
Das Secondteatret oder auch Sekondteatret (Aussprache: Sekondteatret) war von 1899 bis 1901 ein Theater in der norwegischen Hauptstadt Oslo (damals Christiania). Es wurde von dem Schauspielerehepaar Ludovica Levy und Dore Lavik geführt und befand sich in den Räumlichkeiten des Tivoli Teaters in der Stortingsgata 20b. Neben dänischen und norwegischen Stücken wurden auch Werke deutscher Dramatiker aufgeführt. Viele Inszenierungen waren innovativ und setzten Maßstäbe für die Entwicklung der norwegischen Schauspielkunst. Dem Theater war eine Schauspielschule angeschlossen, die nach modernen pädagogischen Konzepten unterrichtete. Obwohl die Aufführungen von der Kritik positiv aufgenommen wurden, war der Theaterbetrieb nicht rentabel und musste nach zwei Saisonen eingestellt werden.
Die Bühne befand sich im Christiania Tivoli (meist nur Tivoli genannt), einem Vergnügungspark in Vika zwischen Studenterlunden (mit dem Nationaltheatret) und Westbahnhof. Dieser beliebte Ausflugsort nach dem Vorbild des Kopenhagener Tivolis entstand 1877. Ab 1887 wurde im Rahmen einer ausgedehnten Umgestaltung außer einem Tanzsalon und einer Zirkushalle auch das Tivoli Teater (oder auch Tivoli Theater) errichtet.
Das Theater hatte die Adresse Stortingsgata 20b und befand sich etwas hinter dem Haupteingang zum Tivoli (Stortingsgata 20, seit 1935 Standort des Høyres Hus mit der Parteizentrale der Høyre). Bis zu seinem Abriss 1937 beherbergte das Gebäude zahlreiche verschiedene Theaterensembles und war daher im Laufe der Zeit unter verschiedenen Namen bekannt, u. a. als Carl Johan Teatret (1893–1896), Secondteatret (1899–1901), Theatre Moderne (1914–1925) oder Chat Noir (1927–1937).

Die geborene Dänin Ludovica Dysten (1856–1922) trat bereits als Kind im Theater auf, konnte aber in Kopenhagen kein dauerhaftes Engagement erreichen. 1873 heiratete sie Bernhard Levy (1844–1892) und ging mit ihm, zeitweise mit einer eigenen Truppe, auf Tournee durch Dänemark und oft auch nach Norwegen. Verwitwet nahm sie 1895 ein Engagement an Den Nationale Scene in Bergen an, wo sie hauptsächlich als Regisseurin und Schauspiellehrerin eingesetzt wurde, aber als Dänin aus patriotischen Gründen von der Presse angefeindet wurde. „Die Theaterleitung hob jedoch ihre theatralische Kompetenz und Professionalität hervor.“
1896 heiratete sie den ebenfalls in Bergen engagierten Dore Lavik (1863–1908) und 1899 zogen die beiden nach Christiania, um das Secondteatret zu eröffnen. Gemeinsam mit dem Theater scheiterte auch die Ehe; sie wurde jedoch erst 1906 geschieden.
1907 verwirklichte Ludovica Levy ihren Plan einer Nationaltournee, die den Bewohnern auch der abgelegenen Gebiete Norwegens gute Theaterkunst näherbringen sollte – lange bevor 1949 das Riksteatret gegründet wurde. Sie stellte ein Ensemble aus hauptsächlich jungen Schauspielern zusammen, inszenierte selbst und spielte oft auch mit. Das Repertoire war ambitioniert und umfasste (neben dem unvermeidlichen Holberg) zeitgenössische, auch ausländische Dramatik. Ihre Arbeit brachte ihr die ehrenvolle Bezeichnung Teaterdronningen på Norges lange kyst (Theaterkönigin an Norwegens langer Küste) ein.
Zweifelsohne war es Ludovica Levys Absicht, ihr Secondteatret als „Zweites Theater“ nach dem Nationaltheatret zu etablieren. Schließlich verfolgten beide Theater „gehobene Ansprüche“, sie erhielten keine öffentlichen Förderungen, eröffneten im selben Jahr und lagen nur einige Gehminuten von einander entfernt. Die Presse übernahm diese Gegenüberstellung bzw. Rangordnung, indem die Programmankündigungen des Secondteatrets unmittelbar unter jenen des Nationaltheaters abgedruckt wurden.

Die Prinzipale Ludovica Levy und Dore Lavik wurden von Ludovicas Tochter Clary Levy (1874–1908) unterstützt, die als Geschäftsführerin des Theaters fungierte und auch gelegentlich als Schauspielerin auftrat.
Das Theater wurde am 25. August 1899 eröffnet (eine Woche vor dem Nationaltheatret). In Maria Stuart von Friedrich Schiller spielte Agnes Mowinckel die Titelrolle und Ludovica Levy selbst die Königin Elisabeth. Für das Stück war nur zwei Wochen geprobt worden, doch die Aufführung erhielt gute Kritiken. Sigurd Becker schrieb in Verdens Gang: „Was Regie und Inszenierung angeht, gebührt Frau Levy-Lavik großes Lob; man spürt in dem guten Zusammenspiel und in der Darstellung jeder einzelnen Rolle den starken, leitenden Willen. […] Ihre Rolle als Königin Elisabeth ist bis ins kleinste Detail durchdacht und von großer Intelligenz getragen.“ (zitiert nach)
Bis zum Frühjahr 1900 entstanden in rascher Folge weitere Inszenierungen, von denen viele „später als für die Entstehung des norwegischen Theaters von großer Bedeutung beschrieben wurden“. Hauk Aabel erlebte im Erfolgsstück Erotik von Gustav Wied seinen Durchbruch, Agnes Mowinckel den ihren in Kong Midas von Gunnar Heiberg unter der Regie des Autors. In Ludvig Holbergs Det lykkelige skibbrud lieferten Ludovica Levy und Dore Lavik „eine glänzende Regie und Darstellung sowie eine innovative Bühnenlösung. Die Aufführung wurde als heiter, üppig und innovativ beschrieben – eine Abwechslung zu den vielen, mittlerweile langweiligen Holberg-Aufführungen in der Hauptstadt.“

Im Frühjahr 1900 erlitt das Theater mit Axel Maurers Stück Lykkens Pamfilius einen schweren Misserfolg und im folgenden Mai musste es mit einem Schuldenstand von 20.000 Kronen Konkurs anmelden. Freunde des Theaters bemühten sich um die Finanzierung, und im Herbst konnte das Secondteatret im Eigentum einer neu gegründeten Aktiengesellschaft seinen Betrieb wieder aufnehmen. Ab nun war das Repertoire stärker auf Komödien ausgerichtet als zuvor.
Neben dänisch-norwegischen Stücken und englischen Boulevardkomödien wurden auch Werke des deutschen Naturalismus inszeniert, neben Sudermann und Hebbel (Maria Magdalena) auch Der Biberpelz von Gerhart Hauptmann. Letzterer hatte am 29. August 1900 Premiere (zugleich norwegische Erstaufführung), mit Ludovica Levy in der Hauptrolle der Fr. Wolff. Das Stück war von Hulda Garborg übersetzt worden.
Im Winter 1900/1901 hatte das hauptstädtische Publikum die Gelegenheit, Baldevins bryllup, Vilhelm Krags erfolgreichstes Stück, in zwei Theatern zu sehen, im Nationaltheatret unter der Regie von Olaf Mørch Hansson mit Hauk Aabel in der Hauptrolle (Uraufführung am 20. November), im Secondteatret unter der Regie von Krag selbst mit Sophus Dahl als Baldevin (Premiere am 11. Dezember).
Aber auch dieses Erfolgsstück (28 Inszenierungen laut Sceneweb) konnte das Theater nicht retten. Im März 1901 musste das Secondteatret erneut geschlossen werden, diesmal endgültig. Als Abschiedsvorstellung wurde Der Totschläger von Emile Zola gegeben, als Benefiz für das Ehepaar Levy-Lavik. Ludovica Levy spielte die Hauptrolle der Gervaise, und „stellte gefühlvoll und ergreifend die Trauer dieser Frau darüber dar, von allen in einer kalten und rücksichtslosen Welt im Stich gelassen worden zu sein.“ (Vilhelm Tvedt in der Urd, zitiert nach.)

Der Bühne war eine Schauspielschule angegliedert, für Jugendliche, die eine Anstellung am Theater anstrebten. Sie war „nach den besten ausländischen Konzepten aufgebaut“ und stand unter der Leitung von Thora Lundh (1860–1914), einer erfahrenen Pädagogin für Rollenstudium und Stimmbildung. Die durch eine Aufnahmeprüfung ausgewählten Schüler wurden zusätzlich in Gesang, Tanz, Fechten, Gymnastik, beiden norwegischen Sprachen, Französisch, Deutsch, Englisch, Kunst- und Literaturgeschichte ausgebildet. „Die Schauspielschule war ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung des Theaters.“
Unter anderem wurden Agnes Mowinckel, Ingolf Schanche, Stub Wiberg und Hauk Aabel an der Schauspielschule ausgebildet. Von den weiteren Ensemblemitgliedern wären Johan Hauge, Halvor Urdahl und Torborg Schønberg hervorzuheben. Dagegen wurde Jakob von der Lippe, der spätere langjährige Kostümbildner des Nationaltheaters, nur in sehr kleinen Rollen besetzt.
| Premiere | Name | Originalname | Autor bzw. Komponist | Regie | Darsteller |
|---|---|---|---|---|---|
| 25. August 1899 | Maria Stuart | Maria Stuart | Friedrich Schiller | Ludovica Levy | Agnes Mowinckel, Ludovica Levy |
| 22. September 1899 | Erotik | Gustav Wied | Hauk Abel | ||
| 27. Oktober 1899 | Kong Midas | Gunnar Heiberg | Gunnar Heiberg | Agnes Mowinckel, Dore Lavik, Ingolf Schanche | |
| 24. November 1899 | Det lykkelige skibbrud | Ludvig Holberg | Ludovica Levy | Dore Lavik, Clary Levy | |
| 16. Februar 1900 | Hakon Jarl | Adam Oehlenschläger | Johan Hauge, Dore Lavik, Torborg Schønberg | ||
| 7. März 1900 | Teja | Teja | Hermann Sudermann | Dore Lavik, Inga Sparre Dahl | |
| 6. April 1900 | Lykkens Pamphilius | Axel Maurer | Dore Lavik, Axel Maurer | ||
| 19. Mai 1900 | Charleys tante | Charley's Aunt | Brandon Thomas | Ludovica Levy | Hauk Aabel |
| 29. August 1900 | Bæverpelsen | Der Biberpelz | Gerhart Hauptmann | Ludovica Levy | Ludovica Levy, Jens Hetland, Ingolf Schanche |
| 18. September 1900 | Erasmus Montanus | Ludvig Holberg | Ludovica Levy | Stub Wiberg | |
| 5. Oktober 1900 | En Mindefest | Gustav Wied | Vilhelm Krag | Jens Hetland, Bernt Schanche, Stub Wiberg | |
| 18. Oktober 1900 | Maria Magdalena | Maria Magdalena | Friedrich Hebbel | Dore Lavik, Dina Nissen | |
| 25. November 1900 | Smiths Hvedebrødsdage | Why Smith left home | George Broadhurst | Ludovica Levy | Nicolai Halvorsen, Sæbjørn Buttedahl, Anna Marie Nielsen, Halvor Urdahl |
| 11. Dezember 1900 | Baldevins bryllup | Vilhelm Krag | Vilhelm Krag | Sophus Dahl, Dore Lavik, Anna Marie Nielsen | |
| 8. März 1901 | Faldgruben | L'Assommoi | Emile Zola | Dore Lavik, Ludovica Levy |