Sein Vater Josef Bitzan war Lehrer in Reichenberg (Liberec). Rudolf besuchte die Realschule und studierte von 1886 bis 1890 an der Staatsgewerbeschule in Reichenberg (spätere Střední průmyslová škola stavební – Sekundarschule für Bauwesen). Diese Schule wurde zeitgleich auch von den Architekten Gustav Jirsch (1871–1909), Josef Zasche (1871–1957) und Robert Hemmrich (1871–1946) besucht. Danach sammelte er praktische Erfahrungen im Baugeschäft von Wilhelm Stärze (1851–1902; Baumeister und Spezialist für technische Bauten) in Friedland (Frýdlant) und arbeitete ab 1897 als Baumeister.
Seit 1903 lebte er in Dresden und arbeitete zunächst im Architekturbüro von Schilling & Graebner und später im Architekturbüro von William Lossow und Hermann Viehweger (ab 1906 Lossow & Kühne), wo er als Hauptprojektant tätig war. Im Jahr 1906 arbeitete er an dem Wettbewerbsentwurf für den neuen Leipziger Hauptbahnhof mit, dabei kam es zum Streit mit William Lossow um die Urheberschaft für den mit einem von zwei 1. Preisen ausgezeichneten und später ausgeführten Entwurf.
1907 unternahm Bitzan eine Italienreise, die von der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen gefördert wurde. Danach eröffnete er sein eigenes Architekturbüro in Dresden im Haus Dürerplatz 15, später in der Marschallstraße 1 (Amalienplatz). Die Kreuzkirche in Görlitz stellte der Görlitzer Architekt Gerhard Röhr fertig, weil Bitzan bei Kriegsausbruch 1914 zum österreichischen Militär eingezogen wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg baute er als selbständiger Architekt mehrere Wohn-, Geschäfts- und Verwaltungsgebäude in der 1921 neu gegründeten Stadt Freital. Er war zusammen mit Otto Wulle und Bruno Just auch am Bau der Siedlung Reick für die Heimstättengenossenschaft Dresden beteiligt.
Rudolf Bitzan unterhielt stets enge Beziehungen zur Reichenberger Region. Er war verheiratet mit Marie Bitzan, geb. Aigner (1875–1961), der Tochter des Bürgermeisters von Friedland (Böhmen), Anton Aigner (1844–1912).
Bitzan war Mitglied im Bund Deutscher Architekten und erhielt neben zahlreichen Auszeichnungen auch den österreichischen Staatspreis für Baukunst. Er starb am 22. November 1938 an einem Herzinfarkt. Er wurde im Krematorium Tolkewitz eingeäschert und an seinem Geburtstag, am 18. Mai 1939, im Urnenhain des Krematoriums in Reichenberg beigesetzt. Seine Grabstätte existiert nicht mehr.
Sein Nachlass befindet sich im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden. Darin enthalten ist auch der Schriftwechsel seiner Witwe mit dem DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck wegen einer Witwenrente.
Rezeption
In der Fachwelt
Der Bauforscher Hans-Georg Lippert spricht davon, dass sich insbesondere in Bitzans Freitaler Gebäuden wilhelminischer Pathos mit den Idealen der Lebensreformbewegung vereinen. Er spricht von „gesteigerter Monumentalität“.
In der Literatur
Der Vater des namensgebenden Protagonisten des Romans Winterbergs letzte Reise von Jaroslav Rudiš war Leiter des Liberecer Krematoriums, das Rudolf Bitzan geplant hatte. Der 99-jährige Wenzel Winterberg erwähnt Bitzan mehrmals. Er bezeichnet ihn als „besten Freund seines Vaters.“ Sein Vater habe gesagt: „Rudolf Bitzan war ein Genie“. Bitzan sei „der schöpferische Vater vom Leipziger Hauptbahnhof“ gewesen, dessen Name aber „von den Sachsen in Leipzig aus der Geschichte ausradiert“ worden sei. Die Ritterstatue auf der linken Seite des Haupteingangs des Liberecer Krematoriums habe das Gesicht von Bitzan.
1908: Büro- und Geschäftshaus für den Verlag der Zeitung Chemnitzer Neueste Nachrichten in Chemnitz, Annaberger Straße 24 (von Wenzel Bürger unter Mitarbeit von Rudolf Bitzan; mit starken Veränderungen erhalten)
1908: Innengestaltung von drei straßenseitigen Gesellschaftssälen im neuen Dresdner Künstlerhaus, Grunaer Straße, Dresden.
1909: Einbau eines Weinrestaurants im Souterrain des Kaffeehauses „Zum Posthorn“ in Liberec (Reichenberg)
1909–1910: Villa für Samuel Glück in Frýdlant (Friedland in Böhmen), Mládeže 907, ausgeführt durch Baumeister Rudolf Hampel (Friedland), jetzt Kinder- und Jugendhaus (unter Denkmalschutz ÚSKP-Nr. 101244)
1911: Ausstellungshalle „Ansiedlung und Wohnen“, Internationale Hygiene-Ausstellung, Dresden.
1911–1912: Wohnhaus des Unternehmens Möldner & Co. in Liberec-Kristiánov (Reichenberg-Christianstadt), Jablonecká 91/20
1912: Villa für Otto Goltze in Liberec-Kristiánov (Reichenberg-Christianstadt), Jablonecká 7/22 (unter Denkmalschutz ÚSKP-Nr. 43952/5-5236)
1912–1913: Villa Grüger in Frýdlant (Friedland in Böhmen), Baarova 930
1913–1916: evangelische Kreuzkirche in Görlitz, Erich-Mühsam-Straße
1914: Geschäftshaus für Erich Funke in Görlitz, Demianiplatz 14
1914–1915: Rathaus in Freital-Döhlen, Lutherstraße. Damals moderne Ausstattung mit Zentralheizung, Bürgermeisterwohnung mit Badewanne und Telefon und Korkdämmung im Dach. 2010 saniert. Auffälliger runder Turm mit acht Säulen und Kupferdach.
1915: Fassadenentwurf für Erweiterungsbau des Kaufhauses Robert Böhme Jr., Waisenhausstraße / Georgplatz, Dresden, aus Dorlaer Muschelkalk (Grundrißentwurf von Arch. Paul Marcus).
1915–1917: Krematorium und Urnenhain in Liberec-Perštýn (Reichenberg-Birgstein), U. krematoria 460/7, Koautor: Karl Kerl (unter Denkmalschutz ÚSKP-Nr. 43953/5-5237)
1920–1930: Siedlung Reick in Dresden-Reick (in Zusammenarbeit mit Schilling & Graebner)
1920–1922: Werkssiedlung in Višňová (Böhmisch Weigsdorf), Nr. 127–132
1920er Jahre: Villa für Josef Florian Ressel in Dolní Řasnice (Rückersdorf), Nr. 334
1920er Jahre: Villa Schwarz in Raspenava (Raspenau), Fučíkova 436
1921: Villa für Emil Simon in Hejnice (Haindorf), Lázeňská 463
1921: Haus der Angestellten des Unternehmens P. A. Šlechta & Sohn in Lomnice nad Popelkou (Lomnitz an der Popelka), Bezručova 886 (unter Denkmalschutz ÚSKP-Nr. 102910)
1923–1924: Sieger im Wettbewerb für die Stadtzentrumsplanung für Freital
1924: Handels- und Gewerbeschule in Freital, Dresdner Straße 205
1924: Neues Stadttheater Teplitz in Teplitz-Schönau (Teplice), später Erzgebirgisches Theater (Krušnohorské divadlo), U. Císařských lázní (in Zusammenarbeit mit Adolf Linnebach)
1924: Verwaltungsgebäude der Nordböhmische Elektrizitätswerke AG (NEW) in Podmokly (Bodenbach), Teplická 8
1925: „Bürgerliches Wohnhaus 1925“, Jahresausstellung „Wohnung und Siedlung“, Dresden.
1926: Kino Olympia / Oko in Teplice (Teplitz), Masarykova třída 52 (Beim Bau des Kinos hatte der Architekt Max von Loos, der direkt daneben wohnte, Einwände bezüglich Dach und Bauhöhe des Gebäudes.)
1920er Jahre: Umbau des „Hotel de Saxe“ in Teplitz – Teplice, Masarykova třída 661/35
1925–1926: Kino in Nový Bor (Haida), Smetanova 523, Eröffnung am 13. November 1926, 1981 durch Brand zerstört, 1989 wieder hergestellt (nicht zu verwechseln mit dem Stadttheater Nový Bor von Richard Brosche)
1926: Villa Bruno und Fanny Vogelov in Nový Bor (Haida), Smetanova 584
1926: Haus R. Strache in Varnsdorf
1926: Villa Geidel in Leipzig, Erlenstraße 1a, Wohn- und Wirkungsort des Kunstmalers und Illustrators Alfred Liebing und seiner Tochter, der Kunstmalerin Lotte Geidel-Liebing
1928: multifunktionales Gebäude mit Kino „Saxinger“ in Šumperk (Mährisch Schönberg)
1930: Sudetendeutsches Volkshochschulheim (jetzt Studentenheim) in Liberec-Kristiánov (Reichenberg-Königsbuch), Králův háj
1930: Denkmal für bedeutende Persönlichkeiten der Stadt Friedland (Frýdlant): Bürgermeister und Bankdirektor Heinrich Ehrlich, Museumsgründer Julius Kraus und Musiklehrer Franz Mohaupt; im Park bei der Heilig-Kreuz-Kirche
1931: Volkshaus (Lidový dům) in Liberec (Reichenberg)
1934: Vierhäusergruppe Troppauer Straße 25, 25b, 27, 27b, Bauherr: Landschaftsgärtner Otto Klug, baukünstlerisch entstellt durch unsachgemäße Fassadensanierung.
1914: Entwurf für Ideenwettbewerb für künstlerische Ausgestaltung der Friedhofserweiterung und den Bau eines Krematoriums, einer Urnenhalle, eines Urnenhains und einer Gedächtniskapelle, Kassel, 3. Preis.
1927: Wettbewerbsentwurf für Konsumzentrale „Vorwärts“, Dresden.
1928: Beitrag zum Baukünstlerischen Wettbewerb für eine kombinierte Gebäudegruppe in Bodenbach, bestehend aus Sparkasse, Bäckerei, Saal und Stadtamtsgebäude, einer von 3 gleichen Preisen.
Bitzan, Rudolf. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts.Band1: A–D. E. A. Seemann, Leipzig 1953, S.222 (Textarchiv– Internet Archive– Leseprobe).
Jürgen Paul: Die evangelische Kreuzkirche in Görlitz und ihr Architekt Rudolf Bitzan. In: Nadja Horsch u. a. (Hrsg.): Kunst und Architektur in Mitteldeutschland. Thomas Topfstedt zum 65. Geburtstag. (= Leipziger Beiträge zur Kunstgeschichte. Band 6.) Plöttner, Leipzig 2012, ISBN 978-3-86211-055-1, S. 160–171.
Jaroslav Zeman: S Rudolfem Bitzanem po Euroregionu Nisa. Mit Rudolf Bitzan durch die Euroregion Neiße. Stráž pod Ralskem / Städtische Museen Zittau, 2013. (tschechisch und deutsch)
Lenka Fialová: Architonické typy v díle Rudolfa Bitzana. (deutsch: Architekturformen im Werk von Rudolf Bitzan) Palacky-Universität, Olomouc 2016.
Jan Hanzlík, Jana Zajoncová, Lenka Hájková: Teplice – Architektura moderní doby. 1860–2000 (Teplitz: Architektur der modernen Zeit. 1860–2000). Národní památkový ústav, ÚOP Ústí nad Labem, 2016, 360 S., ISBN 978-80-85036-66-4.
Michaela Zamazalová: Liberecké krematorium a osobnost architekta Rudolfa Bitzana (Das Reichenberger Krematorium und die Persönlichkeit des Architekten Rudolf Bitzan) (tschech.), Bachelorarbeit, Karls-Universität Prag, 2011, 76 S. (online als PDF; abgerufen am 24. Juni 2020)
↑Lenka Fialová: Architonické typy v díle Rudolfa Bitzana.Bakkalaureus-Arbeit, Philosophische Fakultät, Palacky-Universität Olomouc, Olomouc 2016. ( PDF, tschechisch; abgerufen am 31. Dezember 2017).
12345Karin Grossmann:Eine Insel Utopia in der kapitalistischen Welt. In: Sächsische Zeitung. 20.Juli 2022.
↑ Bernhard Sterra u. a.: Dresden und seine Architekten. Strömungen und Tendenzen 1900–1970. Verlag der Kunst Dresden, Husum 2011, ISBN 978-3-86530-131-4, S. 165