Rulo Melchert (* 15. Februar 1934 in Labuhn, Hinterpommern, Kreis Stolp; † 1. Mai 2025 in Berlin-Friedrichshagen) war ein deutscher Journalist und Schriftsteller, der insbesondere in der DDR gewirkt hat.
Rulo Melchert wurde 1934 in Labuhn (Hinterpommern) geboren. 1945 musste er mit der alleinerziehenden Mutter aus Hinterpommern fliehen. Bis 1947 lebten sie zusammen in einem Flüchtlingslager im dänischen Aalborg/Ost. 1952 begann er mit dem lebenslangen Tagebuchschreiben. Sein Abitur legte er 1954 in Kühlungsborn im Kreis Bad Doberan ab. Von 1954 bis 1958 studierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin Germanistik.
In den Jahren 1958 bis 1961 war er im Bereich der kulturpolitischen Arbeit beim Rat des Kreises Neustrelitz (Abteilung Kultur) beschäftigt. Zudem umfasste sein Aufgabengebiet in dieser Zeit eine Tätigkeit als Instrukteur für Schulen bei der FDJ-Stadtleitung Rostock. Bei der Tageszeitung Junge Welt fungierte er ab 1961 als Literaturredakteur und begründete dort 1965 die monatliche Literaturbeilage Du und das Buch, in der er im Laufe von fast 20 Jahren zahlreiche Literaturkritiken zur zeitgenössischen Literatur veröffentlichte. 1974 schrieb er das Nachwort zu einem Gedichtband von Hugo Huppert, der in der Weißen Reihe bei Volk und Welt erschien. Im Jahr darauf wurde er Mitglied im Schriftstellerverband der DDR, dem er bis zur Auflösung 1990 angehörte. Im wiedervereinten Deutschland war er Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS).
Früh schon lag Rulo Melchert viel an der Förderung von jungen Autorinnen und Autoren. 1977 wurde er zum Chefredakteur der Literaturzeitschrift Temperamente berufen. Er war allen Verlagsmitarbeitern gleichgestellt, da die Zeitschrift wie eine Buchpublikation gehandhabt wurde. Als seine Mission sah er an, einen „wichtige[n] Beitrag zur Förderung literarischer Begabungen“ zu liefern, indem unveröffentlichte Texte „in den größeren Diskurs der DDR-Literatur“ eingebracht werden. Dies ging dem Zentralrat der FDJ, dem Verlag und dem Kulturministerium zu weit. Von Egon Krenz, dem Ersten Sekretär des Zentralrates der FDJ, 1978 zur Rechenschaft gezogen, durchlitt er seine „demütigendsten Lebensstunden“. Die gesamte Redaktion wurde in der Folge als unbotmäßig abgelöst. Melchert kehrte daraufhin zur Jungen Welt zurück und übte dort seine gewohnte Tätigkeit bis 1980 aus, ehe er freischaffender Schriftsteller wurde. Gelegentlich erhielt er von verschiedenen Verlagen Aufträge als Außengutachter, so zum Beispiel vom Aufbau-Verlag. In diesem Verlag erschien dann auch 1982 seine erste Buchveröffentlichung: Ein Tag in Dichters Leben. Miniaturen zur deutschen Literatur.
Von Juni 1982 bis Mai 1984 arbeitete er zusammen mit seiner Ehefrau, der Germanistin Monika Melchert, an der Universität von Madagaskar in Antananarivo, wo er Studenten in deutscher Literatur und in Landeskunde der DDR unterrichtete. 1984 entschieden sich die Eheleute mit ihren inzwischen schulpflichtigen Kindern das afrikanische Land zu verlassen. Melchert wechselte als Deutschlektor ans Kulturzentrum der DDR in Warschau.
Ab 1986 war er erneut freischaffend. 1988 veröffentlichte der Aufbau-Verlag seinen Lyrikband Auf dem stierhörnigen Mondkahn. Gedichte über Madagaskar. Der Titel ist eine poetische Beschreibung der Mondsichel, die auf der Südhalbkugel nicht senkrecht, sondern waagerecht erscheint. Das darauffolgende Werk Die Pünktlichkeit der Jahreszeiten sollte nach Umarbeitungen ebenfalls im Aufbau-Verlag erscheinen, geriet aber in die – wie er es nannte – „Irrungen und Wirrungen der Wendezeiten“ und wurde vom neuen Verlags-Eigentümer abgelehnt. Die ursprüngliche Fassung veröffentlichte er 2010 im Eigenverlag.
1997 erfolgte sein Renteneintritt.
Während seiner journalistischen Laufbahn verfasste er literaturkritische Arbeiten für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, darunter Neue Deutsche Literatur (ndl), Sinn und Form, Sächsische Zeitung, Palmbaum und Forum Berlin. 1996 erschien im Quartus-Verlag Bucha bei Jena ein kleiner Band mit Gedichten unter dem Titel Unter den Augen der Sieger. Textteile zu einer Biografie sowie 2001 im selben Verlag der wichtige Lyrik-Band Flugversuch des Vogels Phönix. Dichtungen aus 10 Jahren. Fortan verstand er sich vornehmlich als Lyriker und publizierte ab 2008 im Selbstverlag rund 30 Lyrik-Bände und drei literarische Tagebücher über die Jahre in Madagaskar und in Polen. Von 2016 bis 2022 fertigte er schlichte Digitaldrucke in Japan-Bindung als nummerierte „Privatdrucke“ an und gab ihnen den Reihentitel Die Schublade. Auffällig ist, dass es eine gleichlautende Anthologie des Mitteldeutschen Verlages gab, in der zurückgehaltene Texte gedruckt worden waren. Melchert verschenkte seine „Privatdrucke“.
Von Bedeutung für ihn wurde die Entdeckung des madagassischen Nationaldichters Jean-Joseph Rabearivelo, dessen Lyrik er nachdichtete und 2002 in dem Band Presque-Songes = Die Traumstücke in deutscher und französischer Fassung veröffentlichte.
Mit dem Miniaturen-Band Ein Tag in Dichters Leben habe Melchert die schriftstellerische „Feuerprobe“ bestanden, verkündete Michael Hinze in der Tribüne. Dieter Fechner charakterisierte die Texte in der Volkswacht als „stimmungsvolle Kurzprosa“, deren „fast lapidare Überschriften“ in Kombination mit der „späte[n] Aufdeckung des Dichternamens“ die Neugier wecke.
Zum Lyrikband Auf dem stierhörnigen Mondkahn bemerkte Hans-Jürgen Fischer in der Jungen Welt: „Auffällig sein souveräner Umgang mit freier und gebundener Lyrik. […] Man mag sich darüber streiten, ob einige Verse zu pathetisch, andere zu kokett gerieten. Melcherts Buch ist eine Liebeserklärung an Madagaskar.“ Hannes Würz beanstandete im Sonntag die nicht durchgehaltene Qualität der Gedichte. Die tagebuchartigen „lyrische[n] Momentaufnahmen“ wären auch „in Prosa denkbar“, meinte er.
„Da die Partei mir kein Welt-Bild mehr gibt […] muß ich mir mühsam aus den wenigen mir zugänglichen Materialien eines selber machen. – Jeden Abend fällt es mir auseinander, jeden Morgen beginne ich erneut mit Bauarbeiten.“
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Melchert, Rulo |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Journalist und Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 15. Februar 1934 |
| GEBURTSORT | Labuhn, Hinterpommern, Kreis Stolp |
| STERBEDATUM | 1. Mai 2025 |
| STERBEORT | Berlin-Friedrichshagen |