Scientokratie

Mit Scientokratie (lateinisch scientia ‚Wissen‘, ‚Wissenschaft‘ und altgriechisch κράτος krátos ‚Gewalt‘, ‚Macht‘, ‚Herrschaft‘) wird die politische oder anderweitig gesellschaftlich relevante „Herrschaft der Wissenschaft“ bzw. „Herrschaft der Wissenschaftler“ bezeichnet.

Wissenschaftliche Grundlagen

Szientismus

Die These der Scientokratie (auch Szientokratie) ist eine der Varianten des Szientizismus. Danach können menschliche Beziehungen und Gesellschaften ausschließlich nach wissenschaftlichen Kriterien organisiert werden, d. h., auch Ethik kann letztlich wissenschaftlich begründet werden. Darüber hinaus bezieht sich Szientismus auf die Forderung nach einer Anwendung der wissenschaftlichen Methoden für Praktiken in nahezu allen gesellschaftlichen Teilbereichen, insbesondere der Politik.

Als Scientokratie wird im engeren Sinne auch eine Form der Einflussnahme auf Entscheidungen von Regierung oder Verwaltung verstanden, in der alle Handlungen auf wissenschaftlich fundiertem Wissen aufbauen sollen. Wissenschaftler und andere naturwissenschaftlich und technisch fähige Personen ersetzen dabei die politische Meinungsbildung. Im Vordergrund steht die rationale, effektive Planung und Durchführung zielorientierter Vorhaben. Während sich die Aufmerksamkeit ganz auf Mittel und Wege konzentriert, verringert sich die Bedeutung der Parteien, der demokratischen Willensbildung und der politischen Entscheidungsprozesse hinsichtlich der Wahl gesellschaftlicher Ziele.

Peter Strohschneider versteht unter Szientismus, ein ideologisches Syndrom, das sich durch vier Merkmale auszeichnet:

Abgrenzung von anderen Expertokratien

Die öffentliche Verwendung des Begriffs der Scientokratie im frühen 21. Jahrhundert beschreibt eine Gefahr, eine Annahme oder einen Ausblick auf eine mögliche Entwicklung. Im Gegensatz zur Technokratie, die in der realen Technokratischen Bewegung in den USA der 1920er Jahre ihren Anfang nahm und meist in politischen Krisensituationen reale technokratische Regierungen hervorbrachte, gibt es bis 2020 keinen vergleichbaren Einfluss von Scientokraten als Mitgliedern von Regierungen.

In Anlehnung an Technokraten vermutet man, dass Scientokraten ihre Thesen auf der Annahme bilden würden, dass es keinen ideologischen und ökonomischen Weg gebe, die staatliche Stabilität aufzubauen und somit für das Wohl der Menschen zu sorgen.

Platon forderte bereits in der Antike angesichts der oft ungenügenden Eignung der Herrscher die Führung des Staates durch Philosophen. Obwohl die Philosophie auch eine Wissenschaft ist, fällt die Epistokratie nicht unter den aktuellen Begriff der Scientokratie. Letztere orientiert sich an naturwissenschaftlichen „harten“ Fakten und Erkenntnissen und lehnt eine Beeinflussung der Politik durch moralische, ethische, ideologische, parteiegoistische, philosophische oder andere „weiche“ Beweggründe als unzuverlässig ab.

Wissenschaftlich-politische Diskussion

Mediale Diskussion in den 2020er Jahren

Während der COVID-19-Pandemie 2020 entstand in den Medien zunehmend der Eindruck, dass Wissenschaftler, insbesondere Virologen, die politischen Entscheidungen maßgeblich beeinflussen und das Heft des Handelns in die Hand nehmen könnten. Sie könnten die Deutungshoheit über die Bewertung der Entwicklung erlangen. Nachdem in Deutschland seit März 2020 allgemein akzeptierte massive Kontakteinschränkungen galten, mehrten sich danach die Stimmen, die die Gefahren, die von der Pandemie ausgingen, mit denen abgewogen wissen wollten, die mit dem Stillstand des sozialen Lebens und der Wirtschaft einhergehen würden. Es sei der Weg zu finden, der die geringsten Schäden für die gesamte Gesellschaft bringen würde. Man unterschied im Wesentlichen drei Strategien:

  1. Einzelne Gebiete wurden ohne für die Öffentlichkeit erkennbare Vorzeichen von der Pandemie überrascht (z. B. Wuhan, Spanien oder Italien). Hier war die unmittelbare Rettung von akut bedrohtem Leben vorrangig. Eine nachhaltige Strategie konnte erst danach ansetzen.
  2. Die inzwischen erkannte Pandemie möglichst eindämmen oder zumindest verlangsamen, um die Krankenhauskapazitäten nicht durch gleichzeitig zu viele schwerst Infizierte zu überlasten (z. B. Deutschland).
  3. Die inzwischen erkannte Pandemie „aushungern“, indem man Teile der Bevölkerung sich infizieren lässt, bis deren Durchseuchung und erhoffte Immunität erreicht und eine weitere Ausbreitung nicht mehr möglich sei (z. B. Schweden und USA).

Anerkannte Wissenschaftler vertraten unterschiedliche oder sogar gegensätzliche Ansichten, darunter z. B. Christian Drosten von der Charité Berlin und dagegen Anders Tegnell, Staatsepidemiologe der schwedischen Behörde für öffentliche Gesundheit (Folkhälsomyndigheten) u. v. a. m. Diese Diversität wissenschaftlich begründeter Ansätze zur Bekämpfung der Pandemie offenbart, dass die Wissenschaft forscht und sucht, aber die Politik jetzt und für einen überschaubaren Zeitraum für die Gesellschaft entscheiden muss.

Beispiel der Diskussion:

Einzelnachweise

  1. ↑ Stangl Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, aufgerufen 6. April 2020
  2. ↑ Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung: John Dewey und die politische Philosophie der Gegenwart. VS Verlag, 2003, S. 84.
  3. ↑ Peter Strohschneider: Wahrheiten und Mehrheiten. Kritik des autoritären Szientismus. München 2024, S. 69 ff.
  4. ↑ Erwin Chargaff: Wehklage über das Verschwinden der Dryaden. Zitiert in: Stephan Albrecht: Wissenschaft als hermetische Öffentlichkeit. In: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Gegenworte. Hefte für den Disput über das Wissen, Heft 1, 1998, abgerufen am 7. Juni 2020
  5. ↑ Stephan Albrecht: Wissenschaft als hermetische Öffentlichkeit. In: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Gegenworte. Hefte für den Disput über das Wissen, Heft 1, 1998, abgerufen am 7. Juni 2020
  6. ↑ Bernhard Eitel: Schein & Sein. Auf Uni Heidelberg online, Ausgabe 11, Dezember 2017, abgerufen 3. Mai 2020
  7. ↑ Peter Strohschneider: Herrschaft der Wissenschaft? Szientokratie als Anti-Politik. In: Akademie Aktuell 1.2019, aufgerufen 6. April 2020
  8. ↑ Christian Bartlau: Lockerung? Ja, nein, vielleicht? „Maischberger“ spielt mit den Corona-Gefühlen. Auf Web.de am 2. April 2020, abgerufen 3. Mai 2020