Rudolf Goldscheid

Rudolf Goldscheid (Pseudonym Rudolf Golm; * 12. August 1870 in Wien; † 6. Oktober 1931 ebenda) war ein österreichischer Privatgelehrter, der sich als Soziologe, Philosoph und Schriftsteller betätigte. Er zählt zu den Pionieren der Soziologie im deutschsprachigen Raum.

Leben

Goldscheid entstammte einer wohlhabenden assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie. Er war das sechste und letzte Kind seiner Eltern Moses Hirsch Goldscheid und Betty Goldscheid (geb. Reitzes), die es in Galizien zu einem kleinen Vermögen gebracht hatten und sich in Wien zur Ruhe gesetzt hatten. Beherrschendes Oberhaupt der Familie war der Bruder der Mutter, Sigmund Reitzes, Bankier und einer der führenden Finanzgrößen Wiens. Dessen Einfluss versuchte Goldscheid sich bereits seit jungen Jahren zu entziehen, wurde aber dennoch von ihm finanziell so versorgt, dass er auf eigenen Gelderwerb nicht angewiesen war.

Er verließ das Gymnasium ohne Abitur, widmete sich unter Pseudonym der Dichtkunst und hörte an der Universität Wien Vorlesungen zur Philosophie, darunter auch solche des Wissenschaftstheoretikers Ernst Mach. Als Rudolf Golm verfasste Goldscheid zwei Dramen, eine Novelle und drei Romane. Einer der Romane wurde ins Englische übersetzt. In seinen schriftstellerischen Arbeiten stehen Frauenfragen im Vordergrund, laut Rosa Mayreder kam ihm eine Pionierstellung auf dem Gebiet der Frauenliteratur zu.

1907 war er in Wien mit Wilhelm Jerusalem, Michael Hainisch, Max Adler u. a. Mitbegründer der Soziologischen Gesellschaft. 1909 war er Initiator und mit Ferdinand Tönnies, Max Weber, Georg Simmel Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in Berlin. Im Werturteilsstreit, der besonders auf den ersten beiden Soziologentagen der DGS ausgetragen wurde, war er Hauptkontrahent von Weber und Werner Sombart.

1911 trat er dem Deutschen Monistenbund bei. Zwischen 1912 und 1917 war Goldscheid Präsident des Österreichischen Monistenbundes, der aus der „Ortsgruppe Wien des Deutschen Monistenbundes“ entstand. Er widmete sich besonders einer „Menschen-Ökonomie“ und stritt für eine Umwandlung des „Steuerstaates“ (vgl. dazu Joseph Schumpeter) in einen selber wirtschaftenden Staat. Durch seine diesbezüglichen Arbeiten gilt er als Begründer der Finanzsoziologie. Goldscheid war Freimaurer bei der Loge „Ardens“ in Wien.

Als Pazifist übernahm er im Ersten Weltkrieg die Redaktion der Friedens-Warte und gehörte anschließend auch zu deren Herausgeberkreis. 1921 wurde er in den Vorstand der Deutschen Liga für Menschenrechte gewählt, deren Vorläuferorganisation Bund Neues Vaterland Goldscheid ebenfalls angehörte. Goldscheid beteiligte sich zudem an den Vorbereitungen für eine „österreichische Nationalsektion“ der 1922 in Paris gegründeten Fédération internationale des ligues des droits de l’Homme, die jedoch mit Schwierigkeiten verbunden war. 1926 konnte dann die Österreichische Liga für Menschenrechte gegründet werden, zu deren „Erstem Vizepräsidenten“ Goldscheid gewählt wurde, was er bis zu seinem Tod blieb. Die Wahl zum Präsidenten der Liga hatte er wegen seiner vielen anderen Verpflichtungen abgelehnt. Bis 1927 war er weiterhin Vorstandsmitglied der Deutschen Liga für Menschenrechte und anschließend bis zu seinem Tod Mitglied des Politischen Beirats der Liga.

Sein ehrenhalber gewidmetes Grab (Abteilung 6, Ring 2, Gruppe 10, Nummer 123) befindet sich im Urnenhain der Feuerhalle Simmering. 1932 wurde die Rudolf-Goldscheid-Gasse in Wien-Hernals nach ihm benannt, die seit 1947 Goldscheidgasse heißt.

Schriften (Auswahl)

Belletristische Texte (unter dem Pseudonym Rudolf Golm)

Wissenschaftliche Texte

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Angaben zu den Eltern beruhen auf: Goldscheid, Rudolf; Ps. Golm Rudolf (1870–1931), Soziologe und Schriftsteller. In: Österreichisches Biographisches Lexikon ab 1815 (2., überarbeitete Auflage – online).
  2. ↑ Biografische Angaben beruhen, wenn nicht anders belegt, auf: Arno Bammé, Rudolf Goldscheid: Eine Einführung, Metropolis-Verlag, Marburg 2020, ISBN 978-3-7316-1420-3, S. 15–25.
  3. ↑ Arno Bammé:, Rudolf Goldscheid: Eine Einführung, Metropolis-Verlag, Marburg 2020, ISBN 978-3-7316-1420-3, S. 16.
  4. ↑ Vgl. Tönnies’ Nachruf auf ihn, TG 22, 1998, S. 308–314
  5. ↑ Karl Hansel, Rudolf Goldscheid und Wilhelm Ostwald in ihren Briefen, 2004, S. 20 f.
  6. ↑ Günter K. Kodek: Unsere Bausteine sind die Menschen. Die Mitglieder der Wiener Freimaurer-Logen (1869–1938), Löcker-Verlag, Wien 2009
  7. 1 2 Feliks J. Bister: Rudolf Goldscheid und die Österreichische Liga für Menschenrechte, S. 325
  8. ↑ Feliks J. Bister: Rudolf Goldscheid und die Österreichische Liga für Menschenrechte, S. 325 f.
Personendaten
NAME Goldscheid, Rudolf
ALTERNATIVNAMEN Golm, Rudolf (Pseudonym)
KURZBESCHREIBUNG österreichischer Soziologe, Philosoph und Schriftsteller
GEBURTSDATUM 12. August 1870
GEBURTSORT Wien
STERBEDATUM 6. Oktober 1931
STERBEORT Wien