Ruth Schlette

Ruth Schlette

Ruth Antonie Schlette (geborene Weiß; * 6. Februar 1933 in Lindau; † 26. Januar 2024 in Bonn) war eine deutsche Historikerin, Autorin und Aktivistin.

Leben und Werdegang

Ruth Schlette wuchs als älteste von fünf Geschwistern und einziges Mädchen im Allgäu auf. Das Abitur legte sie 1952 an der Heimschule Kloster Wald in Hohenzollern bei Sigmaringen ab. Sie studierte Geschichte, Philosophie und Politische Wissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, der Freien Universität Berlin und am Maryville College in St. Louis, Missouri (Fulbright-Stipendium). Nach der Promotion 1958 in Neuerer Geschichte bei Franz Schnabel in München zum Thema Friedrich Adolf Trendelenburg und das Naturrecht im 19. Jahrhundert wurde sie als erste Frau wissenschaftliche Assistentin für Neuere Geschichte bei Heinz Gollwitzer am Historischen Seminar der Universität Münster. 1960 heiratete sie den Philosophen und Theologen Heinz Robert Schlette. 1961 und 1963 wurden ihre Töchter Sophia und Felicitas geboren. 1963 zog die Familie von München nach Bonn um.

Von 1965 bis 1968 übernahm Ruth Schlette Lehraufträge zur Politischen Ideengeschichte an der Pädagogischen Hochschule Rheinland, Abt. Bonn, und an der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule in Koblenz. Sie gab ferner Seminare zu den Themen Emanzipation sowie Entwicklungs- und Friedenspolitik. Von 1971 bis 1994 war sie als wissenschaftliche Referentin bei der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung (DSE, 2002 aufgegangen in der Einrichtung Internationale Weiterbildung und Entwicklung (InWEnt), heute Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) tätig, zunächst als Leiterin des Bereichs Faktendokumentation, seit 1983 als Leiterin des Programmbereichs Hochschulzusammenarbeit. In dieser Funktion verfasste sie als Ko-Autorin u. a. englischsprachige Lehrbücher über Hochschuldidaktik, Studienführer, gab entwicklungspolitische Sachbücher heraus und unternahm zahlreiche Reisen ins östliche und südliche Afrika.

Seit 1975 engagierte sie sich über Parteigrenzen hinweg auch in Chile- und Lateinamerika-Solidaritätsgruppen. Mit der „Kinderhilfe Chile Bonn“, einer Arbeitsgruppe der Aktion Friedensdorf e.V., organisierte sie Aktionen zur Unterstützung des Widerstands gegen das Pinochet-Regime. 1981 und 1986 hielt sie sich auf Betreiben der Vicaría de la Solidaridad des Erzbistums Santiago zur Beobachtung der Situation der Menschenrechte und zur Kontaktpflege mit oppositionellen Gruppen in Chile auf.

Schlette war 1992 Gründungsmitglied der „Beueler Initiative gegen Fremdenhass“ und engagierte sich in stadtteilbezogenen Aktionen für und mit Geflüchteten und Asylbewerbern sowie gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus.

Im Ruhestand erforschte die Historikerin über viele Jahre die Geschichte der Verfolgung und Ermordung der Beueler Juden im Nationalsozialismus. Sie wirkte bei der Planung und Durchführung von jährlichen Gedenkveranstaltungen mit, so zum Jahrestag des Novemberpogroms 1938 am Platz der damals zerstörten Beueler Synagoge, bei einer Wanderausstellung „Wider das Vergessen. Erinnerungsorte in Beuel“ und hielt Vorträge, um die Erinnerung an jüdische Beueler Bürgerinnen und Bürger wach zu halten, darunter der nach der Irrfahrt der St. Louis nach England geflüchtete Kinderarzt Max Weis (1881–1952). Im Rahmen ihrer Recherchen pflegte sie Verbindungen zur Gedenkstätte Yad Vashem in Israel und zum Holocaust-Museum in Washington, D.C., wo sie 2011 einen mehrwöchigen Forschungsaufenthalt verbrachte, und anderen Holocaust-Forschungsstätten.

Zu ihren vielen Forschungsinteressen gehörte darüber hinaus die Beschäftigung mit Frauenbiografien und feministischer Lyrik, so arbeitete sie zum Beispiel zuletzt an einem Essayband über die schweizerisch-argentinische Dichterin Alfonsina Storni, über die sie seit Mitte der 1990er Jahre recherchiert und publiziert hatte.

Auszeichnungen

Publikationen (Auswahl)

Einzelnachweise

  1. ↑ Ruth Antonie Schlette. In: GA Trauer. 2. März 2024, abgerufen am 10. Januar 2025.
  2. ↑ Antonia Ruth Weiss: Friedrich Adolf Trendelenburg und das Naturrecht im 19. Jahrhundert. (zugleich Dissertation). Laßleben, Kallmünz 1960, DNB 455437017.
  3. ↑ mit Barbara Matiru, Anna Mwangi, Ruth Schlette: Teach your Best. A Handbook for University Lecturers. Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-88939-076-5.
  4. ↑ Ruth Schlette (Hrsg.): Studienführer Dritte Welt. Verzeichnis von Studienangeboten mit entwicklungspolitischer Ausrichtung an Hochschulen in der BRD einschl. Berlin (West). Zwei Bände. Dt. Stiftung für Internat. Entwicklung. Bonn 1982, DNB 551320389.
  5. ↑ Ruth Schlette (Hrsg.): Erfüllung von Grundbedürfnissen durch Projekte der technischen Zusammenarbeit. Dt. Stiftung für Internat. Entwicklung. Bad Honnef 1979, OCLC 74487732.
  6. ↑ Ruth Schlette, Margot Adameck: Deutsche Partner der Entwicklungsländer. Verzeichnis deutscher Institutionen. Nomos, Baden-Baden 1979, ISBN 3-7890-0394-8.
  7. ↑ Ruth Schlette: Und die Juden? Spätes Erinnern – oder: die Rückkehr der Ausgelöschten. In: Carl Jacob Bachem, Hans P. Müller (Hrsg.): Das Kriegsende im rechtsrheinischen Bonn. Zeitzeugenberichte nach 60 Jahren. 2. Auflage. Denkmal- und Geschichtsverein Bonn, 2005, ISBN 978-3-00-016223-7, S. 176–188.
  8. ↑ Susanne Rohde, Hildegard Hohmann, Ruth Schlette: Wider das Vergessen – Erinnerungsorte in Beuel. Hrsg.: Beueler Initiative gegen Fremdenhass. 3. ergänzte und überarbeitete Auflage. April 2012, S. 29–31.
  9. ↑ Ebba Hagenberg-Miliu: Vortrag in Beuel. Flucht ins Ungewisse. 29. Juni 2016, abgerufen am 31. Dezember 2024.
  10. ↑ „... auf der Suche nach Sonnen, Morgenröten, Sturm, Vergessen“. Lyrik als Grenzüberschreitung: Alfonsina Storni. In: Klaus-Peter Pfeiffer, Nikolaus Klein, Werner Post, Karl-Dieter Ulke und Knut Walf (Hrsg.): Vom Rande her? Zur Idee des Marginalismus. Festschrift für Heinz Robert Schlette zum 65. Geburtstag. Würzburg 1996, S. 237–246.
  11. ↑ Ruth Schlette: Eine unermüdliche Kämpferin. Die Bonner Solidaritätsaktivistin Ruth Schlette für ihr Engagement geehrt. Mai 2016, abgerufen am 31. Dezember 2024.
  12. ↑ Gespräch am Wochenende. Hilfe für Opfer der Diktatur. 9. April 2016, abgerufen am 31. Dezember 2024.
  13. ↑ Unterwegs. Aufsätze aus den Jahren 1969 bis 2016 | Lesung. In: buchhandlung-boettger.de. 23. August 2024, abgerufen am 30. Dezember 2024.
Personendaten
NAME Schlette, Ruth
ALTERNATIVNAMEN Schlette, Ruth Antonie (vollständiger Name); Weiß, Ruth Antonie (Geburtsname)
KURZBESCHREIBUNG deutsche Historikerin, Autorin und Aktivistin
GEBURTSDATUM 6. Februar 1933
GEBURTSORT Lindau
STERBEDATUM 26. Januar 2024
STERBEORT Bonn