Richard von Volkmann

Richard Volkmann, um 1880.

Richard Volkmann, seit 1885 von Volkmann; pseudonymisiert auch Richard Leander und Richard von Volkmann-Leander (* 17. August 1830 in Leipzig; † 28. November 1889 in Jena) war ein deutscher Chirurg und Hochschullehrer in Halle sowie Poet und Märchendichter. Er gilt als Begründer der modernen wissenschaftlichen Orthopädie, war 1872 Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, trug den Titel Geheimer Medizinalrat und war Generalarzt I. Klasse.

Leben

Volkmann als Corpsstudent (1851).
Grab Volkmanns auf dem Stadtgottesacker Halle.

Richard Volkmann war das zweite von zwölf Kindern des Physiologen und Anatomen Alfred Wilhelm Volkmann und dessen Ehefrau Adele, geborene Härtel (1808–1884), Tochter des Musikverlegers Gottfried Christoph Härtel. Nachdem er die Lateinische Hauptschule der Frankeschen Stiftungen in Halle besucht hatte, wurde er am 16. Oktober 1844 Schüler der sächsischen Fürstenschule St. Augustin in Grimma. Am 7. Januar 1850 verließ er die Bildungseinrichtung und studierte ab dem Sommersemesters desselben Jahres, dem Wunsch seines Vaters entsprechend Medizin an der vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg. Im Sommersemester 1851 wechselte er an die Hessischen Ludwigs-Universität in Gießen und im Sommersemester 1854 an die Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, an der er – wie alle preußischen Ärzte – 25. Mai 1855 das Staatsexamen ablegte und 16. August 1854 zum Dr. med. promoviert wurde. In Halle schloss er sich 1849/50 der Progressburschenschaft Fürstenthal an. 1851 wurde er Mitglied des Corps Starkenburgia und des Corps Marchia Halle.

Er trat eine Assistentenstelle bei Ernst Blasius an der alten Chirurgischen Universitätsklinik am Domplatz in Halle an und habilitierte sich 1857. Während einer langen Erkrankung von Blasius vertrat er ihn in der Leitung der Klinik. Wegen der zunehmenden Spannungen mit dem zurückgekehrten Blasius verließ Volkmann die Klinik und den Lehrkörper der Universität und ließ sich in Halle als praktischer Chirurg nieder. 1863 kehrte Volkmann als außerordentlicher Professor an die Universität zurück. Am Krieg gegen Österreich 1866 nahm er als Chefarzt des Lazaretts Trautenau in Böhmen teil. 1867 wurden Volkmann das Ordinariat für Chirurgie und die Leitung der Chirurgischen Universitätsklinik übertragen. Während des Krieges gegen Frankreich 1870/71 war er als konsultierender Generalarzt beim IV. Armee-Korps, später an der Maas und bei der Südarmee eingesetzt. Im Krieg zog er sich eine Syphilis zu, die zur Tabes dorsalis führte. Am 4. Mai 1885 von Preußens König Wilhelm I. nobilitiert, starb er vier Jahre später an einer Pneumonie. Sein Grab befindet sich auf dem hallischen Stadtgottesacker.

Richard von Volkmann heiratete am 20. Mai 1858 Anna von Schlechtendal (* 23. August 1833; † 17. Juli 1914), eine Tochter des Botanikers Diederich Franz Leonhard von Schlechtendal. Das Paar hatte sieben Kinder, darunter den Illustrator und Landschaftsmaler Hans Richard von Volkmann.

Chirurg und Hochschullehrer

Volkmann zählt zu den bedeutendsten Chirurgen des 19. Jahrhunderts. Er entwickelte neue Methoden zur Resektion der Gelenke, zur Operation komplizierter Brüche sowie zur Chirurgie und Orthopädie der Wirbelsäule und der Extremitäten. Er führte als erster deutscher Arzt die antiseptische Wundbehandlung mit Karbol (nach Joseph Lister, 1. Baron Lister) ein, wodurch die Überlebenschance bei Operationen sprunghaft anstieg und Bauchchirurgie im eigentlichen Sinne erst möglich wurde. Volkmann selbst entwickelte Verfahren zur Resektion von Mastdarmkrebs.

Nach ihm benannt sind

Rufe bzw. Anfragen der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, der Friedrich-Alexander-Universität, der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität, der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der Julius-Maximilians-Universität Würzburg lehnte er ab, nicht zuletzt deshalb, weil er den Neubau der chirurgischen Universitätsklinik Halle selbst konzipiert und nach seinen Vorstellungen eingerichtet hatte. Volkmann gehörte 1872 zu den Gründern der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und war viele Jahre ihr Vorsitzender.

Medizinische Schriften

Literarische Arbeiten

Von Volkmann, in dessen Haus auch Künstler wie Wilhelm von Kügelgen sowie Robert und Clara Schumann verkehrten, veröffentlichte seine literarischen Werke unter dem Pseudonym Richard Leander. Während seine Gelegenheitsschriften wie Gedichte, Lieder und Geschichten heute weitgehend vergessen sind, wurden die während des Kriegseinsatzes 1870/71 verfassten Märchen Träumereien an französischen Kaminen mit mehr als 300 Auflagen zu einem großen schriftstellerischen Erfolg.

In der 1887 von Karl Emil Franzos herausgegebenen Deutschen Dichtung äußert sich ein Kritiker begeistert über die Träumereien:

„Ein Erstlingswerk, das erste Erzeugnis eines Mannes, dessen Hand bisher nur das Messer und die Feder bloß zur Abfassung chirurgischer Fachschriften geführt – und welche Treffsicherheit des Stils, welche künstlerische Glätte, welche fein abgewogene Zartheit oder Kraft der Farbengebung! Alles fertig, rund, sicher, zuweilen höchstens ein Wort zu wenig, aber niemals eins zu viel, Inhalt und Form so vollständig zu eienander passend, daß das kritische Auge Gewand und Körper kaum voneinander zu trennen vermag.“

– N.N.

Märchen

Ehrungen und Auszeichnungen

Ehrentafel für Richard von Volkmann im Gymnasium St. Augustin Grimma (im Durchgang des Hauptportals).

Denkmal

Denkmal für Richard von Volkmann in Halle (Saale) von 1894

Der in Rom ansässige Bildhauer Artur Volkmann, ein Neffe Richards von Volkmann, schuf ein Marmor-Sitzbild des bekannten Arztes und Dichters, das am 1. August 1894 in Halle (Saale) vor der Chirurgischen Universitätsklinik an der Magdeburger Straße feierlich enthüllt wurde.

Medaille

Die Mitteldeutsche Chirurgenvereinigung verleiht die Volkmann-Medaille alljährlich an verdiente Chirurgen.

Literatur

Commons: Richard von Volkmann – Sammlung von Bildern
Wikisource: Richard von Volkmann – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. ↑ Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band II: Künstler. Winter, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-8253-6813-5, S. 705–707.
  2. ↑ Ernst August Gries: Progreßburschenschaftler in Halle 1844 - 1852. Fürstenthal Halle (Burschenschaftsgeschichte.de), Hrsg. Harald Lönnecker, Frankfurt am Main 2005.
  3. ↑ Karl Rügemer (Hrsg.): Kösener Korps-Listen von 1798 bis 1910. Verlag der Academischen Monathefte, Starnberg 1910, 57/229; 99 (Corps)/211 (Lfd. Nr. dort).
  4. ↑ Habilitationsschrift: Bemerkungen über einige vom Krebs zu trennende Geschwülste.
  5. ↑ Simone Trieder: Richard von Volkmann-Leander, Chirurg und Literat. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2006, ISBN 3-89812-353-7, S. 132 f.
  6. ↑ Ernst Gurlt: Volkmann-Leander, Richard von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 40, Duncker & Humblot, Leipzig 1896, S. 238–240.
  7. ↑ A. Freiherr von Houwald: Brandenburg-Preußische Standeserhebungen und Gnadenakte für die Zeit 1873-1918. C. A. Starke, Görlitz 1939, S. 43.
  8. ↑ Volkmanns Grab (Memento vom 29. April 2023 im Internet Archive)
  9. ↑ Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Briefadeligen Häuser. 1907. Erster Jahrgang, Justus Perthes, Gotha 1906, S. 679.
  10. ↑ Träumereien an französischen Kaminen. Märchen. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1871 – Die Märchen wurden und werden von zahlreichen Verlagen veröffentlicht.
  11. ↑ Wenzel (2011)
  12. ↑ Mitgliedseintrag von Richard von Volkmann (mit Bild) bei der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, abgerufen am 18. Juni 2016.
  13. ↑ Preisträger der Volkmann-Medaille bei der Mitteldeutschen Chirurgenvereinigung, abgerufen am 25. März 2022.
Personendaten
NAME Volkmann, Richard von
ALTERNATIVNAMEN Leander, Richard (Pseudonym)
KURZBESCHREIBUNG deutscher Chirurg und Märchendichter
GEBURTSDATUM 17. August 1830
GEBURTSORT Leipzig
STERBEDATUM 28. November 1889
STERBEORT Jena