
Die Schule von Gaza war ein Kreis von Intellektuellen in der spätantiken Stadt Gaza. Hierzu werden als Hauptvertreter Aineias von Gaza, Prokopios von Gaza und Chorikios von Gaza gerechnet, außerdem Zacharias Scholastikos, Zosimos von Gaza (Kommentator der Werke des Lysias und des Demosthenes), Johannes von Gaza (Verfasser einer Ekphrasis) und Timotheos von Gaza (Universalgelehrter, der über Zoologie ebenso wie über Syntax schrieb). Auch Prokopios von Caesarea erhielt seine rhetorisch-literarische Ausbildung in Gaza.

Gaza wurde im 5. und frühen 6. Jahrhundert aufgrund der geografischen Nähe zur Metropole Alexandria „zum Schauplatz der letzten Blüte griechischer Rhetorik“. In Alexandria hatten die Hauptvertreter der Gazaner Schule studiert – Ausgrabungen im Zentrum Alexandrias (Kom el-Dikka) brachten ein im 5. / 6. Jahrhundert neu erbautes akademisches Viertel mit mindestens 25 Hörsälen ans Licht. Die Gazaner Studenten brachten aus Alexandria neben einer sehr guten Rhetorikausbildung auch eine neuplatonische Prägung mit.
Der Begriff Schule von Gaza sollte, so Robert J. Penella, nicht den Eindruck einer Institution wecken, es handelt sich eher um einen Zirkel gleichgesinnter Sophisten und Rhetoriker. Immerhin gab es in Gaza aber einen aus öffentlichen Mitteln finanzierten Lehrstuhl für Rhetorik, den Chorikios innehatte. Zu seinen Aufgaben gehörte es deshalb, bei bestimmten Gelegenheiten für die Stadt Gaza das Wort zu ergreifen: etwa bei Einweihung oder Abschluss der Instandsetzung der Sergios- und der Stephanoskirche oder zur Beisetzung der Mutter des Bischofs Maurikios. Auch Prokopios verfasste panegyrische Reden, von denen allerdings wenig erhalten blieb.
Adolf Martin Ritter sieht im Gegensatz zu Penella durchaus einen organisierten und von der Stadtgemeinde finanzierten Schulbetrieb in Gaza. An der Spitze stand stets nur ein Sophist (der deshalb konkurrenzlos blieb), außerdem gab es mindestens einen Rhetoriklehrer und zwei für die griechische Elementarbildung zuständige grammatikoi sowie einen Lateinlehrer (ῥωμαικός rhōmaïkós). Studenten mit höheren Ambitionen, etwa in der Rechtswissenschaft, mussten Gaza verlassen und nach Alexandria oder Berytos wechseln.
Im Dionysos-Theater der Stadt Gaza fanden häufig Festspiele (wohl mimische und pantomimische Darbietungen) statt, die gut besucht waren und vom Kaiserhof von Konstantinopel finanziell gefördert wurden. Für die Schüler des Chorikios ist auch bezeugt, dass sie sich zu einer Schauspieltruppe (grex) zusammenfanden, um gemeinsam Mimen aufzuführen.
Aineias als frühester bedeutender Vertreter der Schule von Gaza ist als Verfasser des neuplatonischen Dialogs Theophrastus sowie durch eine Sammlung von 25 Briefen bekannt. Zeitgeschichtliche Anspielungen im Theophrastus erlauben eine Datierung des Werks in die Jahre 485–490. Aus Aineias’ Briefen geht hervor, dass er in Alexandria studiert hatte und daraufhin in Gaza eine Rhetorenschule gründete und leitete. Seine Briefsammlung zeigt den in Gaza bereits etablierten Aineias im Mittelpunkt eines Beziehungsnetzwerks. Die Briefe sind kurz, schlicht und doch formal-stilistisch sorgfältig gestaltet. Aineias erscheint darin als Intellektueller, der den Problemen seiner Briefpartner aufmerksam zugewandt ist, mögen diese nun groß oder klein sein, „und sich geflissentlich bemüht, vom Schicksal verhängtes Leid mit heiterer Menschlichkeit und Zutrauen in seine Nächsten zu lindern.“ Auffälligerweise erwähnte Aineias im Theophrastus weder den Namen Christus, noch zitierte er aus der Bibel. Obwohl er die Werke christlicher Theologen nachweislich benutzte, führte er sie nicht namentlich an. Manfred Wacht erläutert, dass Aineias’ Schrift unter Neuplatonikern für das Christentum warb. Der Verfasser verzichtete demnach auf christliche Sondersprache und zitierte keine christlichen Autoritäten, weil er damit bei der Leserschaft keinen Eindruck machen konnte.
Als bedeutendster Vertreter der Schule von Gaza gilt Prokopios. Er war wahrscheinlich der Bruder des Kirchenhistorikers und Bischofs von Mytilene Zacharias Scholastikos und stammte wie dieser aus Gazas Hafen Maioumas. Nach eigenen Angaben erhielt er seine Ausbildung mindestens teilweise in Alexandria und kehrte dann nach Gaza zurück. Aineias bezeichnete ihn als seinen Schüler. Prokopios war in Gaza als Rhetoriklehrer tätig und hinterließ ein vielfältiges Werk, das sowohl rhetorisch-sophistische Schriften als auch Bibelkommentare und zahlreiche Briefe umfasste. Dieses Briefcorpus zeigt Prokopios als Intellektuellen, der sich seinen Briefpartnern sprachlich anzupassen wusste. Zahlreiche Empfehlungsschreiben zeigen, wie Prokopios selbstbewusst mit der Elite, namentlich in der höheren Beamtenschaft am Kaiserhof von Konstantinopel, korrespondierte. Dabei war er eigener Darstellung nach bestrebt, Hilfsbedürftige aus einfachen Verhältnissen zu unterstützen und in juristischen Fragen der gerechten Sache zum Erfolg zu verhelfen. Seine Beziehung zu kirchlichen Kreisen war ebenso wie bei Aineias eindeutig gut, aber Kontakte pflegte er vorzugsweise mit Personen aus Kultur und Verwaltung sowohl in seiner Heimatstadt Gaza als auch in Alexandria und Caesarea Maritima. Obwohl Prokopios sich im Christentum verortete, fand er in der klassischen, insbesondere homerischen Mythologie einen reichen Fundus an „Figuren, Episoden und erinnerungswürdigen Leitgedanken.“
Zu den Schülern des Prokopios gehörte der spätere Bischof von Gaza, Markianos.
Chorikios studierte bei Prokopios, und als dieser 528 starb, folgte er ihm in der Leitung der Schule von Gaza nach, die er wohl bis zu seinem eigenen Tod in den 540er Jahren innehatte. Seine über 40 Werke wurden möglicherweise von ihm selbst oder einem seiner Schüler zusammengestellt und umfassen „epideiktische Reden, Deklamationen und kurze Dialexeis.“