
Die Rye, auf Deutsch auch unter dem schwedischen Originalnamen als Rya beschrieben (seltener unter dem finnischen Namen Ryijy), ist ein ursprünglich komplett handgefertigter, gewebter und geknüpfter Flor- oder Polteppich und eines der bekanntesten Produkte der Textilkunst in Finnland.
Decke und Mantel der Wikinger waren textile Vorgänger der Rye. Später wurde sie lange Zeit, mit dem Flor zum Körper, als Bettdecke genutzt. Sie diente danach vor allem als Wandteppich. Die bildnerische Gestaltung passte sich dem Zeitgeschmack an. Ryen werden zur Folklore und ebenso zu verschiedenen Kunststilen gezählt.
Die Vorläufer der heutigen Ryen gelangten mit Wikingerschiffen entlang der Westküste nach Finnland. Die Wikinger nutzen sie ab dem 8. Jahrhundert auf ihren Seereisen als Kälteschutz. Zuvor hatte man Tierfelle verwendet, die jedoch in der feuchten, salzigen Seeluft hart wurden. Eine Rye aus reiner Wolle bleibt weich und warm, selbst wenn sie nass ist. In Finnland fanden die Teppiche als Ausstattung in Häusern Verwendung. Ryen verwendete man auch als Schutz vor Kälte bei winterlichen Schlittenfahrten. Verschlissene Stücke kamen für Haustiere, z. B. in der Pferdehaltung, als Decken zum Einsatz.
Die Rye wurde im Haus über eine lange Zeit vorwiegend als Bettdecke genutzt. Sie wurde anfangs einfarbig oder mit einfachen Karos oder Streifen gestaltet. Dabei legte man den Flor nach unten, um die Körperwärme gut zu halten. In ärmeren Haushalten fanden sie so noch bis ins späte 19. Jahrhundert Verwendung und wurden erst danach von gefüllten Oberbetten und industriell gefertigten Wolldecken verdrängt.

Im 16. Jahrhundert dienten Ryen als Bettdecken in finnischen Schlössern und Herrenhäusern. Sie wurden zu einem verbreiteten Accessoire des finnischen Adels.
Im 17. Jahrhundert kam die Gestaltung von Ryen als Teil des Hochzeitsbrauchtums auf. Frauen fertigten kunstvolle Ryen als Teil ihrer Aussteuer an. Während der Trauung stand das Brautpaar auf einem der Werke. Die Brautrye diente anschließend als Bettdecke im Ehebett. Die Weberinnen wetteiferten in der Kunst der handwerklichen Fertigung und bei den Gestaltungen. Diese feinen Textilien wurden mit dem Flor nach oben ausgelegt oder waren zweiseitig mit Flor versehen. Die Garne wurden mit Naturfarbstoffen gefärbt und mit Motiven wie Herzen, Kreuzen, Kronen und Sanduhren verziert. Diese Symbole geben sowohl Hinweise auf den Ursprung des Stückes als auch auf seinen Zweck. Beispielsweise enthält das Lebensbaum-Ornament aus Mittelfinnland Zweige und Früchte. Es sollte Glück bringen.
Mitte des 19. Jahrhunderts wirkten sich internationale Einflüsse auf die Gestaltung der Ryen aus. Designer ließen sich u. a. von Kreuzstich- und Stickmustern inspirieren. Das beliebteste Motiv dieser Zeit war die Rose. Mit dem Fortschritt der chemischen Industrie war es möglich, die Wolle mit Synthetikfarbstoffen zu färben. Die Farbtöne waren kräftiger als natürliche Farbstoffe.
Künstler und Wissenschaftler beschäftigten sich seit dem 19. Jahrhundert mit den Ursprüngen von Kunst und Ästhetik der Ryen. Um 1900 entdeckte man sie mit dem erwachenden finnischen Nationalbewusstsein neu. Die finnischen Designer interpretierten das Thema jedoch der Zeit entsprechend. Ein sehr bekanntes Design im Jugendstil zeigen Akseli Gallen-Kallelas Entwürfe „Flamme“ (Liekki) und „Schwert“ (Miekka). Sie wurden von der Vereinigung Freunde der finnischen Handarbeit gewoben und im finnischen Pavillon der Pariser Weltausstellung 1900 ausgestellt. Es handelt sich um die erste moderne Textilkunst Finnlands.
Anfang des 20. Jahrhunderts kehrten Ryen als Wandtextilien in den Alltag zurück. Sie schmückten die Wände von Bauernhäusern und Stadtwohnungen, typischerweise an repräsentativer Stelle im Wohnzimmer oder Salon. Bekannte Designerinnen dieser Zeit hatten eine künstlerische Ausbildung durchlaufen, wie Impi Sotavalta und Laila Karttunen. Sie ließen sich sowohl von traditionellen Ryen als auch damals vertretenen Designstilen, wie dem Art déco oder dem Funktionalismus, inspirieren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich Ryen zu einer eigenständigen Kunstform. Wollgarne wurden gemischt und zu abstrakten Bildern arrangiert. Ryen von Eva Brummer, Uhra-Beata Simberg-Ehrström, Irma Kukkasjärvi, Kirsti Ilvessalo und Ritva Puotila wurden mit Designpreisen ausgezeichnet. Die Designerin Armi Ratia war eine der Gründerinnen des Textildesign-Unternehmen Marimekko. In den Jahrzehnten danach experimentierten die Künstlerinnen mit Papierkordel, Leinen, Viskose und sogar mit eingearbeiteten LED-Leuchten. Gleichzeitig verlor die Rye ihren Status als begehrte Wohnzimmerausstattung. In den 1980er-Jahren galten Ryen als altmodisch.



Entsprechende Techniken und Materialien sind heute in Schweden (schwedisch rya), Dänemark (dänisch rya) und Norwegen (norwegisch rye) bekannt, die denselben Ursprung haben, so wie auch die finnische Bezeichnung ryijy auf Entlehnung aus dem Schwedischen zurückgeht.
Ryen werden entweder am Webstuhl oder freihändig hergestellt. Das Weben auf einem Webstuhl entspricht der traditionellen Fertigung. Die Wolle für den Flor wird an die Kettfäden geknüpft. Zwischen die Florreihen werden die Schussfäden gewebt. Üblicherweise wird ein Knoten aus drei bis vier Knüpffäden an zwei Kettfäden erzeugt. Verschiedenfarbige Garne im Flor erzeugen nuancenreiche Farbflächen. Werden Florfäden mit gleicher Länge verarbeitet, z. B. durch Verwendung einer Hilfsleiste, ergibt sich eine linienartige Optik des Werkstücks. Der am häufigsten verwendete Knoten kommt auch bei bestimmten Orientteppichen vor: der Gördesknoten (auch türkischer Knoten oder Smyrnaknoten). Der Flor von Ryen besteht traditionell aus Schafwolle, es werden aber auch andere Materialien verwendet.
Ryen können auch auf einen Grundstoff geknüpft oder genäht werden. Bei diesen Ryen werden die Florfäden auf ein Stück Leinen mit lockerer Leinwandbindung, auf Jutestoffe oder einen vorgefertigten Ryen-Grundstoff mit gleichmäßig verteilten, vorgefertigten Löchern mittels Näh- oder Knüpfnadeln eingearbeitet. Der Flor kann in Schlaufen ausgebildet oder aufgeschnitten werden.
Die Kunsthalle Helsinki zeigte 2020/21 die Ausstellung Woven Beauty mit 130 Ryen von 1707 bis in die Gegenwart. Die Sammlung von Tuomas Sopanen bildete den Grundstock der Schau. Seine Sammlung ist die größte private Ryen-Sammlung in Finnland und umfasst annähernd 600 Wandteppiche.
Die Ausstellung präsentierte u. a. des Werk Neue Ernte (1972) von Uhra Simberg-Ehrström. Die Künstlerin erzeugt bei diesem Stück durch das Farbspiel den Eindruck, als würde die Rye von innen leuchten. Every Season’s Ry or Ru von Jonna Karanka und Rosanvärinen ryijy von Tenka Issakainen gehörten zu den experimentellen Werken. Neben Garnen kommen in ihren Stücken auch Stoffe, Federn, Perlen, Blumen, Lametta, ein BH-Träger und eine Spielzeuggitarre zum Einsatz. Aino Kajaniemi zeigte unter dem Titel Grief (2015) mit Ryen überzogene, skulpturale Darstellungen von Steinen.
Im Jahr 2013/14 zeigte das Ethnografische Museum Budapest Werke aus der Sammlung Tuomas Sopanen.
Moderne Ryen-Werkstücke aus dieser Sammlung wurden 2023 im National Museum of Modern Art Kyoto und im Higashine Art Museum Tokio gezeigt.