
Das Rockall-Plateau (englisch Rockall Plateau) ist ein ausgedehnter Flachwasserbereich im nordöstlichen Atlantik westlich der Britischen Inseln, der als Mikrokontinent – ein während der Öffnung des Nordatlantiks isoliertes Fragment kontinentaler Kruste – interpretiert wird. Das Plateau erstreckt sich über etwa 800 km in Nordost-Südwest-Richtung und rund 300 km in der Breite und erhebt sich aus Wassertiefen von über 3000 m im umgebenden Islandbecken (im Westen) und Rockall-Trog (im Osten) auf Scheiteltiefen von unter 500 m auf seinen Bänken. Der einzige subaerische Ausdruck des Plateaus ist die kleine Felsinsel Rockall – ein rund 17 m hoher Granitfelsen, der rund 300 km westlich von St. Kilda liegt.
Das Rockall-Plateau gliedert sich in eine Reihe nordost-südwest-streichender bathymetrischer Hochzonen und Becken:
Die Rockall Bank bildet den südöstlichen Teil des Plateaus mit minimalen Wassertiefen von unter 200 m. Auf ihr ist das frühproterozoische kristalline Grundgebirge des Plateaus – Gneise und Granulite der Rockall-Bank/Islay-Terrane – am Meeresboden aufgeschlossen, und auf ihr erhebt sich die Felsinsel Rockall, die aus einem paläogenen Ägirin-Granit (52 ± 9 Ma) besteht.
Die Hatton Bank bildet den nordwestlichen Teil des Plateaus mit Scheiteltiefen von rund 500 m und ist von einer mächtigen Sediment- und Flutbasaltdecke überlagert. Ihr westlicher Rand zeigt die charakteristischen seewärts einfallenden Reflektoren (SDR) eines vulkanischen Riftrands.
Zwischen Rockall Bank und Hatton Bank liegt das Hatton-Rockall-Becken (englisch Hatton-Rockall Basin) – ein rund 800 km langes und 150 km breites Sedimentbecken, das in gedünnter kontinentaler Kruste angelegt ist und Wassertiefen von über 1000 m erreicht.
Im Nordosten schließt die George Bligh Bank an, im Südwesten liegen die kleineren Edoras Bank, Fangorn Bank und Lorien Bank (siehe Karte).
Das Rockall-Plateau ist ein Relikt des laurentischen Kontinents, das während der mehrstufigen Öffnung des Nordatlantiks isoliert wurde. Seismische Refraktionsmessungen zeigen, dass das Plateau von kontinentaler Kruste unterlagert wird: unter der Rockall Bank beträgt die Krustendicke rund 33 km, unter dem Hatton-Rockall-Becken rund 22 km, bei typisch kontinentalen P-Wellengeschwindigkeiten (6,4 und 7,1 km/s in den Hauptkrustenschichten) – ein eindeutiger Beleg für seinen kontinentalen Charakter.
Die Isolierung des Rockall-Plateaus erfolgte in zwei Phasen: Zunächst trennte die Bildung des Rockall-Trogs – möglicherweise durch Riftprozesse im späten Jura oder in der frühen Kreide – das Plateau von der europäischen Hauptmasse. In einer zweiten Phase führte die Verlagerung der Spreizungsachse auf den heutigen Reykjanesrücken im frühen Eozän (~56–52 Ma) zur Abtrennung des Plateaus von Grönland. Beide Phasen waren von intensivem Vulkanismus begleitet, der zur Nordatlantischen Magmatischen Provinz (NAIP) gehört und auf dem Plateau ausgedehnte Lavadecken, Intrusivkomplexe und pyroklastische Ablagerungen hinterließ.
Das Rockall-Plateau bildet eine markante topographische Barriere im Strömungssystem des subpolaren Nordatlantiks. Es trennt das Islandbecken im Westen vom Rockall-Trog im Osten und beeinflusst damit die Pfade des Nordatlantikstroms und der tiefen Wassermassen:
Der Nordatlantikstrom transportiert warmes, salzreiches Wasser nordostwärts; ein Teil strömt durch den Rockallgraben östlich des Plateaus, ein anderer Teil überquert das Plateau oder passiert es westlich und tritt über den Reykjanesrücken in das Irmingerbecken ein. Der Rockallgraben bildet dabei einen der Hauptpfade für den Wärmetransport in Richtung der Nordischen Meere und ist eng mit der Variabilität des nordatlantischen Klimas verknüpft.
An den Hängen und auf den Bänken des Plateaus interagieren tiefe Strömungen – insbesondere Island-Schottland-Overflow-Wasser (ISOW) und Labradorseewasser (LSW) – mit der Topographie und bilden Konturitdriftkörper: den Hatton-Drift auf der Westflanke der Hatton Bank und den Feni-Drift am Südosthang des Plateaus im Rockallgraben. Diese Driftkörper liefern paläoklimatische Archive, die Veränderungen der Tiefenwasserzirkulation über Millionen von Jahren dokumentieren.
Die flachen Bänke des Rockall-Plateaus beherbergen ökologisch bedeutsame Lebensgemeinschaften. Auf der Rockall Bank und der Hatton Bank finden sich Kaltwasserkorallenriffe – insbesondere Lophelia pertusa (seit 2023: Desmophyllum pertusum) – sowie Tiefseeschwamm-Aggregationen, die als OSPAR-geschützte Habitattypen gelten. Am Südosthang des Plateaus im Rockallgraben liegen die Darwin Mounds – ein Feld kleiner, sandiger Hügel mit Kaltwasserkorallenbesiedlung, das 2003 als eines der ersten Hochsee-Meeresschutzgebiete der EU unter Schutz gestellt wurde. Die britische Regierung hat zudem das Hatton-Rockall Basin MPA zum Schutz der Tiefseeschwammgemeinschaften und Sedimenthabitate eingerichtet. Die Bänke des Plateaus werden seit Jahrzehnten von europäischen Fischereiflotten – insbesondere für den Fang von Granatbarsch und Grenadierfischen – befischt, was zu Konflikten mit dem Schutz der benthischen Ökosysteme führt.
Das Rockall-Plateau ist zudem Gegenstand ungelöster seerechtlicher Fragen: Großbritannien, Irland, Island und Dänemark (für die Färöer) erheben überlappende Ansprüche auf den Festlandsockel und die Ausschließliche Wirtschaftszone im Bereich des Plateaus.