Die Rhine Group ist einer 2026 von dem ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten und Präsidenten der Europäischen Zentralbank Mario Draghi und dem Unternehmer Patrick Collison gegründete europäische wirtschaftspolitische Initiative, die auch als Lobbygruppe bzw. Denkfabrik bezeichnet wurde. Ihr Hauptsitz befindet sich in Genf in der Schweiz. Sie bringt Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammen und verfolgt das Ziel, Vorschläge zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit Europas zu entwickeln und deren politische Umsetzung zu fördern. Vor allem der europäische Technologiesektor soll dabei gegenüber der Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China gestärkt werden. Inhaltlich knüpft die Gruppe insbesondere an den 2024 von Draghi im Auftrag der Europäischen Kommission vorgelegten Bericht The Future of European Competitiveness an.
Die Rhine Group wurde am 24. August 2026 gegründet und zunächst mit 55 Mitgliedern vorgestellt. Neben Draghi gehört Patrick Collison, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender des Zahlungsdienstleisters Stripe, zu den beiden Gründern und Co-Vorsitzenden. Zum Exekutivdirektor wurde der spanische Ökonom und frühere Europaabgeordnete Luis Garicano berufen.
Ausgangspunkt der Initiative war die nach Ansicht ihrer Gründer nur langsame Umsetzung der Empfehlungen des sogenannten Draghi-Berichts zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Die WirtschaftsWoche beschrieb die Rhine Group als Versuch Draghis, den politischen Druck zur Umsetzung seiner Reformvorschläge zu erhöhen. Der Name der Gruppe nimmt Bezug auf den Rhein, der mehrere bedeutende europäische Wirtschaftsräume miteinander verbindet. In Berichten zum Zeitpunkt der Einführung wurde die von Henry Paulson, Timothy Geithner und Ben Bernanke gegründete Aspen Economic Strategy Group in den Vereinigten Staaten als Vorbild für die Initiative beschrieben.
Die Rhine Group will wirtschafts- und technologiepolitische Forschung stärker mit konkreten politischen Maßnahmen verbinden. Nach eigener Darstellung sollen Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik auf Grundlage zuvor verteilter Forschungs- und Diskussionspapiere über Reformvorschläge beraten. Die Beratungen sollen grundsätzlich nach der Chatham House Rule stattfinden. Im Mittelpunkt stehen insbesondere die Bereiche Technologie, Kapital, Energie und Verteidigung. Im Technologiesektor beschäftigen sich die Mitglieder unter anderem mit Künstlicher Intelligenz, Halbleitern, digitaler Infrastruktur, Deep Tech, Raumfahrt und Verteidigungstechnologie. Im Finanzbereich gehören die Entwicklung des europäischen Risikokapitalmarktes, grenzüberschreitende Finanzierung und eine stärkere Integration der europäischen Kapitalmärkte zu den Themen.
Die Initiative begründet ihren Reformbedarf unter anderem mit dem technologischen Rückstand Europas gegenüber den Vereinigten Staaten und China. Nach Angaben der Rhine Group stammen lediglich vier der 50 weltweit größten Technologieunternehmen aus Europa. Die Gruppe warnt zudem, dass eine langfristige wirtschaftliche Stagnation die Finanzierung von Verteidigung, Gesundheitsversorgung, Renten, Bildung und Klimainvestitionen erschweren könnte.
Von den Mitgliedern wird erwartet, dass sie sich mindestens einmal im Jahr treffen; die weitere Arbeit wird von externen Experten geleistet, und die Gruppe hat angekündigt, eine Reihe von Dokumenten veröffentlichen zu wollen. Die erste größere Sitzung der Rhine Group ist für den 20. bis 23. September 2026 vorgesehen. Zu dieser wurde auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eingeladen.
Die Rhine Group setzt sich aus Unternehmern und Führungskräften, Ökonomen, Wissenschaftlern sowie ehemaligen Politikern und Regierungsvertretern zusammen. Neben den beiden Co-Vorsitzenden Draghi und Collison und Exekutivdirektor Garicano gehören beziehungsweise gehörten zum Gründungskreis unter anderem die Wirtschaftsnobelpreisträger Philippe Aghion und Bengt Holmström, die Ökonomen Beatrice Weder di Mauro, Moritz Schularick, Ulrike Malmendier und Lucrezia Reichlin sowie die ehemaligen Politiker Bruno Le Maire, Jörg Kukies, Vittorio Colao und Toomas Hendrik Ilves.
Aus der Privatwirtschaft gehören der Gruppe unter anderem Michael Miebach von Mastercard, Tobias Lütke von Shopify, Leopold Aschenbrenner, Sebastian Siemiatkowski von Klarna, Bastian Nominacher von Celonis, Niklas Zennström von Atomico, Andrea Pignataro von der ION Group, Hélène Huby von The Exploration Company und Torsten Reil vom Rüstungsunternehmen Helsing an. Auch die Financial Times-Chefredakteurin Roula Khalaf und The Economist-Chefredakteurin Zanny Minton Beddoes wurden Mitglieder der Gruppe.
Zum Zeitpunkt der Gründung stellten Deutsche und Franzosen mit jeweils zwölf Mitgliedern die größten nationalen Gruppen, gefolgt von sieben Italienern, sechs Briten und fünf Spaniern. Kritisiert wurde insbesondere die geringe Vertretung Mittel- und Osteuropas. Von den Staaten, die der Europäischen Union seit 2004 beitraten, war bei der Gründung nur der frühere estnische Präsident Toomas Hendrik Ilves vertreten; insbesondere Polen verfügte zunächst über keinen Vertreter.
Alberto Alemanno, Professor für Europarecht an der HEC Paris, bemängelte den wenig transparenten Politikansatz der Gruppe. Zwar seien die von der Gruppe diagnostizierten Probleme real, jedoch sei eine stärkere Ausrichtung auf wirtschaftliches Wachstum und Deregulierung auch ein ideologisches bzw. politisches Ziel und sollte demzufolge nicht als rein technokratische Problemstellung bearbeitet werden. So könnten mehr sozialer Schutz und die Fähigkeit zur staatlichen Regulierung auch als Stärke des europäischen Standorts angesehen werden. Die Annahme sei hier offenbar: wenn „die Regierungen nicht handeln, müssen sich die 'richtigen' Leute außerhalb der staatlichen Institutionen versammeln und den Weg weisen“. Auch kritisierte Alemanno die starke Dominanz von männlichen Führungskräften aus der westeuropäischen Wirtschaft, während Osteuropa und Akteure der Zivilgesellschaft unterrepräsentiert seien.