und Anbauteile:

Verschiedene Packtaschen an einem Reiserad

Neben der Robustheit ist bei der Auswahl der Komponenten auch darauf zu achten, ob diese unterwegs entsprechend der örtlichen Gegebenheiten leicht zu reparieren oder auszutauschen sind. Einfache Stahlkonstruktionen können auch in armen Ländern in jeder kleinen Metallwerkstatt durch Schweißen repariert werden.

Aufgrund der überdurchschnittlichen Belastung halten viele Teile an Reiserädern nur einige zehntausend Kilometer. Eingesetzt werden daher oft hochwertige Gruppen von Rennrad- oder Mountainbikekomponenten. Reiseräder kosten daher üblicherweise deutlich vierstellige Beträge.

Viele kleine Hersteller passen Reiseräder individuell an Proportionen und Wünsche des Kunden an. Bei Maßfertigung des Rahmens können unter anderem Nachlauf und Radstand angepasst und Anlötsockel für spezielle Schaltungen, Bremsen, Gepäck- und Flaschenhalter vorgesehen werden. Durch den Vergleich der Körpermaße mit der Rahmengeometrie lässt sich alternativ häufig auch ein passendes Serienreiserad auswählen. Bein- und Oberkörperlänge bestimmen maßgeblich die Geometrie des Rahmens.

Maße am Rad

Zur Auswahl des passenden Rahmens werden beim Reiserad die bei Rennrädern üblichen Vermessungsmethoden in etwas abgewandelter Form angewandt:

Diese Regeln gelten für normal gebaute Menschen; bei besonders langen oder kurzen Armen oder Beinen kann dies nur eine grobe Orientierung darstellen.

Ausrüstung

Typische Belastungsgrenzen der Gepäckträger sind:

Die Werte unterscheiden sich je nach Hersteller. Beim Überschreiten der angegebenen Werte verschlechtert sich jedoch die Lenkbarkeit und Handhabung des Fahrrades. Schwere Gegenstände (Werkzeuge, Ersatzteile) sind prinzipiell so tief wie möglich zu verstauen. Sperrige und leichte Gegenstände (Isomatte, Schlafsack) können mit Gummizügen an beliebiger Stelle angebracht werden. In regenreichen Gegenden werden häufig Fahrradpacktaschen aus wasserdichter PVC-Plane eingesetzt. Packtaschen mit Rollverschluss sind auch staubdicht.

Bei Mitführung eines robusten Fahrradanhängers kann dieser schwere Gepäckstücke aufnehmen. Dadurch verbessern sich häufig Handhabung, Fahrverhalten, Pannensicherheit und Langlebigkeit des Rades. Die Gesamtmasse von Fahrer, Fahrrad, Anhänger und Gepäck sollte 150 bis 170 kg nicht wesentlich überschreiten. Das zusätzliche Gewicht des Anhängers macht sich bei Fahrten im Flachland wenig bemerkbar. Im Berg- und Hügelland, bei Geländefahrten sowie beim Fahren in Gruppen haben einspurige Anhänger Vorteile. Sie sind leichter, schmaler und können nicht seitlich umkippen. Dadurch sind auch schnelle Kurvenfahrten im unebenen Gelände möglich; insbesondere, wenn ein gefederter Anhänger eingesetzt wird.

Alternativen zum klassischen Reiserad

Vollgefedertes Reise-Liegerad, teilbeladen

Häufig werden gewöhnliche Rennräder, Tourenräder, Trekkingräder und Mountainbikes für Radtouren eingesetzt, unter anderem aus Kostengründen. Diese sind weniger belastbar, oft aber leichter. Langgestreckte Rennradrahmen mit Rennradlenker wurden ursprünglich als Randonneuse (franz., weibliche Form von Wanderer) bezeichnet. Heute ist die männliche Form des Begriffs, Randonneur, üblicher. Im Französischen steht Randonneur allgemein für das Reiserad.

Mountainbikes zum sportlichen Einsatz werden oft mit sehr kurzem Hinterbau angeboten. Es wird dann häufig ein besonders langer Hinterrad-Gepäckträger montiert, um Packtaschen ausreichend weit hinten montieren zu können, dass die Fersen beim Treten nicht an die Taschen stoßen. Auch wird häufig ein Teil des Gepäcks am Vorderrad befestigt, um einem Aufsteigen des Vorderrads bei steilen Anstiegen entgegenzuwirken. An Federgabeln müssen spezielle Gepäckträger eingesetzt werden, da gewöhnliche Gepäckträger das Einfedern behindern. Wenn das Gepäck am ungefederten Teil der Federgabel bzw. an der Hinterradschwinge befestigt wird, macht dies den Vorteil der Federung teilweise zunichte. Eine gefederte Sattelstütze erhöht zwar nicht in gleichem Maße die Fahrsicherheit bei schnellen Geländefahrten, wie es bei einer vollwertigen Federung der Fall ist, aufwändige Ausführungen ermöglichen aber einen ähnlich hohen Komfortgewinn.

Auch Liegefahrräder werden als Reiseräder eingesetzt. Aufgrund ihres niedrigen Schwerpunkts sind sie auch im beladenen Zustand stabil. Je nach Modell kann die Befestigung von Gepäckträgern schwierig sein. Spezielle Reiseliegeräder eignen sich für hohe Belastungen. Bei Fahrten in entlegene Gebiete kann die Ersatzteilbeschaffung ungewöhnlicher Komponenten (kleine Laufräder, Speziallenker) ein Problem darstellen. Informationen zu Geometrie und Maßen finden sich im

Commons: Reiseräder – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ↑ Rüdiger Bellersheim, Ernst Brust, Michael Gressmann, Dietmar Hertel, Franz Koslar: Tabellenbuch Fahrradtechnik. 2. Auflage. Europa-Lehrmittel, 2011, ISBN 978-3-8085-2332-2, S. 191
  2. ↑ Rüdiger Bellersheim, Ernst Brust, Michael Gressmann, Dietmar Hertel, Franz Koslar: Tabellenbuch Fahrradtechnik. 2. Auflage. Europa-Lehrmittel, 2011, ISBN 978-3-8085-2332-2, S. 221.
  3. ↑ Michael Gressmann: Fahrradphysik und Biomechanik. 10. Auflage. Moby Dick Verlag, Kiel 2008.
  4. ↑ radtouren-Magazin (Memento vom 22. März 2015 im Internet Archive): Pro und Kontra Scheibenbremse am Trekkingrad
  5. ↑ Stiftung Warentest: Fahrradbremsen
  6. ↑ SWR: Fahrradbremsen (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im September 2021. Suche im Internet Archive)
  7. ↑ Ulf Hoffmann: Das Fahrradbuch: Kauf, Technik, Wartung, Reparaturen, E-Bikes und Pedelecs. Verlag Stiftung Warentest, 2013, Kapitel Welche Fahrradtypen gibt es? Das Reiserad, S. 19 ff (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).