

Rudolf Straubel (* 16. Juni 1864 in Kleinschmalkalden; † 2. Dezember 1943 in Jena) war ein deutscher Physiker, Hochschullehrer, Industrie-Manager und Mäzen. Er war als Nachfolger von Ernst Abbe von 1903 bis 1933 Geschäftsleiter des Unternehmens Carl Zeiss in Jena.
Rudolf Straubel wurde 1864 als Sohn des Pfarrers Carl Julius Straubel und dessen Ehefrau Emilie Natalie Streubel geb. Sterzing in Kleinschmalkalden geboren. Er hatte noch weitere vier Geschwister. Kindheit und Schule verbrachte er in Schönau vor dem Walde. Von 1876 bis 1882 besuchte er das Ernestinum in Gotha, 1884 legte er am Casimirianum in Coburg das Abitur ab.
Danach leistete er zunächst als Einjährig-Freiwilliger seinen Militärdienst beim Füsilier-Bataillon in Jena. Anschließens studierte er an der Universität Jena, seine Hauptfächer waren Mathematik und Physik, seine Lehrer waren u. a. Ernst Abbe und Gottlob Frege. Von 1885 bis 1886 studierte Straubel in Berlin bei Karl Weierstraß, Leopold Kronecker und Hermann von Helmholtz, 1886 setzte er das Studium in Jena fort und promovierte 1888 mit einer Dissertation „Über die Berechnung der Fraunhoferschen Beugungserscheinungen mit besonderer Berücksichtigung der Theorie der Beugung im Heliometer“. Ernst Abbe hatte ihn zu diesem Thema angeregt.
Im April 1889 übernahm Rudolf Straubel eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Jena. 1893 wurde er dort mit seiner Schrift „Theorie der Beugungserscheinungen kreisförmig begrenzter, nicht sphärischer Wellen“ habilitiert. 1897 erhielt er die Berufung als außerordentlicher Professor; er lehrte in den Bereichen:
Eine Nachwirkung des 1897 in Jena veranstalteten Deutschen Geographentags war die Einrichtung einer Seismischen Station unter Leitung von Rudolf Straubel. Er verbesserte das Seismometer mit optischer Registrierung. Straubel blieb bis 1919 Leiter der Seismologischen Station am Schillergäßchen, Nachfolger wurde Oskar Hecker.
1903 wurde Rudolf Straubel einer der Geschäftsleiter von Zeiss und Schott als Nachfolger von Ernst Abbe.
„Infolge seiner hohen Allgemeinintelligenz und ihrer langjährigen Schulung durch Mathematik und Physik, vor allem aber durch seine ungewöhnlich rasche Auffassungsgabe, die es ihm ermöglichte, sich in allerkürzester Frist, z. B. im Laufe einer Unterredung, in den schwierigsten Fragen, auch wenn sie dem reinen Physiker ziemlich fern lagen, theoretisch und praktisch zurechtzufinden, fielen Straubel sofort Aufgaben zu, die sonst nicht ohne weiteres von einem physikalischen Mitarbeiter verlangt werden. So ist es für die damaligen Verhältnisse charakteristisch, dass ihm als erste dienstliche Aufgabe, wie er mir einmal erzählte, von Abbe die Ausarbeitung eines Stromlieferungsvertrages mit dem Jenaer Elektrizitätswerk zugewiesen worden.“

Rudolf Straubel war wesentlich am Ausbau der Forschung und dem Erfolg der Carl Zeiss AG in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beteiligt. Er unterstützte auch das von Georg Joos konzipierte und 1930 in Kelleranlagen von Zeiss durchgeführte Michelson-Morley-Experiment.
1933 trat Straubel von seiner Funktion zurück, da er sich nicht dem Druck des Gauleiters Fritz Wächtler und des nationalsozialistischen Stiftungskommisars der Carl Zeiss Stiftung, Julius Dietz, beugen wollte, sich von seiner jüdischen Ehefrau Marie Straubel zu trennen, mit der er vier Söhne hatte.
Oskar von Miller fasste 1903 den Entschluss, in München das Deutsche Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik einzurichten. Für ein Reflektor- und ein Refraktorteleskop wurde die Verbindung zum Unternehmen Carl Zeiss gesucht (geliefert wurde 1908 bzw. 1909), und Siegfried Czapski (Carl Zeiss Jena) in den Vorstandsrat des Deutschen Museums gewählt. Nach dem Tod von Siegfried Czapski 1907 wurde Rudolf Straubel von 1912 bis 1920 Mitglied im Vorstand des Deutschen Museums. Rudolf Straubel sagte 1913 die Unterstützung beim Bau der Planetarien zu (geplant waren ein koperkanisches und ein ptolemäisches Planetarium). Das Projektionsplanetarium wurde 1924 in Jena fertiggestellt und 1925 in München in Betrieb genommen.
Die Stiftungsbetriebe nutzten ein Kohlekraftwerk auf dem südlichen Teil des Schott-Glaswerks, die damit verbundene Luftverschmutzung behinderte aber die optisch-feinmechanische Fertigung. 1912 wurde für das Burgauer Wasserkraftwerk ein Generator von AEG als 10 kV-Maschine konstruiert. Im Herbst 1917 gründete Straubel das Hydrotechnische Büro (Hydro-Büro) für die Projektierung und den Bau von Wasserkraftanlagen. Dafür wurden Oberingenieur Hans Leicher und Ingenieur Peter, beides Schweizer Staatsbürger, eingestellt. Sie gingen 1924 in ihre Heimat zurück.
In der folgenden Zeit wurden die Kraftwerke Wisenta, Fernmühle und Conrod geplant und gebaut. Nach der Abdankung von Fürst Heinrich XXVII. von Reuß wurde die Bleilochtalsperre geplant und von 1926 bis 1932 gebaut. Die Bleilochtalsperre ist damit nicht das Verdienst der Nationalsozialisten, wie diese später behaupteten. Rudolf Straubel gilt als „Vater der Saaletalsperren“.
Nach dem Tod von Siegfried Czapski im Jahr 1907 wurde Rudolf Straubel als Geschäftsleiter des Glaswerks Schott & Genossen berufen. Damit hatte er eine Doppelfunktion als Geschäftsleiter beider Jenaer Stiftungsbetriebe inne. Erworbene Tochtergesellschaften wie Zwieseler und Pirnaer Glaswerke sowie die Aktienmehrheit am Grünenplaner Glaswerk einschließlich des Mitterteicher Werks verstärkten die Position von Schott auf dem Markt.
Zeiss übernahm 1902 die Jenaer Palmos Kamera-Werk AG. 1909 wurde die Ica AG (Internationale Camera Aktiengesellschaft) mit Sitz in Dresden gegründet, Rudolf Straubel saß bis zu seinem Tod 1943 in deren Aufsichtsrat.
Der Thüringer Innen- und Volksbildungsminister Fritz Wächtler strebte „eine Reform des marxistisch und liberalistisch verseuchten Zeiss-Werkes an Haupt und Gliedern“ an. Rudolf Straubel quittierte seinen Dienst in den Stiftungsbetrieben am 30. September 1933. Bis 1938 wurden seine Vorlesungen an der Universität Jena im Vorlesungsverzeichnis angezeigt, dann auf Weisung aus Weimar nicht mehr. Straubel sei „jüdisch versippt“.
Bei einem Treffen im Hause Felix Auerbach lernte er Marie Kern kennen, die Tochter eines jüdischen Unternehmers und Bankiers aus Schlesien. 1894 heirateten beide in Berlin. 1902 wurde Marie Straubel erste Vorsitzende der Jenaer Abteilung des Vereins Frauenbildung – Frauenstudium. Sie verübte 1944 Suizid, nachdem sie die Aufforderung für den Abwanderungstransport nach Theresienstadt erhalten hatte. Ihr Mann war am 2. Dezember 1943 an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. Zuvor hatte sich schon ihre Schwester Therese getötet, bevor sie nach Theresienstadt deportiert werden konnte. Sie war gehbehindert, was ein Hauptgrund dafür war, dass Straubel nicht mit seinen Angehörigen Deutschland verließ.
Das Ehepaar hatte vier Söhne: Heinrich (genannt Heinz) (1895–1970), Werner (1897–1945), Wolfgang (1899–1919) und Harald (1905–1991).
1924 wurde Straubel zum Ehrenmitglied der Deutschen Physikalischen Gesellschaft ernannt. 1930 wurde er Mitglied der Leopoldina.
Der Name Rudolf Straubel wurde in der DDR weitgehend verschwiegen. Er zählte zu den imperialistischen Konzernlenkern, zu den Ausbeutern. Auch noch im 2023 bei de Gruyter Oldenbourg erschienenen Buch Unternehmen ohne Eigentümer. Unternehmerische Entscheidungen der optischen Werkstätte Carl Zeiss von 1889 bis 1933 erscheint der Name Rudolf Straubel nicht im umfänglichen Stichwortregister. Im Februar 2022 wurde im Abbeanum ein Hörsaal nach ihm benannt. Im Südviertel von Jena wurde eine Straße nach ihm benannt. 2015 wurde auf dem Nordfriedhof in Jena das Familiengrabmal Straubel-Langer-Zuckerkandl wiedereingeweiht.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Straubel, Rudolf |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Physiker, Hochschullehrer und Industrie-Manager |
| GEBURTSDATUM | 16. Juni 1864 |
| GEBURTSORT | Kleinschmalkalden |
| STERBEDATUM | 2. Dezember 1943 |
| STERBEORT | Jena |