Der Begriff Schatten-IT (oder Shadow IT) beschreibt informationstechnische Systeme, Prozesse und Organisationseinheiten, die in den Fachabteilungen eines Unternehmens neben der offiziellen IT-Infrastruktur und ohne das Wissen des IT-Bereichs angesiedelt sind. Schatten-IT-Instanzen sind somit weder technisch noch strategisch in das IT-Service-Management der Organisation eingebunden, das heißt weder im (IT-Asset- &) Configuration-Management noch im IT-Serviceportfolio berücksichtigt.
Teilaspekte
Unter dem Oberbegriff Schatten-IT können verschiedene Teilaspekte unterschieden werden:
Die Nutzung von Social Software, zur Kommunikation von Benutzern über arbeitsrelevante Themen. Teilweise werden über diesen Kanal auch vertrauliche Informationen verteilt.
Die Entwicklung und der Betrieb von Applikationen durch Fachabteilungen in eigener Regie. Dies beinhaltet zum Beispiel den recht häufigen Fall einer eigenentwickelten Excel- oder Access-basierten Anwendung; in den letzten Jahren sind zudem eigenentwickelte Business-Intelligence-Anwendungen hinzugekommen.
Die Einbindung von Hardware, die nicht in den offiziellen IT-Katalogen enthalten ist. Dazu zählen beispielsweise PCs, Drucker oder Router, die von der Fachabteilung direkt im Einzelhandel beschafft werden.
Die Einbindung privater Smartphones und Tablet-PCs inklusive der entsprechenden Apps in die Unternehmensnetzwerke.
Aufbau eigener Supportstrukturen in den Fachabteilungen, wenn sich beispielsweise Kollegen untereinander bei Hard- und Softwareproblemen unterstützen.
Ursachen
Grundsätzlich entsteht Schatten-IT, wenn die von der IT-Abteilung angebotenen Services nicht den Anforderungen der Fachabteilungen genügen. Die Ursachen für diese Lücke können folgendermaßen aussehen:
Probleme in der Abstimmung von IT und Fachabteilung:
Schlechte organisatorische Abstimmung von IT und Fachabteilung: Wenn keine eindeutigen Verantwortlichkeiten bei der Betreuung der Fachabteilungen durch die IT existieren, sehen sich diese dazu veranlasst eigene Lösungen zu entwickeln.
Unangebrachte Koordinationsmechanismen bei der IT-Steuerung, wie z.B. zu starre Budgets oder unzureichende Transparenz bei den IT-Verrechnungspreisen, führen dazu, dass die offizielle IT durch Schatten-IT in den Fachabteilungen ersetzt wird.
Eine zu geringe Formalisierung der Zusammenarbeit zwischen IT und Fachabteilung kann zu einem Eigenleben in den Fachabteilungen führen, durch welches die Entwicklung von Schatten-IT hervorgeht. Auf der anderen Seite kann eine zu hohe Formalisierung dazu führen, dass die Anwender sich den rigiden Prozessen des Demand Managements entziehen und eigene Lösungen erstellen.
Bei einer unzureichenden Gestaltung des IT-Outsourcings kann durch die Schaffung von Schatten-IT ein verdecktes Insourcing stattfinden.
Kontextfaktoren in der IT:
Durch personelle oder finanzielle Ressourcenengpässe in der IT werden oft Projektanfragen aus den Fachbereichen zurückgestellt. Dies gilt auch für den Fall, wenn in der IT das notwendige Know-how fehlt. Häufig behelfen sich Fachabteilungen in diesen Fällen mit der Eigenentwicklung der Leistungen.
Eine hohe Autonomie in den Fachabteilungen kann sich auf den Bereich der IT ausdehnen.
Mergers & Acquisitions: Unternehmen, die eine umfangreiche M&A-Historie aufweisen, haben oftmals einen geringeren organisatorischen Zusammenhalt; dadurch sind Fachabteilungen eher bereit unabhängig von der zentralen IT zu agieren.
Dezentrale Organisationsformen: Eine räumlich stark verteilte Organisation führt naturgemäß zu Einschränkungen im IT-Support. Hierdurch wird die informationstechnische Eigeninitiative gefördert, die sich in Schatten-IT niederschlagen kann.
Externe Einflüsse aus dem Unternehmensumfeld: Unternehmen können z.B. durch Hausbanken, Kunden oder Lieferanten dazu gezwungen sein, IT-Systeme Dritter zu verwenden. Häufig erfolgt dies allein durch die Fachabteilungen ohne Unterstützung des IT-Bereichs.
Die steigende Technologie-Affinität der Mitarbeiter (Digital Natives) fördert die Entwicklung von Schatten-IT.
Auswirkungen
Mit Schatten-IT sind positive und negative Auswirkungen verbunden:
Risiken:
Probleme im Hinblick auf Datensicherheit, -integrität und -schutz durch eine oftmals weniger professionell durchgeführte Entwicklung.
Compliance-Konflikte: Schatten-IT kann zur Etablierung von Prozessen führen, die bestehende Compliance-Regeln verletzen. Außerdem stellt Schatten-IT selbst einen Verstoß gegen unternehmensinterne Regeln dar.
Schatten-IT-Anwendungen werden definitionsgemäß nicht vom IT-Service-Management betreut. Da die Fachabteilung dies nicht übernimmt und die Schatten-IT-Anwendungen häufig technologisch betrachtet qualitativ schlechter als professionell entwickelte Systeme sind, besitzen sie somit eine geringe Zukunftsfähigkeit. Eine Planung von IT-Architektur und IT-Kapazitäten ist kaum möglich.
Der geringe Grad an Professionalität führt oftmals zu einer wirtschaftlichen Ineffizienz der Prozesse und Systeme.
Sourcing-Entscheidungen werden durch die Schaffung von Schatten-IT untergraben: Offiziell ausgewählte Outsourcing-Partner werden übergangen, was ein hohes Risikopotenzial hinsichtlich von Vertragsstrafen birgt.
Die Beschäftigung von Mitarbeitern in den Fachabteilungen mit IT-Themen kann negative Auswirkungen auf die Gesamtperformance des Unternehmens haben, da sich diese Mitarbeiter nicht mit ihren Hauptaufgaben beschäftigen.
Andere IT-Services können von Schatten-IT gestört und deren Verfügbarkeit beeinträchtigt werden.
Dadurch, dass Schatten-IT nicht ins Releasemanagement eingebunden ist, können Migrationen und andere Veränderungsmaßnahmen (wie auch z.B. Security-Updates) behindert werden.
Die Benutzerzufriedenheit kann durch Folgeprobleme der Verfügbarkeit und des Supports der Schatten-IT ebenfalls negativ beeinflusst werden.
Chancen:
Hohe IT-Innovationsrate: Die Auseinandersetzung der Fachbereiche mit den Chancen von IT und die Erkennung eines zusätzlichen Nutzens für ihre Prozesse, führt sie unter den entsprechenden Rahmenbedingungen zur Entwicklung von Schatten-IT. Für die IT-Abteilungen hingegen ergeben sich aufgrund ihrer Distanz zum operativen Geschäft Probleme, dieses Innovationspotenzial aufzudecken. Folglich finden Innovationen über Schatten-IT sehr schnell ins Unternehmen.
Die Schatten-IT-Lösungen sind sehr aufgabenorientiert und haben eine starke Fokussierung auf die internen Prozesse der Fachabteilung. Dies kann zu einer Verbesserung der Prozesse führen.
Schatten-IT-Lösungen führen durch ihre Nähe zu den Bedürfnissen der Anwender zu einer wachsenden Benutzerzufriedenheit mit der IT-Unterstützung im Unternehmen insgesamt. Dadurch, dass der Bewilligungsprozess fehlt, sind Schatten-IT-Lösungen außerdem flexibel und schnell anpassbar.
Untersuchungen haben gezeigt, dass die Identifikation mit den genutzten Produkten sehr hoch sein kann, was zu steigender Motivation führt.
Literatur
Steffi Haag: Shadow IT. Insights from multiple research perspectives. Frankfurt am Main 2016 (Diss.).
Stephan Zimmermann: Der Umgang mit Schatten-IT in Unternehmen – Eine Methode zum Management intransparenter Informationstechnologie. Springer-Verlag, 2018, ISBN 978-3-658-20786-1.
Einzelnachweise
1234Christopher Rentrop, Oliver van Laak, Marco Mevius: Schatten-IT: ein Thema für die Interne Revision? In: Revisionspraxis, April 2011