San Giobbe

Oratorium des Hospizes San Giobbe

San Giobbe (für Hiob oder Ijob) ist eine äußerlich wenig schmuckvolle Kirche im Westen des Sestiere Cannaregio, das im Norden der Altstadt von Venedig liegt. Der Komplex liegt am Campo und am Campiello San Giobbe, östlich des Rio di S. Giobbe, der in den Canale di Cannaregio mündet. Die Kirche gehörte zu einem franziskanischen Klosterkomplex; ältestes Bauwerk ist das Oratorium, das im späten 14. Jahrhundert entstand. Initiatoren waren Giovanni Contarini und seine Tochter Lucia Dolfin († 1447), die dafür Sorge trug, dass das Oratorium erhalten blieb. Die Kirche wurde zur Grablege der Dogen Cristoforo Moro und Pietro Loredan sowie der Dogaressa Dea Morosini. Der Campanile weist eine Höhe von 46 m auf.

Geschichte

Die Pala di San Giobbe, (Altarretabel); sie wurde im Stil der Renaissance 1493 durch Pietro Lombardo erneuert (Öl auf Holz, 471 × 258 cm, heute in den Gallerie dell’Accademia). In der Mitte thronend Maria mit ihrem Sohn Jesus, zu ihren Füßen drei musizierende Engel; links die Heiligen Franz von Assisi, Johannes der Täufer und Hiob, rechts Dominikus, Sebastian und Ludwig von Toulouse.

Die Kirche geht auf ein 1378 gegründetes Hospiz nebst einem Oratorium zurück. Giovanni Contarini war der Initiator eines solchen Hauses für Bedürftige, das in der Nähe seines Stadtpalastes entstand, nachdem er bereits 1375 ein Nonnenkloster namens San Girolamo gegründet hatte. Für San Giobbe erwarb er weitere Häuser von einer Beruccia, Ehefrau des Marco Benado, mit der Erlaubnis des Großen Rates. Dessen Zustimmung erfolgte am 21. Dezember 1389.

Papst Bonifatius IX. erteilte am 22. September 1390 die Erlaubnis, ein Oratorium zu errichten, in dem auch Messen zelebriert werden durften. Am 30. August 1407, neun Tage vor seinem Ableben, übereignete der Gründer Giovanni Contarini seinen gesamten Besitz dem Klosterkomplex. Er wurde in San Giobbe beigesetzt. Es war seine Tochter Lucia, Witwe des Enrico Dolfin, die mit Hilfe der Minoriten das erste Hospiz zu Ehren des heiligen Hiob errichten ließ. Sie erreichte, dass ein Priester namens Filippo zum ersten Prior erhoben wurde und dass mit einer Urkunde vom 6. Juni 1422 neun Governatori eingesetzt wurden. Diese sollten jeweils selbst ihre Nachfolger wählen. Drei Jahre lang lebten dort nun Angehörige der Kongregation der Eremiten von San Girolamo des Pietro da Pisa. Sie verließen jedoch 1425 den für Eremiten wenig geeigneten Ort. Erst 1428 gestattete Papst Martin V. die Ansiedlung von Minoriten. Am 22. Juni 1434 räumte ihnen Lucia Dolfin das volle Verfügungsrecht über das Oratorium ein. Als diese das Oratorium zugunsten eines Kirchenbaus abreißen wollten, erlangte die Stifterin von Papst Eugen IV. das Verbot, das väterliche Erbe zu zerstören. In Venedig mussten nun Lorenzo Giustiniani, der Bischof von Castello und später erster Patriarch von Venedig, dann Tommaso Tommasini, Bischof von Feltre, sowie Fantino Dandolo, apostolischer Protonotar, im Streit eine Entscheidung treffen. Am 7. Oktober 1441 entschieden die beiden ersteren nach einem Ortstermin, dass das Oratorium nicht abgerissen werden durfte. Am 7. Oktober 1447 starb die Stifterin Lucia Dolfin; sie wurde im Kloster beigesetzt, neben ihrer verstorbenen Tochter Cecilia Bembo.

Dabei waren es zwei Männer, die den Anstoß zum Ausbau der Gebäude gaben, nämlich der Franziskaner Bernardino von Siena, der 1443 in der Stadt predigte und der im Kloster San Giobbe unterkam, sowie der spätere Doge Cristoforo Moro. Letzterer trug 1471, drei Monate vor seinem Tod, 10.000 Dukaten zur Fertigstellung der 1450 durch Antonio Gambello begonnenen gotischen Kirche bei. Bis 1493 wurde sie unter Pietro Lombardo fertiggestellt, der seinen ersten Auftrag in Venedig erhalten hatte. Er war mit Bernardino befreundet gewesen und ließ zu dessen Ehren eine eigene Kapelle anlegen, womit das Klostergelände erweitert wurde. Moro erreichte 1454 auf einer Gesandtschaftsreise nach Rom Vergünstigungen für die Kapelle. Wie Bernardino vorhergesagt haben soll, wurde Moro zum Dogen gewählt. Er erreichte, dass der 1450 heiliggesprochene San Bernardino zum Schutzherrn der Stadt erhoben wurde, was zu entsprechenden Festivitäten Anlass gab. Das Kloster San Giobbe erschien in den Dokumenten der folgenden Jahre unter dem Titel Santi Giobbe e Bernardino. Der Doge wählte San Giobbe als letzte Ruhestätte und ließ sich dort 1470 im Franziskanerhabit beerdigen.

Giovanni Bellini: Pala di San Giobbe
Marco Basaiti: Orazione nell’orto
Vittore Carpaccio: Presentazione di Gesù al Tempio, 1510 für den dritten Altar angefertigt, Gallerie dell’Accademia

Am 14. April 1493 wurde die renovierte Kirche wieder geweiht, erneut geschah dies am 14. April 1497, dieses Mal durch Girolamo Righetti, den Bischof von Caorle. In San Giobbe wurde nicht nur Cristoforo Moro, sondern auch Pietro Loredan beigesetzt, ebenso wie die Dogaressa Alidea Morosini.

Von dem Komplex blieb nur die Kirche übrig, während die Franziskaner das Kloster San Giobbe, das am 31. Mai 1810 von den Franzosen aufgehoben worden war, verlassen mussten. Sie siedelten in den Klosterkomplex San Francesco della Vigna über. Die Altarbilder von Marco Basaiti, Giovanni Bellini und Vittore Carpaccio wurden 1815 auf Betreiben der österreichischen Regierung in die Gallerie dell’Accademia überführt. In der Kirche verblieb ein Petrusbild von Paris Bordone auf dem 4. Altar.

Die Klosterkirche wurde zunächst eine succursale der Pfarrei San Geremia (heute das Santuario di Lucia), ist aber seit 1952 wieder eine selbstständige Pfarrei.

Literatur

Commons: San Giobbe (Venice) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

  1. ↑ Cesare Augusto Levi: I campanili di Venezia. Notizie storiche, Ferdinando Ongania, Venedig 1890, S. 41.
  2. ↑ Michael Heymel: „Versa et cantatio mea in plorationem“. Hiob und die Musik, in: Werner Schüßler, Marc Röbel (Hrsg.): Hiob – transdisziplinär. Seine Bedeutung in Theologie und Philosophie, Kunst und Literatur, Lebenspraxis und Spiritualität, Münster 2013, S. 151–172, hier: S. 170 f.
  3. ↑ Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 282.
  4. ↑ Herbert Rosendorfer: Kirchenführer Venedig, Edition Leipzig, 2008, 2. Aufl., E. A. Seemann, 2013, S. 201.

Koordinaten: 45° 26′ 41,9″ N, 12° 19′ 13,5″ O