
Ein Erdrutsch (auch Bergrutsch, veraltet: Erdschlipf, wenn kleine Flächen betroffen sind, auch Hangrutsch oder Hangrutschung) bezeichnet die abwärts gerichtete Verlagerung von Gesteins- oder Erdmassen, meistens ausgelöst durch starke Niederschläge (langandauernder Regen oder Starkregen) und das dadurch bedingte Eindringen von Wasser zwischen vorher gebundene Bodenschichten. Das entscheidende Merkmal ist, dass die Bewegung auf einer oder mehreren Gleitflächen stattfindet und der strukturelle Zusammenhalt der Massen dabei weitgehend gewahrt bleibt. Durch die Schwerkraft und die Verminderung der Haftreibung zwischen den Bodenschichten rutscht der Hang, bei ausreichend großer Hangneigung, ab. Sobald die gleitende Bewegung in einen freien Fall übergeht, spricht man definitionsgemäß von einem Bergsturz. Ein Erdrutsch unterscheidet sich vom Bergsturz durch die geringere Geschwindigkeit.

Die häufigste Ursache ist, dass der Erdboden am Hang zu große Mengen an Wasser, beispielsweise infolge heftiger Gewitterregen oder durch Schneeschmelze, aufgenommen hat. Wegen zu geringer innerer Haftreibung folgt daraus ein Verlust der Stabilität entlang einer sich ausbildenden Gleitfuge.
Andere mögliche Ursachen sind:
Das Risiko eines Erdrutsches ist abhängig von:
Die Begriffe wie Erd-, Hang- oder Bergrutsch werden oft synonym für jegliche Art von Bodenbewegung verwendet. Massenbewegungen unterscheiden sich durch spezifische Merkmale:
Obwohl diese Kategorien klare Definitionen haben, existieren in der Natur häufig Übergangsformen, die eine exakte Einordnung erschweren. Ein Erdrutsch wird bei der Klassifikation von Massenbewegungen abgegrenzt:
Wasser- und Luftporenanteile bestimmen maßgeblich die Dynamik und Kinematik von Hangbewegungen. Da häufig hybride Formen zwischen Rutschen und Fließen auftreten, etwa bei flüssigkeitsähnlichem Verhalten der Basalschicht, erfolgt die Klassifizierung nach dem jeweils vorherrschenden Prozess. Die nachträgliche Identifikation dieser Mechanismen anhand des Sediments stellt jedoch oft eine fachliche Herausforderung dar.
Unter einer Rutschung versteht man das Abgleiten von Lockermaterial entlang einer definierten Gleitfläche. Im Gegensatz zu Fließbewegungen setzt sich das Material hierbei zunächst als geschlossene Einheit (Körper) in Bewegung. Am Ursprungshang hinterlässt dieser Vorgang eine charakteristische, oft halbmondförmige Abrissnarbe, die den Bereich markiert, an dem sich die Masse vom stabilen Untergrund getrennt hat. Die klassische „normale“ Rutschung folgt einer konkaven Sohlfläche. Man kann sich dies wie eine gekrümmte Schale oder einen Löffel vorstellen, der in den Hang schneidet. Da die Gleitfläche gekrümmt ist, vollführt die Rutschmasse eine Rotationsbewegung. Der obere Teil der Masse sinkt ab, während der untere Teil (der „Fuß“) oft leicht nach oben gedrückt wird. Da sich die Masse durch die Rotation gegen den Hang neigt, wirkt dieser Prozess oft selbstlimitierend. Die Reibung an der gekrümmten Basis ist hoch, weshalb diese Rutschungen meist langsamer ablaufen und die Masse oft als zusammenhängender Block erhalten bleibt. Im Gelände bilden sich durch die Rotation oft kleine Senken hinter der Rutschmasse, in denen sich Wasser sammeln kann (Sumpfstellen oder kleine Teiche). Die rutschende Masse verliert, anders als bei einem Sturz, nie ganz den Kontakt zum Boden. Sie gleitet auf einer sogenannten Gleitfläche dahin. Das Geschwindigkeitsspektrum reicht von fast unmerklichen Zentimetern pro Jahr bis hin zu lebensgefährlichen Sturzgeschwindigkeiten von mehreren Metern pro Sekunde. Eine Rutschung kann nur ein paar Meter schmal sein oder sich über einen gewaltigen Kilometer erstrecken. Manche Rutschungen sind nur oberflächlich (ein paar Dezimeter), andere reichen über 100 Meter tief in den Berg hinein. Rüfe und Bergschlipf sind veraltete Bezeichnungen für Rutschungen.
Bodenkriechen ist die langsamste Form der Massenbewegung. Hierbei bewegen sich Lockergestein und Erdschichten mit einer minimalen Rate von nur 1 bis 10 mm pro Jahr hangabwärts. Wie schnell dieser Prozess abläuft, hängt von Bodenart, Klima, Hangneigung und Bewuchs ab. Typisch ist dabei, dass die oberflächennahen Schichten schneller wandern als die tieferen. Diese schleichende Deformation hat sichtbare Folgen: Zäune, Strommasten und Bäume neigen sich talwärts, und der enorme Druck der kriechenden Massen kann Fundamente sprengen oder Stützmauern zerstören.
Das Bodenfließen bewegt sich deutlich schneller als das langsame Bodenkriechen, da ihr hoher Wassergehalt den inneren Reibungswiderstand massiv senkt. Beim Bodenfließen verlagert sich überwiegend feinkörniges Material wie wassergesättigter Ton oder verwitterter Schiefer mit Geschwindigkeiten von bis zu mehreren Kilometern pro Stunde.
Schlammströme bestehen aus einem wasserreichen Gemisch aus feinkörnigem Boden, Schlamm und Gestein, wobei die Korngröße meist unterhalb der Sandfraktion liegt. Aufgrund der geringen inneren Reibung erreichen sie oft Geschwindigkeiten von mehreren Kilometern pro Stunde und sind damit deutlich schneller als Schuttströme. Besonders häufig treten sie in semiariden Hügellandschaften auf, sobald feines Material vollständig wassergesättigt ist. Eine Sonderform bilden Lahare. Diese entstehen bei Vulkanausbrüchen, wenn Lavaströme Schnee und Eis schmelzen. Hänge, die in Trockenperioden noch stabil erscheinen, verlieren bei zunehmender Sättigung ihren Halt. Schon ein geringfügiger Impuls genügt dann, um die wasserreichen Lockermassen in Bewegung zu versetzen. Diese Schlammströme schießen die oberen Hänge hinab und ergießen sich in die Talsohlen. Sobald sie enge Gebirgstäler verlassen und auf flacheres Gelände oder weite Ebenen treffen, fächern sie sich aus und begraben weite Flächen unter nassem Schutt. Aufgrund ihrer enormen Energie können sie dabei mühelos massive Felsblöcke, Bäume und sogar Gebäude mitreißen. Ebenso können langanhaltende Niederschläge trockenes, rissiges Lockermaterial so stark durchfeuchten, dass die Reibung abnimmt und die Masse schließlich hangabwärts fließt.
Ein Schuttstrom bezeichnet dabei eine fließende Masse aus Gesteinstrümmern in einer schlammigen, fast flüssigen Matrix. Im Gegensatz zu klassischen Erdrutschen bewegen sich Schuttströme deutlich schneller und transportieren meist wesentlich gröberes Material. Schuttlawinen und Muren zählen zu den schnellsten Bewegungen unkonsolidierten Materials und treten vor allem in niederschlagsreichen Hochgebirgen auf. Ihre enorme Geschwindigkeit resultiert aus der Kombination von extremer Hangneigung und hoher Wassersättigung. Mit Geschwindigkeiten von über 70 km/h fließen sie fast so schnell wie Wasser an einem Steilhang und reißen dabei alles mit sich.
Schuttlawinen stellen die höchste Mobilitätsstufe unter den Massenbewegungen dar. Begünstigt durch humide Hochgebirgslagen, führt der hohe Porenwasserdruck in Kombination mit der Gravitationsenergie steiler Reliefs zu Fließraten von über 70 km/h. Diese wassergesättigten Schuttströme verhalten sich hydraulisch ähnlich wie turbulente Wasserströmungen, verfügen jedoch aufgrund ihrer hohen Dichte über eine weitaus größere Erosionskraft, die das gesamte Oberflächeninventar (Vegetation, Bauwerke) restlos mitreißt.
Die Morphologie eines Erdrutsches umfasst die charakteristischen Oberflächenmerkmale und Strukturen, die durch die hangabwärts gerichtete Bewegung von Fels, Schutt oder Erde entstehen. Diese Formen entstehen unter dem Einfluss der Schwerkraft und zeigen deutlich die Abbruch-, Transport- und Ablagerungsbereich.
| Typ | Datum | Ort | Ursache / Auslöser | Schäden | |
|---|---|---|---|---|---|
| Erdrutsch | 1920 | Gansu, China | Erdbeben | Beim Erdbeben von Gansu gab es insgesamt mehr als 200.000 Tote | |
| Erdrutsch | 22. April 1980 | Thanheimer Steige am Albtrauf zwischen Bisingen und Albstadt-Onstmettingen, Baden-Württemberg, Deutschland | Durch das Zusammentreffen von Schneeschmelze und starken Regenfällen zerstörte ein starker Erdrutsch auf einer Fläche von rund 16 Hektar den kompletten Straßenverlauf. Der Albaufstieg musste über drei Jahre gesperrt und vollständig erneuert werden. | ||
| Steinrutschung | 12. April 1983 | Am Hirschkopf am Albtrauf bei Mössingen, Baden-Württemberg, Deutschland | Auf einer Fläche von rund 50 Hektar brachen fünf bis sechs Millionen Kubikmeter Gestein ab und rutschten samt Wald und Waldweg in die Tiefe, ein Vorgang, der schon seit Jahrtausenden den Trauf der Schwäbischen Alb, der einstmals bis in die Nähe von Stuttgart reichte, immer weiter zurückweichen lässt. | ||
| Erdrutsch | 1994 | Plasselb, Kanton Freiburg, Schweiz | Etwa 30 Millionen Kubikmeter Material (Schlamm, Gesteinsbrocken, Holz) | Die Ferienhaussiedlung Falli-Hölli wurde komplett zerstört. Insgesamt wurden etwa 37 Gebäude zerstört. | |
| Bergrutsch | Abend des 11. Dezember 2004 | Steinbruch Steinbergen, Steinbergen, Niedersachsen, Deutschland | Ein etwa 300 m langer und bis zu 50 m breiter keilförmiger Block rutschte aus dem Kamm des Messingberges (Wesergebirge/Niedersachsen) nach Norden ab. | Felsmassen in der Größenordnung von ca. einer Million Tonnen stürzten lawinenartig bis zu 300 m weit in den vorgelagerten Steinbruch. Tiefe Risse und Spalten haben sich auch auf der Südseite des Berges gebildet. Weitere Klippenformationen (Mönch und Nonne), die den Kamm bilden, sind gefährdet ebenso abzurutschen. Negative Auswirkungen auf wertvolle Wald- und Naturbereiche dieses touristisch genutzten Erholungsraumes im Weserbergland sind zu erwarten. | |
| Erdrutsch | Morgen des 18. Juli 2009 gegen ca. 4:40 Uhr | Concordiasee im Harzvorland in Sachsen-Anhalt | Ein etwa 350 mal 150 Meter breiter Landstreifen rutschte in den entstehenden See beim großen Erdrutsch am Concordiasee. | ||
| Erdrutsch | 16. Mai 2015 | Salgar, Kolumbien | Anhaltende Regenfälle | Nach einem Erdrutsch mit Schlammlawine und Überschwemmung starben 58 Menschen, weitere 37 Personen wurden verletzt. Bei einem gleichgelagerten Erdrutsch im Jahre 1966 kamen in Salgar über 100 Menschen ums Leben. | |
| Erdrutsch | 22. November 2015 | Kachin-Staat, Myanmar | Raubbau – statische Mängel einer Abraumhalde | Bei einem Erdrutsch der Abraumhalde einer Jade-Mine Norden Myanmars kamen 114 Menschen ums Leben. Ein circa 300 Meter hoher Abraumhügel rutschte ab und begrub knapp 50 Häuser. Der Großteil der Toten waren Dorfbewohner, welche die riesige Halde der Jade-Mine durchsuchten. | |
| Erdrutsch | 20. Dezember 2015 | Shenzhen, Gewerbegebiet Neu-Guangming, China | Anhaltende Regenfälle | Aus einem künstlichen ca. 100 Meter hohen Abfallberg löste sich eine Schlammlawine, die eine Fläche von über 380.000 Quadratmetern bedeckte; über 85 Menschen wurden seither vermisst. | |
| Erdrutsch | 25. Dezember 2015 | Kachin-Staat, Myanmar | Raubbau – Statische Mängel einer Abraumhalde | Nach dem schweren Erdrutsch des Abraumhügels einer Jade-Mine am 22. November 2015 kamen bei einem weiteren Erdrutsch mindestens 50 Menschen ums Leben. | |
| Erdrutsch | 24. Juni 2017 | Xinmo, Diexi, Sichuan, China | Anhaltende Regenfälle | Nach einem Erdrutsch mit Schlammlawine und Überschwemmung wurden alle 62 Häuser des Dorfes Xinmo verschüttet. Stand 26. Juni 2017 wurden 15 Leichen geborgen und weitere 118 Menschen vermisst. | |
| Hangrutsch | Februar 2021 | Fanas, Schweiz | Anhaltende Regenfälle | Nach einem Hangrutsch bei einer Hausmülldeponie mussten 200 Tonnen Material abtransportiert und aufbereitet werden. | |
| Erdrutsch | 26. Juni 2025 | Kolumbien, Bello (Kolumbien) | Anhaltende Regenfälle | Nach Regenfällen bei Bello, nahe der Medellín, wurden zehn Menschen getötet und fünfzig Häuser verschüttet. Der Wasserlauf La Negra in der Region Antioquia war übers Ufer getreten und brachte ein großes Hangstück zum Abrutschen. | |
| Erdrutsch | 31. August 2025 | Sudan, Region Darfur, Tarasin im Marra-Grebirge | Anhaltende Regenfälle | Ein durch langanhaltende Regenfälle ausgelöster Erdrutsch begrub das Dorf Tarasin, fast alle der mehr als 1.000 Bewohner seien bei der Katastrophe umgekommen. | |
| Erdrutsch | 8. Oktober 2025 | Nordindien, Bundesstaat Himachal Pradesh | Schwere Regenfälle | Ein Erdrutsch erfasste einen Privatbus mit 25 Personen, fünfzehn Menschen wurden tödlich verletzt, darunter zwei Kinder. Das Unglück ereignete sich infolge ungewöhnlich später und heftiger Regenfälle, die über das typische Ende der Monsunzeit hinaus andauern. Weiterhin sollen im Bundesstaat Westbengalen 23 Menschen bei Erdrutschen gestorben sein. | |
| Erdrutsch | 23. November 2025 | Vietnam, Provinz Đắk Lắk | Anhaltende Regenfälle | Seit dem 16. November kamen mindestens 90 Menschen in fünf Regionen Vietnams ums Leben, zehntausende Häuser überflutet, am stärksten betroffen ist die bergige Provinz Đắk Lắk mit mehr als 60 Toten. Am 23. waren mehrere Autobahnen unpassierbar und rund 130.000 Haushalte ohne Strom, fast 62.000 Menschen aus Gebiet evakuiert. | |
| Erdrutsch | 24. Januar 2026 | Java, Provinz Bandung Barat, West-Java | Schwere Regenfälle und Rodung, seit 2024 ging in Indonesien mehr als 240.000 Hektar Urwald verloren. | In einem Dorf der indonesischen Region West-Bandung ereignete sich ein schwerer Erdrutsch, mit 17 Todesopfern und über 50 Wohnhäuser schwer beschädigten Wohnhäusern. Mehr als 650 Menschen mussten ihre Unterkünfte verlassen. |
Hangrutschungen lassen sich kaum verhindern, aber bei nicht allzu großen Erdmassen oder langsamer Bewegung in ihrer Wirkung mildern. Wichtigster Punkt dabei ist, das Wasser aus dem Hang zu entfernen. Dabei gibt es unterschiedliche Maßnahmen, unter anderem:
Diese Maßnahmen sind jedoch machtlos gegen Erdrutsche, bei denen sich Millionen Kubikmeter Erde lösen. Die beste Maßnahme gegen diese Erdrutsche ist die Vorbeugung.
Ein Erdrutsch ist eine häufig vorkommende, aber in der Regel lokale Naturkatastrophe. Auf das betroffene Ökosystem wirkt er als Störung und öffnet Rohboden für die Wiederbesiedelung sowie einen Neustart der Sukzession.
Erdrutsche im Meer oder in Seen, insbesondere von oberhalb des Wasserspiegels in diese Gewässer hinein, können dagegen Tsunamis auslösen und dadurch auch in größerer Entfernung Zerstörungen verursachen. Bei entsprechender Größe des Erdrutsches kann die Flutwelle an benachbarten Küstenhängen Höhen von mehreren hundert Metern erreichen (Megatsunami).
Vor den Inseln Hawaiis befinden sich große Schuttfächer, die durch Flankenabbrüche der Vulkane entstanden sind. Flankenabbrüche mit gefährlichen Tsunamis gibt es dort nach Schätzungen von Wissenschaftlern etwa alle 100.000 Jahre.
Erdrutsche mit Tsunamis sind in der Liste von Tsunamis, andere sind in der Liste von Lawinen, Erdrutschen und Bergstürzen angegeben.