Selbstreferenzialität

Auf einer Wand steht mit krakeliger Schrift "Gekrakel" geschrieben.
Ob Vandalismus oder Street Art: Dieser Schriftzug an einer Hauswand in Bonn nimmt auf sich selbst Bezug.

Die Selbstreferenzialität (von lateinisch referre „sich auf etwas beziehen“), auch Autoreferenzialität, Selbstreferenz oder Selbstbezüglichkeit ist ein Begriff, der beschreibt, wie ein Symbol, eine Idee oder Aussage (oder ein Modell, Bild oder eine Geschichte) auf sich selbst Bezug nimmt. Abgeleitet wird der Begriff durch die Identität von Symbol und Referent (Bezugsobjekt).

Im engeren Sinn hat der Begriff eine rein logische Bedeutung. Je nach Bereich werden damit unterschiedliche Bezugsobjekte angesprochen.

Logische Paradoxien

Das Konzept der Selbstreferenz ist (u. a. im Zusammenhang mit Cantors Diagonalmethode, Russells Antinomie und Gödels Unvollständigkeitssatz) des Öfteren erkenntnistheoretisch untersucht worden.

Verschiedene logische Aussagen oder Theorien können im Widerspruch zusammengesetzt und damit in sich sinnentstellt werden und logische Paradoxien erzeugen. In Gödel, Escher, Bach wird dies als „Seltsame Schleife“ bezeichnet.

Eine Aussage ohne Selbstwiderspruch ist aber immer in sich stimmig und selbstreferenziell. Jede der klassischen Paradoxien kann durch Alfred Tarskis metasprachliches Schema der Konvention T logisch formal heruntergebrochen werden: Die Aussage „x-Paradox ist der Fall“ ist wahr, wenn x-Paradox der Fall ist. Den Paradoxien fehlt die sprachliche Eigenschaft der Gleichsetzung.

Anwendung

Erkenntnistheorie, Philosophie, Logik

Denken über Denken.

Der Mathematiker George Spencer Brown beschreibt in Gesetze der Form, dass jedes Bezeichnen immer ein Unterscheiden voraussetzt. Somit existiert kein Bezeichnen ohne einer vorausgegangenen Unterscheidungen eines Beobachters, einer Beobachterin. Bei der Selbstbeobachtung wird der Vorgang selbstreferenziell, wenn eine Unterscheidung auf sich selbst angewandt beziehungsweise in den durch sie unterschiedenen Bereich wieder eingeführt wird (Re-Entry).

Sprache, Informatik, Mathematik

Sätze, die sich auf sich selbst beziehen, wie zum Beispiel: „Dieser Satz wurde von einem Computer aus dem Japanischen übersetzt“. (Dieser Satz ist im Japanischen unsinnig.)

Systemtheorie

Die Beobachtung selbstreferenzieller Systeme nimmt in der Systemtheorie eine wichtige Rolle eine. Der Blick dieser kybernetischen Theorie richtet sich dabei auf die inneren Prozesse zum Beispiel lebender Systeme. Die systeminternen Regelkreiselläufe werden dabei von den Organismen so konstruiert, dass diese dem eigenen Systemerhalt zuträglich sind. Das betrifft auch die Art und Weise der strukturellen Koppelung mit ihrer Umwelt, die autopoietisch organisiert ist. Ein anschauliches Beispiel für Selbstreferenzialität bei bestimmten lebenden Organismen ist das nervensystemische Phänomen Schmerz, ein Wahrnehmungssignal, das außerhalb des Nervensystems nicht existiert und der Autopoiese des Organismus dient. Dies wird von Humberto Maturana und Francisco Varela ausführlicher in Der Baum der Erkenntnis beschrieben. Solche selbstreferenziellen Systeme werden als "operational geschlossen" bezeichnet.

Ein besonderes Augenmerk der Systemtheorie liegt auch darin, das eigene Beobachten mit zu Beobachten. In ihrer radikal konstruktivistischen Ausprägung wird durch dieses Beobachten zweiter Ordnung ein ontologischer Zugriff auf die Welt eliminiert. Stattdessen wird betont, dass jedes Beobachten auf operativer Ebene immer Unterscheiden und Bezeichnen voraussetzt, also ein systeminterner Vorgang ist. Es wird also gezeigt, dass Beobachtung kein Zugriff auf die Welt an sich ist, sondern eine Operation eines Beobachters. Das bedeutet in der Konsequenz, dass die vermeintliche Außenreferenz des Beobachtens eine als Außenreferenz markierte Innenreferenz ist. Diese Argumentation wurde maßgeblich von Niklas Luhmann ausgearbeitet, der sich dafür stark auf die Gesetze der Form von George Spencer-Brown wie auch auf Überlegungen von Heinz von Foerster bezog.

Politik und Soziologie

In der politischen Wissenschaft und Verfassungslehre nennt man selbstreferenziell ein politisches System, das die Bedingungen seiner Fortexistenz ständig aus sich selbst reproduziert. Eine offene Gesellschaft ist nicht möglich, wenn Machteliten nur noch ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorchen. In der Soziologie sieht man Selbstreferenzialität als ein Merkmal des Parteienstaates. Der Richter des Bundesverfassungsgerichts Peter M. Huber warnte, „dass das Wahlrecht, die Ausgestaltung der Politikfinanzierung, das Fehlen direkter Demokratie auf Bundesebene sowie die Organisationsstrukturen der politischen Parteien die Selbstreferenzialität des politischen Systems begünstigen und die Sprachlosigkeit zwischen Bürgern und Politik verstärken.“

Selbstreferenzialität ist ein zentraler Ausgangspunkt der kommunikationstheoretischen Soziologie von Niklas Luhmann. Luhmann beobachtet darin mithilfe der Unterscheidung System/Umwelt unterschiedliche Gesellschaftssysteme – wie die Wissenschaft, das Rechtssystem oder die Kunst – als operational geschlossene, evolutiv entstandene und funktional differenzierte Systeme. Diese sind jeweils auf ganz spezifische Weise mit ihrer Umwelt gekoppelt und erzeugen ihre Sicht auf diese Umwelt aus sich selbst heraus. Die Autoreferenzialität der Systeme ist auch an Selbstbeobachtungsvorgängen beobachtbar, wie beispielsweise an Peer-Reviews in der Wissenschaft oder an Presseräten im Mediensystem.

Literatur und Kunst

In Literatur und Kunst hat die Selbstreferenzialität eine lange Tradition. Hier verwendet man den Fachausdruck Mise en abyme.

Siehe auch

Literatur

Commons: Selbstreferenzialität – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ George Spencer-Brown: Laws of Form. George Allen & Unwin, London 1969 (englisch).
  2. ↑ Humberto Maturana, F. Varela: Der Baum der Erkenntnis. Scherz, Bern 1987.
  3. ↑ Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-518-58065-5.
  4. ↑ Erwin K. Scheuch, Ute Scheuch: Cliquen, Klüngel und Karrieren. 1992, ISBN 3-499-12599-4, S. 175.
  5. ↑ Klaus Kunze: Der totale Parteienstaat. 1998, ISBN 3-933334-01-2, S. 24 ff.
  6. ↑ Peter M. Huber: In der Sinnkrise. In: FAZ.net. 1. Oktober 2015, abgerufen am 5. Oktober 2015.
  7. ↑ Niklas Luhmann: Die Kunst der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-58219-4.