Séance

Zeitungsausschnitt von 1894, der die spiritistischen Fähigkeiten der Italienerin Eusapia Palladino unter Aufsicht von zwei Wissenschaftlern beweisen soll: Der Tisch scheint zu schweben

Als Séance (frz. „Sitzung“) wird im Allgemeinen eine spiritistische Sitzung einer Gruppe mehrerer Personen bezeichnet, wobei unter Anleitung oder Nutzung eines Mediums mit einer behaupteten Welt der Toten und des Übernatürlichen (z. B. Geister oder Dämonen) in Kontakt getreten werden soll, um „Nachrichten“ aus dem Jenseits zu empfangen oder mit Verstorbenen kommunizieren zu können.

Im ethnologischen Zusammenhang wird der Begriff auch für die „Seelenreisen“ der Schamanen traditioneller Gesellschaften verwendet.

Spiritistische Séancen

Als sichtbare Zeichen des Kontakts mit dem Jenseits werden das sogenannte „automatische Schreiben“ oder die verbale Kommunikation des Mediums mit dem Jenseits interpretiert. Weitere physikalische Manifestationen sollen Materialisierung von Gegenständen, das Herausquellen von sogenanntem Ektoplasma aus Körperöffnungen des Mediums, Telekinese, Apportphänomene und Levitation, d. h. schwebende Gegenstände wie Tische, Klaviere und Bücher, sein.

Das „Medium“ wird in aller Regel anonym gehalten, es wird behauptet, dieser Mensch habe seine besondere Eignung erwiesen, in Trance zu fallen und dann ins Jenseits hören zu können. Oftmals werden die Teilnehmer einer Séance eingeschworen, keinem Außenstehenden Mitteilung über das Geschehen zu machen.

Eine Séance findet oft bei Kerzenlicht oder in fast völliger Dunkelheit statt, was nur ein schemenhaftes Sehen gestattet. Der Raum zur Séance kann mit technischen Einrichtungen versehen sein, die es dem Medium oder seinen Begleitern erlaubt, plötzlich das Licht einzuschalten oder es ganz zu verdunkeln bzw. eine Kerze verlöschen zu lassen, oder auch Geräusche von einem Tonband oder Schallplatte abzuspielen, gesteuert über verborgen angebrachte Schalter. Oft existiert in einem Nebenraum versteckt noch jemand, der die Worte des Mediums in die passende Geräuschkulisse umsetzt und die Teilnehmer glauben lässt, ein Geist spreche aus dem Jenseits. Fäden bei der sogenannten Levitation sind ein weiterer beliebter Trick, um die „von Geistern“ bewegten schwebende Tische oder Gegenstände zu zeigen. Solch eine Séance erscheint damit als eine wirtschaftlich motivierte Illusions-Veranstaltung: die Teilnehmer zahlen dafür, mittels des „Mediums“ ihren Wunsch nach Kontakt ins Jenseits erfüllt zu bekommen.

Geschichtlicher Hintergrund

Die Blütezeit der Séancen und spiritistischen Zirkel war in der Zeit zwischen 1850 und 1890. Allerdings gab es auch noch danach viele spiritistische Sitzungen, verewigt unter anderem in der amerikanischen Horrorfilm-Reihe Poltergeist.

Die Orte der Séancen wurden in der Öffentlichkeit mit Argwohn betrachtet. So wurden in der viktorianisch-puristisch geprägten Gesellschaft jener Tage die Orte der Séancen auch als geheimer Treffpunkt für sexuelle Ausschweifungen beargwöhnt. Nicht immer zu Unrecht, da die Séance-Medien durch die besondere öffentliche Aufmerksamkeit ihrer Tätigkeit es ohnehin gewohnt waren, gesellschaftliche Grenzen und Konventionen zu überschreiten. So wurde Sexualität einfach esoterisch verbrämt und ermöglichte, zumindest in diesen Zirkeln, so erst ein freies Reden (und ggf. Handeln) über das in dieser Zeit Unaussprechliche.

Berühmte Medien

Daniel Dunglas Home, eines der bedeutendsten Psychokinese-Medien des Viktorianischen Zeitalters

Berühmte „Medien“ waren:

Kamlanie, die Séance der sibirischen Schamanen

Tuwinische Schamanin aus Süd-Sibirien während einer Kamlanie-Zeremonie am Feuer (bei Kysyl, russische Teilrepublik Tuwa)

Die Geisterbeschwörung durch spirituelle Spezialisten hat eine Jahrtausende alte Tradition bei vielen Kulturen. Besonders gut untersucht im Rahmen der Schamanismus-Konzepte verschiedener Wissenschaftler ist die Seánce der tungusischen Schamanen aus Sibirien – Kamlanie. Sie hatten oder haben dabei den Eindruck einer „Seelenreise“ ins transzendente, von Geistern bevölkerte Jenseits.

Im Mittelpunkt einer Schamanensitzung befand sich stets ein Gegenstand, der bestimmte „Werte“ repräsentierte – etwa die „Seelen“, die „Kräfte“, die „Fruchtbarkeit“, das „Glück“ usw. –, die er in der Welt der Geister suchen sollte, um Auskunft über sie zu erhalten oder sie zu beeinflussen. Dabei sollte stets ein Gleichgewicht zwischen Menschen und Geistern erreicht werden, das auf irgendeine Weise als gestört galt. Alle Techniken und Rituale bezweckten daher,

  1. die Welt der Geister zu erreichen,
  2. die dort beabsichtigten Aufgaben zu erfüllen,
  3. sicher zurückzukehren und der Gemeinschaft oder dem Klienten das möglichst positive Ergebnis mitzuteilen oder eine Heilung zu vollenden.

Der Ablauf einer Kamlanie gestaltete sich früher – und eingeschränkt zum Teil heute noch – wie folgt:

Neuropsychologisch gesehen handelt es sich bei solchen Seelenreisen um verschiedene Formen erweiterter Bewusstseinszustände, vor allem um Trance und/oder Ekstase. Dabei entsteht gleichzeitig eine sehr tiefe Entspannung wie im Tiefschlaf, höchste Konzentration wie bei wachem Bewusstsein und ein besonders eindrucksvolles bildhaftes Erleben wie im Traum. Der Schamane erlebt diesen außergewöhnlichen mentalen Zustand stets als reales Geschehen, das scheinbar außerhalb seines Geistes stattfindet. Manchmal sieht er sich selbst von außen (Außerkörperliche Erfahrung), ähnlich wie es bei Nahtoderfahrungen berichtet wird. Wie man heute weiß, hat der Mensch in diesem Zustand einen direkten Zugang zum Unbewussten: Die halluzinierten Geistwesen entstehen aus den instinktiven Urbildern der menschlichen Psyche; die Fähigkeit intuitiv – also ohne rationales Nachdenken – Zusammenhänge zu erfassen, ist voll entwickelt und äußert sich häufig in Visionen, die anschließend vor dem eigenen religiösen Hintergrund gedeutet werden.

Literatur

Wiktionary: Séance – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Bruno Illius: Die Vorstellung von „ablösbaren Seelen“. In: Der Begriff der Seele in der Religionswissenschaft. Johann Figl, Hans-Dieter Klein (Hrsg.), Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, ISBN 3-8260-2377-3. S. 87–89.
  2. ↑ Eliade 1951, Ausgabe 2011 (siehe Literatur). S. 213 ff., 217 ff., 220, 228 ff., 235 ff., 243 ff., 276 ff., 288 ff., 31 ff., 323 ff., 326, 329 ff., 331 ff., 345 ff., 350.
  3. ↑ Dorothea Kupferschmidt-Neugeborn: „Heal into time and other people.“ Schamanismus und analytische Psychologie in der poetischen Wirkungsästhetik von Ted Hughes. Auflage, Gunter Narr Verlag, Tübingen 1995, ISBN 3-8233-5027-7. S. 33, Fußnote 78, S. 62–67.