Koordinaten: 36° 48′ 9,7″ N, 44° 13′ 51,5″ O


Shanidar oder Schanidar ist eine Höhle im Norden des Iraks in der Provinz Erbil der autonomen Region Kurdistan. Sie liegt in 745 m Höhe am Großen Zab in den Ausläufern des Zagrosgebirges. Die Höhle wurde bis zum Beginn archäologischer Ausgrabungen in den 1950er-Jahren im Winter von nomadisierenden kurdischen Stämmen bewohnt. Internationale Bekanntheit erlangte die Höhle, als dort Überreste von Neandertalern gefunden wurden.

Zwischen 1953 und 1960 wurden in der Höhle unter Leitung des US-amerikanischen Archäologen Ralph Solecki (Columbia University, New York City) Ausgrabungen durchgeführt. Die Schichtenfolge reicht von der Neuzeit bis ins Mittelpaläolithikum zurück.
| Schicht | Kultur | Datierung |
|---|---|---|
| B1 | Altneolithikum | |
| B1 | Epipaläolithikum | 10.600±300 |
| C | Baradostien | 33.000–27.000 |
| D | Moustérien |
In Schicht D wurden insgesamt neun Neandertaler ausgegraben (Shanidar 1 bis 9). Ihr Alter wird mit 45.000 bis 50.000 Jahren angegeben. Die Überreste von drei jungen männlichen Neandertalern waren besonders gut erhalten. Sie gehören zu den wenigen Fossilfunden östlich des Mittelmeerraumes und sind die einzigen menschlichen Reste in Fundschichten des Zagros-Moustériens. In jüngerer Zeit stellte sich heraus, dass das Verbreitungsgebiet der Neandertaler im Osten bis Südsibirien (Okladnikow-Höhle) reichte.
| Nr | Quadrat | Tiefe | Jahr | Beschreibung | Haltung | Erhaltung | Datierung |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | B7 | 4,34 | 1957 | erwachsener Mann | Strecker | fast kompletter Schädel | ca. 45.000 – 50.000 |
| 2 | D8 | 7,25 | 1957–1960 | erwachsener Mann | ? | — | 60.000? |
| 3 | A9 | 5,40 | 1957 | erwachsener Mann | — | fast komplettes Skelett | ca. 45.000 – 50.000 |
| 4 | B7 | 7,49 | 1960 | erwachsener Mann | rechter Hocker | — | älter als 45.000 |
| 5 | B8 | 4,48 | 1960 | erwachsen | ? | — | älter als 45.000 |
| 6 | B7 | 7,68 | 1960 | erwachsene Frau | ? | — | 60.000? |
Tabelle gemäß Steward 1977, Tafel 1
Verwahrort der Funde ist – mit einer Ausnahme – das Irakische Nationalmuseum in Bagdad. Das Fossil Shanidar 3 wurde dem National Museum of Natural History der Smithsonian Institution in Washington, D.C. übergeben. Der Fund Shanidar 3 ist insbesondere im Zusammenhang mit der Anatomie des Neandertaler-Brustkorbs von Bedeutung, da seine Rippen gut erhalten sind in einer Rekonstruktion belegt wurde, dass die Brusthöhle durch eine vom anatomisch modernen Menschen abweichende Biegung der Rippen größer war als bei Homo sapiens und der Rumpf dadurch kompakter, stämmiger – „fassförmiger“ – war als der Rumpf von Homo sapiens.
Erik Trinkaus nimmt an, dass die Schädel der Individuen 1 und 5 künstlich deformiert wurden und dass Individuum 1 trotz Einschränkungen seines Hörvermögens und weiterer, schwerer körperlicher Einschränkungen dank seiner Gruppe in dieser überlebte. Der rechte Arm von Individuum 1 war verkümmert, was zeitweise als mögliche Folge einer Amputation interpretiert wurde; diese Interpretation gilt heute jedoch als wenig überzeugend.
Schicht B1 wurde auf 10600±300 BP datiert (W-667). Auf der Niederterrasse des Großen Zab, vor dem Ortseingang zum gleichnamigen Dorf Shanidar, liegt die protoneolithische Siedlung von Zawi Chemi.
Im Grab von Shanidar 4 (auch: Grab IV) wurde eine ungewöhnlich hohe Konzentration von Blütenpollen nachgewiesen, was 1975 von Ralph Solecki als Überreste von Blumen interpretiert wurde, die als Grabschmuck der Leiche gedient hatten; gelegentlich wurde dies zudem als Beleg „für Schamanismus und ritualisierte Bestattungen“ interpretiert. Bereits 1999 wurde gegen das vermutete „Blumenbegräbnis“ eingewandt, die Blüten könnten von den dort häufig vorkommenden Persischen Rennmäusen (Meriones persicus) in die Höhle verschleppt und in den Bestattungshorizont eingegraben worden sein. 2023 wurde schließlich berichtet, dass in den Pollenklumpen, die aus dem Grab von Shanidar 4 geborgen wurden, Pollen unterschiedlicher Pflanzenarten enthalten sind und dass diese Pollen von Arten stammen, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten im Jahr blühen. Diesen Befunden zufolge wurden also keine Blumen in der Höhle abgelegt, sondern Pollen von Solitärbienen in Bodennester geschleppt. Hinweise auf solche Nester haben sich in Sedimenten aus der Neandertalerzeit erhalten.
Seit April 2014 wird in Shanidar im Rahmen des Projektes „How resilient were Neanderthals and Modern Humans in SW Asia to climate change? Reinvestigating Shanidar Cave“ unter Graeme Barker (McDonald Institute for Archaeological Research, University of Cambridge) und Tim Reynolds (Birkbeck, University of London) wieder gegraben. Das Projekt kombiniert die Grabung in der Shanidar-Höhle mit einer Untersuchung der paläolithischen Besiedelung der Region.