Robert Seethaler

Robert Seethaler 2023

Robert Seethaler (* 7. August 1966 in Wien) ist ein österreichisch-deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor und Schauspieler.

Leben

Robert Seethaler wuchs in einer Arbeiterfamilie im zehnten Wiener Gemeindebezirk Favoriten auf. Die Mutter war Sekretärin, der Vater Schlosser und Holzschnitzer. Aufgrund eines angeborenen Augenfehlers (minus 18–19 Dioptrien) wurde er mehrfach an den Augen operiert und besuchte eine Volksschule für Blinde und Sehbehinderte, ehe er auf ein Gymnasium wechselte, das er im Alter von fünfzehn Jahren wieder verließ. Es folgten verschiedene Tätigkeiten und Aufenthaltsorte, so begann er eine Lehre als Verkäufer und war Botenjunge bei der österreichischen Tageszeitung Kurier, wo er auch kleinere Texte für den Sportteil schrieb. Hiernach ging er für einige Monate nach Israel, wo er auf einer Truthahnfarm arbeitete. Er war zeitweise als Physiotherapeut tätig und verkaufte Schallplatten. Später holte er nach eigenen Aussagen die Matura nach und begann ein Studium der Psychologie, welches er jedoch abbrach.

Seethaler besuchte die Schauspielschule im Wiener Volkstheater und wirkte in einer Vielzahl von Produktionen für Kino und Fernsehen sowie an Theatern in Wien, Berlin, Stuttgart und Hamburg mit. Dem Fernsehpublikum ist er als „Dr. Kneissler“ in der Serie Ein starkes Team bekannt. 2015 war Robert Seethaler neben Rachel Weisz, Michael Caine, Harvey Keitel, Jane Fonda und Paul Dano in der Rolle des Luca Moroder in Paolo Sorrentinos Kinofilm Ewige Jugend zu sehen, der im selben Jahr den Europäischen Filmpreis erhielt (bester Film, beste Regie). 2004 besuchte Robert Seethaler die Drehbuchwerkstatt München, wo sein dort entwickeltes Drehbuch-Debüt Heartbreakin’ mit dem Tankred-Dorst-Preis ausgezeichnet wurde. Im selben Jahr begann Seethalers literarisches Schaffen mit dem an Heartbreakin’ angelehnten Roman Die Biene und der Kurt. Es folgten die Romane Die weiteren Aussichten, Jetzt wirds ernst und Der Trafikant (Kein & Aber) sowie Ein ganzes Leben, Das Feld, Der letzte Satz (Hanser Verlag) und 2023 Das Café ohne Namen (claassen/Ullstein).

2016 stand Seethalers fünfter Roman Ein ganzes Leben („A Whole Life“) auf der Shortlist für den 2016 International Booker Prize.

2023 stand er in Frankreich mit Le Café sans Nom (dt. Das Café ohne Namen) als erster deutschsprachiger Autor im Finale sowohl des Prix Médicis als des Prix Femina.

Am 3. März 2022 wurde Robert Seethaler das goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen. Er ist einer der Erstunterzeichner eines Offenen Briefs an Bundeskanzler Scholz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, in dem am 29. April 2022 vor einer Fortsetzung der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine gewarnt wird.

Am 30. April 2026 fand die Uraufführung seines ersten Original-Theaterstücks "Vernissage" am ETA Hoffmann Theater in Bamberg statt.

Seit dem Frühjahr 2026 hält Robert Seethaler ein Schreib-Seminar am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst in Wien.

Robert Seethaler lebt in Berlin und Wien. Er ist Vater eines 2009 geborenen Sohnes.

Literarisches Werk

Robert Seethaler, Lesung am Michaeli-Gymnasium München 2013

„Die Grundstimmung meines Lebens ist die Sehnsucht nach Stille“, sagt Seethaler in einem Interview mit der Zeitschrift Stern. „Das Schreiben ist für mich, als würde ich dem Schweigen Worte abringen.“ Die Literatur entwickele sich aus der Sprache, nicht aus dem Schicksal, so Seethaler. Im Spiegel lobte Elisa von Hof Seethalers Sprache als eine besondere: „Mit schnörkellosen Sätzen schält er alles Beiwerk ab, bis der Kern offenliegt. Das, was vom Leben übrig bleibt, wenn man mit Abstand daraufguckt.“

Im Frühjahr 2006 erschien Seethalers erster Roman Die Biene und der Kurt als literarische Adaption seines Drehbuches Heartbreakin’ . Der Roman erhielt im Jahr darauf den Debütpreis des Buddenbrookhauses in Lübeck. 2008 bis 2012 erschienen die Romane Die weiteren Aussichten, Jetzt wird's ernst sowie Der Trafikant im Verlag Kein & Aber (Zürich). Seit 2017 ist „Der Trafikant“ Schullektüre und Abiturstoff (Zentralabitur) in Baden-Württemberg sowie in Nordrhein-Westfalen. Der Roman steht seit seinem Erscheinen fast ununterbrochen in den Bestsellerlisten von Buchreport und Spiegel und überschritt 2021 die Marke von einer Million verkauften Exemplaren. 2014 erschien der Roman Ein ganzes Leben über den Seilbahnarbeiter Andreas Egger bei Hanser Berlin. Das Buch wurde ein großer internationaler Erfolg mit Übersetzungen in über 40 Sprachen und stand auf der Shortlist für den International Booker Prize. (Zusammen mit der Übersetzerin Charlotte Collins) Im 2018 erschienenen Roman Das Feld lässt Seethaler 29 Tote auf einem kleinstädtischen Friedhof ihre miteinander verwobenen Geschichten erzählen. 2020 erschien der Der letzte Satz, in dem der Komponist und Dirigent Gustav Mahler auf seiner Reise von Amerika nach Europa im April 1911 an Bord des Dampfers Amerika an sein Leben und Wirken zurückdenkt. Im 2023 erschienenen Roman Das Café ohne Namen erzählt Seethaler von einem Wiener Vorstadtcafé und seinen unterschiedlichen Gästen. Ende April 2026 erschien Die Straße. Der vielstimmige Roman erzählt vom Leben vieler Bewohner einer unscheinbaren Straße, er erreichte in der ersten Woche seines Erscheinens Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und wurde von einem Großteil des Feuilletons mit Begeisterung aufgenommen. Die Straße, Das Feld, Der letzte Satz und Das Café ohne Namen führten zusammen insgesamt zwanzig Wochen die Spiegel-Bestsellerliste Hardcover Belletristik an. Ein ganzes Leben hielt den ersten Platz in der Spiegel-Bestsellerliste Taschenbuch für zwei Wochen. Seit 2016 wurden Die Biene und der Kurt, Der Trafikant, Ein ganzes Leben sowie Das Feld für das Theater dramatisiert (Rowohlt Theater Verlag) und an verschiedenen Bühnen im deutschsprachigen Raum aufgeführt.

Werkbearbeitungen/Theater/Film

Am 20. Oktober 2016 erfolgte an der Württembergischen Landesbühne die Uraufführung einer Dramatisierung von Der Trafikant (Regie: Hans-Ulrich Becker). In den Jahren darauf folgten eine Reihe weiterer Aufführungen, unter anderem am Volkstheater Wien, dem Landestheater Salzburg, dem Theater Freiburg sowie an Theatern in Bonn, Bremen, Karlsruhe, Bremen, Münster, Krefeld, Aachen, Neuss und Stuttgart. Im November 2019 kam es am Staatstheater Wiesbaden zur Uraufführung einer Dramatisierung von Das Feld (Bühnenfassung und Regie: Marie Schwesinger), gefolgt von weiteren Inszenierungen am (Puppen)Theater Curioso Darmstadt und am Theater Laboratorium Oldenburg. Im selben Jahr hatte am Landestheater Schwaben die Dramatisierung von Ein ganzes Leben Premiere (Regie: Jana Milena Polasek) Im Oktober 2020 brachte die Württembergische Landesbühne eine Bühnenfassung von Die Biene und der Kurt zur Aufführung (Regie: Christine Gnann).

Am 30. April 2026 fand die Uraufführung seines ersten Theaterstücks "Vernissage" am ETA Hoffmann Theater in Bamberg statt. Das Stück "Erwin stirbt" liegt frei zur Uraufführung beim Rowohlt Theaterverlag.

Der Film nach Seethalers Drehbuch zu Die zweite Frau wurde von Hans Steinbichler realisiert und hatte seine Premiere im Rahmen des Münchner Filmfestes. Er lief unter anderem am Toronto International Film Festival und erhielt 2009 drei Grimme-Preise sowie eine Nominierung für den Europäischen Medienpreis für Integration. In den Hauptrollen spielen Matthias Brandt und Monica Bleibtreu. Der Film Der Trafikant nach dem gleichnamigen Roman wurde 2018 fertiggestellt und lief in deutschsprachigen und internationalen Kinos. Die Hauptrollen übernahmen Bruno Ganz (als Sigmund Freud) und Simon Morzé. Robert Seethaler wirkt in einem Cameo-Auftritt als Gestapo-Mann mit. Der Film Ein Ganzes Leben nach dem gleichnamigen Roman wurde 2022 unter der Regie von Hans Steinbichler in der Marktgemeinde Matrei in Osttirol gedreht und hatte 2023 Premiere beim Filmfest Zürich.

Veröffentlichungen

Sekundärliteratur

Theaterstücke

Drehbücher

Filmografie (Auswahl)

Auszeichnungen

Literatur

Commons: Robert Seethaler – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Alexander Kern: Wie Wahlberliner Robert Seethaler über das Wesen Österreichs denkt. In: Kurier. Kurier Österreich, K-digital Medien GmbH, 27. Oktober 2024, abgerufen am 28. Oktober 2024.
  2. 1 2 David Baum: Verschwommen sehe ich klar. In: Stern. Stern Magazin, 30. Juli 2020, abgerufen im Jahr 2023.
  3. 1 2 Robert Seethaler auf Lektuerenhilfe.de, abgerufen am 1. Oktober 2024
  4. ↑ BR Mediathek: Sendung Capriccio vom 4. Dezember 2014 über Robert Seethaler: Das Unglück ist nötig, um Glück zu empfinden (Memento vom 8. Januar 2015 im Internet Archive)
  5. 1 2 Elisa von Hof: Der Gefühlsmann. In: Der Spiegel. Spiegel Magazin, 1. August 2020, abgerufen im Jahr 2023.
  6. ↑ Robert Seethaler im Interview mit Julia Rothhaas: „Ich sitze bei meinen Lesungen und schäme mich.“ 14. September 2018
  7. ↑ Agentur Kelterborn (Memento des Originals vom 9. Februar 2019 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. abgerufen am 16. Februar 2016.
  8. ↑ Euroean Film Awards: EFA Night 2015. In: EFA. EFA Awards, 2015, abgerufen im Jahr 2022.
  9. ↑ Hanser Verlag: Seethaler Bücher. In: Hanser Berlin. Hanser Verlage, 2016, abgerufen im Jahr 2022.
  10. 1 2 the booker prizes: the international booker prize. In: short list. booker prize, 2016, abgerufen im Jahr 2022 (englisch).
  11. ↑ Österreichische Botschaft Berlin: Ordensverleihung an Schriftsteller Seethaler. Österreichische Botschaft, 3. März 2022, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 10. April 2023; abgerufen im Jahr 2023.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  12. ↑ Der Offene Brief an Kanzler Olaf Scholz. In: Emma. 29. April 2022, abgerufen am 30. April 2022.
  13. 1 2 Yvonne Poppek: Eine Bühne für den Bestsellerautor. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 100 (2026). München 2. Mai 2026, S. R11.
  14. ↑ Dirk von Nayhauß: Bloß kein Taschentuch. In: Chrismon – das evangelische magazin. 2018, abgerufen im Jahr 2022.
  15. ↑ Superprof: Deutsch-Abitur 2023: Die Pflichtlektüre. In: Superprof Plattform. Superprof Plattform, 9. August 2022, abgerufen im Jahr 2023.
  16. ↑ Die zweite Frau. In: filmportal.de. Deutsches Filminstitut, abgerufen am 1. Oktober 2024.
  17. ↑ Der Trafikant. In: filmportal.de. Deutsches Filminstitut, abgerufen am 1. Oktober 2024.
  18. ↑ Neues Buch „Trotteln“: Superhelden sind so. In: taz.de. 9. Juli 2025, abgerufen am 9. Juli 2025.
  19. ↑ orf.at – Wiener Autor Seethaler erhält Grimmelshausen-Preis. Artikel vom 31. Juli 2015, abgerufen am 31. Juli 2015.
  20. ↑ orf.at – Robert Seethaler erhält Anton-Wildgans-Preis 2017. Artikel vom 24. Februar 2017, abgerufen am 24. Februar 2017.