Rima Hassan

Rima Hassan (2024)

Rima Hassan Moubarak (* 28. April 1992 in Nayrab, Aleppo, Syrien) ist eine französische Juristin, Aktivistin und Politikerin der La France Insoumise (LFI). Im Juni 2024 wurde sie ins Europäische Parlament gewählt.

Leben

Herkunft und Familie

Rima Hassan wurde 1992 im Flüchtlingslager in Nayrab in Aleppo als staatenlose Palästinenserin geboren. Sie hat eine Schwester und vier Brüder und ist die jüngste der sechs Geschwister. Ihre Vorfahren väterlicherseits wurden im Zuge der Nakba 1948 aus dem Dorf Al-Birwa bei Akkon vertrieben; ihr Großvater mütterlicherseits stammt aus Salfit. Rima Hassans Mutter Nabiha war Lehrerin, ihr Vater Ahmad Elektrotechniker bei der Syrischen Luftwaffe.

Nach der Scheidung ihrer Eltern zog ihre Mutter zu ihrer Schwester nach Niort in Frankreich, wo sie eine Aufenthaltsbewilligung erhielt. Hassan lebte währenddessen bei ihrer Großmutter; ihr Vater hatte erneut geheiratet und lebt weiterhin im Flüchtlingslager in Nayrab. Um 2001–2002 konnten Rima Hassan und ihre Geschwister der Mutter nach Niort folgen. Mit 18 erlangte sie die Staatsbürgerschaft von Frankreich.

Ausbildung und berufliche Karriere

In Niort ging sie zur Schule und wurde in den Kinderrat gewählt. Nach ihrem Baccalaureat von der Ecole Venise Verte in Niort begann sie, Rechtswissenschaften an der Universität Évry, später an der Universität in Montpellier zu studieren, wo sie 2014 ihren Bachelor bekam. Nachdem sie für den Master ein Jahr im Libanon gelebt hatte, legte sie ihre Thesis zum Thema Apartheid in Südafrika und Israel an der Sorbonne in Paris ab.

Nach dem Abschluss arbeitete sie ab 2016 bei der Office français de protection des réfugiés et apatrides (Ofpra), wo sie eine Studie über die Flüchtlingslager vorbereitete. Von 2017 bis Ende 2023 war sie für sechs Jahre Juristin beim Nationalen Asylgerichtshof von Frankreich (CNDA) tätig. 2019 gründete sie die NGO Observatoire des camps de réfugiés. Für das Observatoire nahm sie an einem Runden Tisch der Emmaüs Solidarité zum Internationalen Tag der Flüchtlinge teil.

Politische Laufbahn

Im Jahr 2023 nahm sie an einer Veranstaltung der Les Verts in Le Havre als Gründerin des Observatoire des camps de réfugiés teil. Im März 2024 wurde sie als Kandidatin für die linkspopulistische LFI für das Europäische Parlament bekanntgegeben. Am 9. Juni 2024 wurde sie ins Europäische Parlament gewählt.

Positionen zum Nahostkonflikt

Auf den Slogan From the River to the Sea angesprochen, den einige als Infragestellung der Existenz Israels ansehen, verteidigte sie sich und bekräftigte, dass sie das Existenzrecht Israels nicht in Frage stelle, aber gleiche Rechte für Israelis wie auch Palästinenser zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer befürworte.

Hassan forderte die Beendigung des EU-Israel-Abkommens, welches im Jahre 2000 geschlossen wurde, und unterstützt Sanktionen gegen Israel für dessen Politik gegenüber den Palästinensern. Sie hält eine Zweistaatenlösung nicht für möglich und schlägt als Alternative die Erschaffung einer Föderation nach dem Beispiel der Schweiz vor. Sie kritisierte, dass bei der Sanktionierung Russlands für die Invasion in der Ukraine und der „Straflosigkeit“, welche Israel trotz der Verstöße gegen internationale Resolutionen genieße, mit zweierlei Maß gemessen werde.

Hassan äußerte 2023 in einem Interview, in dem sie nur mit „wahr“ oder „falsch“ antworten sollte, Zustimmung zu dem Statement, dass die Hamas legitime Maßnahmen ergreife. Später stellte sie klar, dass sie damit den politischen Flügel der Hamas gemeint habe, aber die Aktionen des bewaffneten Flügel ablehne und verurteilte. Das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 bezeichnet sie als Kriegsverbrechen und terroristisches Vorgehen.

2024 postete Hassan auf X, Israel sei „eine Monstrosität“ und den „Palästinensern in den Rücken zu schießen“ sei eine „israelische Spezialität“. Im Mai 2024 warf sie der französischen Regierung vor, dass diese sich ihre Haltung zu Israel vom CRIF, dem jüdischen Dachverband des Landes, diktieren lasse. Rund 50 Abgeordnete der französischen Nationalversammlung reichten im August 2024 bei der Pariser Staatsanwaltschaft ein Schreiben mit der Bitte um die Einleitung strafrechtlicher Schritte gegen Hassan ein, in dem zahlreiche Aussagen Hassans aufgelistet sind, darunter auch jene, in der sie sich gegen das Recht Israels aussprach, sich nach den Hamas-Massakern am 7. Oktober 2023 zur Wehr zu setzen. Aufgeführt wurde auch eine Teilnahme Hassans an einer Kundgebung in Amman am 16. August 2024, auf der Dutzende Porträts des kurz zuvor getöteten Hamas-Chefs Ismail Haniyya geschwenkt wurden. Von den Abgeordneten wurde ihr „kaum verhüllte Unterstützung der Terrororganisation Hamas“ vorgeworfen. Laut Hassan handelte es sich bei dem Ereignis um eine Kundgebung, die jeden Mittwoch dort stattfand und die palästinensische Sache unterstützte. In keiner Weise sei es eine Pro-Hamas-Veranstaltung oder Solidaritätskundgebung für Hamas-Führer. Dafür, dass Teilnehmer dort auch ihre Unterstützung für die Hamas kundtäten, könne man sie nicht verantwortlich machen, so Hassan.

Ende Februar 2025 wurde ihr zusammen mit der irischen Politikerin Lynn Boylan die Einreise nach Israel am Ben Gurion Flughafen in Tel Aviv verwehrt. Hassan wurde beschuldigt, einen Boykott von Israel zu unterstützen. Anfang Juni 2025 beteiligte sich Hassan an der Mission der Freedom Flotilla Coalition und segelte an Bord der Segelyacht Madleen gemeinsam mit weiteren Aktivisten und Journalisten, u. a. Umweltaktivistin Greta Thunberg und Game-of-Thrones-Schauspieler Liam Cunningham, von Sizilien aus in Richtung Gaza, um – laut der Freedom Flotilla – die israelische Blockade Gazas zu durchbrechen. Das Boot wurde von der israelischen Marine aufgebracht und die Besatzung in israelische Verwahrung genommen. Im Gegensatz zu anderen Besatzungsmitgliedern verweigerte Hassan eine freiwillige Ausreise. Nach drei Tagen Haft wurde sie aus Israel abgeschoben. Nach ihrer Ankunft in Paris sagte sie auf einer Kundgebung, es würden sich bald weitere Boote auf den Weg nach Gaza machen.

Am 26. März 2026 postete sie auf X ein Zitat des japanischen Terroristen Kōzō Okamoto, einem der Täter des Massakers 1972 am Flughafen Lod–Tel-Aviv. Die nationale französische Stelle zur Verfolgung von Hassrede im Internet (Pôle national de lutte contre la haine en ligne, PNLH) bei der Staatsanwaltschaft Paris eröffnete daraufhin ein beschleunigtes Verfahren gegen Hassan wegen Apologie des Terrorismus. Dieses Verfahren gestattete der Behörde unter anderem auch, Hassan in Polizeigewahrsam zu nehmen, ohne dass zuvor ihre parlamentarische Immunität aufgehoben worden war. Den zunächst für den 7. Juli 2026 anberaumten Prozess gegen sie vertagte die 10. Pariser Strafkammer auf den 19. und 20. Oktober 2026.

Anerkennungen

Sie wurde von Forbes France als eine der 40 Frauen des Jahres 2023 ausgezeichnet, doch die für März 2024 geplante Preisverleihung im Hotel Ritz in Paris wurde abgesagt. Bei L’Oréal war sie ein Mitglied des Global Council für Diversität und Inklusion, doch wurde sie von ihrem Auftrag für L’Oréal im November 2023 entbunden. In den Medien wurde sie mit Greta Thunberg oder Leila Shahid verglichen.

Commons: Rima Hassan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Rima Hassan, juriste, dénonce «cet élan qui consiste à nuire aux paroles palestiniennes». In: Radio France Internationale. 24. Februar 2024, abgerufen am 11. Oktober 2026 (französisch).
  2. 1 2 3 4 5 6 Rima Hassan : "L’intégration ne se dicte pas, elle se vit". La Nouvelle Republique, 27. November 2023, abgerufen am 12. Juni 2024 (französisch).
  3. 1 2 Rima Hassan, la Palestine à cœur et à cris. In: Libération. 27. Oktober 2023 (liberation.fr [abgerufen am 11. Oktober 2026]).
  4. ↑ « Être réfugiée palestinienne, c’est vivre en quête de son identité ». In: Association France Palestine Solidarité. Abgerufen am 11. Juni 2024 (französisch).
  5. ↑ Rima Hassan, à l’origine de l’Observatoire des camps de réfugiés, se veut la voix des «indésirables». In: Le Parisien. 28. Mai 2022, abgerufen am 11. Oktober 2026 (französisch).
  6. ↑ For lawyer Rima Hassan, Palestine is the beat of her heart. 18. Januar 2024 (lemonde.fr [abgerufen am 10. Juni 2025]).
  7. ↑ La très controversée Rima Hassan a suivi sa scolarité en Deux-Sèvres. In: Ouest-France. Abgerufen am 10. Juni 2025.
  8. ↑ Européennes : Rima Hassan en campagne à Niort, « vous, je ne peux pas vous voir ! ». In: La Nouvelle Republique. 3. Juni 2024, abgerufen am 11. Juni 2024 (französisch).
  9. ↑ La très controversée Rima Hassan a suivi sa scolarité en Deux-Sèvres. In: Le Courrier Ouest France. 18. März 2024, abgerufen am 12. Juni 2024 (französisch).
  10. ↑ Rima Hassan : "L'intégration ne se dicte pas, elle se vit". In: La Nouvelle République du Centre-Ouest. 27. November 2021, abgerufen am 10. Juni 2025 (französisch).
  11. ↑ Amélie Poinssot: Rima Hassan, réfugiée palestinienne : « Nous subissons une punition collective ». In: Mediapart. 29. Oktober 2023, abgerufen am 10. Juni 2025 (französisch).
  12. 1 2 For lawyer Rima Hassan, Palestine is the beat of her heart. In: Le Monde.fr. 18. Januar 2024 (lemonde.fr [abgerufen am 12. Juni 2024]).
  13. 1 2 Harrison Stettler: France’s Left Must Take a Stand for Palestine. Jacobin, 4. April 2024, abgerufen am 11. Juni 2024 (amerikanisches Englisch).
  14. ↑ Journée mondiale des Réfugiés : on se mobilise en ligne (et en musique). 19. Juni 2020, abgerufen am 12. Juni 2024 (französisch).
  15. ↑ avec AFP: Les Journées d’été des écologistes se dérouleront au Havre dès le 24 août, le rappeur Médine invité. 31. Juli 2023, abgerufen am 11. Juni 2024 (französisch).
  16. 1 2 Théo Bourgery-Gonse: Französische Linke nimmt vor Wahlen EU-"Kriegstreiber" ins Visier. In: Euractiv. 18. März 2024, abgerufen am 12. Juni 2024 (deutsch).
  17. 1 2 Mission accomplie pour l’Insoumise Rima Hassan, élue au Parlement européen. In: La Voix du Nord. 9. Juni 2024, abgerufen am 12. Juni 2024 (französisch).
  18. 1 2 Forbes : la cérémonie des « 40 femmes de l’année » annulée à cause de la présence de la militante Rima Hassan. In: LeParisien.fr. 3. Februar 2024, abgerufen am 12. Juni 2024 (französisch).
  19. ↑ Rima Hassan juge qu'« Israël, c’est pire que la Russie ». In: 20 minutes. 6. Mai 2024, abgerufen am 10. Juni 2025 (französisch).
  20. ↑ Robin Andraca, Alizée Vincent: "Action légitime" du Hamas : autopsie de la polémique Rima Hassan. In: Arrêt sur images. Abgerufen am 9. Juni 2025.
  21. ↑ Michael Thaidigsmann: Die Hetzerin. In: Juedische-Allgemeine.de, 3. September 2024.
  22. ↑ Des elus Renaissance dénoncent la présence de Rima Hassan à une manifestation «pro-Hamas» en Jordanie. In: LeMonde.fr, 22. August 2024 (französisch).
  23. ↑ Israel refuses entry to 2 EU lawmakers and accuses 1 of promoting boycotts of it. 24. Februar 2025, abgerufen am 25. Februar 2025 (englisch).
  24. ↑ Yossi Lempkowicz: ’ Member of the EU Parliament Rima Hassan banned from entering Israel. In: European Jewish Press. Abgerufen am 30. Mai 2025 (englisch).
  25. ↑ Umstrittene Aktion : Wie hilfreich ist Greta Thunbergs Segeltrip nach Gaza? 5. Juni 2025, abgerufen am 7. Juni 2025.
  26. ↑ Les infos de 12h30 - Gaza : pourquoi Rima Hassan et trois autres Français refusent leur expulsion d'Israël. RTL, 10. Juni 2025, abgerufen am 10. Juni 2025 (französisch).
  27. ↑ Sascha Garcia, AFP: Rima Hassan de retour en France : «Le prochain bateau est bientôt prêt à partir» pour Gaza. Libération, 12. Juni 2025, abgerufen am 15. Juni 2025 (französisch).
  28. ↑ Christophe Ayad: Rima Hassan : des centaines de tweets, des dizaines de plaintes et un procès pour « apologie du terrorisme ». In: lemonde.fr. 27. August 2026, abgerufen am 27. August 2026 (französisch).
  29. ↑ Forbes: CLASSEMENT | 40 FEMMES FORBES | Rima Hassan. 22. August 2023, abgerufen am 12. Juni 2024 (französisch).
  30. 1 2 Rima Hassan : les ambiguïtés d’une "Greta Thunberg" de la cause palestinienne. In: L’Express. 29. Januar 2024, abgerufen am 12. Juni 2024 (französisch).
  31. ↑ Propos anti-Israël: L’Oréal suspend sa conseillère pour la diversité et le droits des réfugiés. In: Times of Israel. November 2023, abgerufen am 12. Juni 2024 (französisch).
Personendaten
NAME Hassan, Rima
ALTERNATIVNAMEN Hassan Moubarak, Rima (vollständiger Name)
KURZBESCHREIBUNG französisch-palästinensische Juristin und Politikerin (LFI), MdEP
GEBURTSDATUM 28. April 1992
GEBURTSORT Nayrab, Aleppo, Syrien