Radio Eriwan

Radio Eriwan (auch Sender Jerewan oder Radio Jerewan) ist ein fiktiver Radiosender, der unter dem sozialistisch-kommunistischen Sowjetregime Zuhörerfragen beantwortet. Dies entspricht einer Kategorie politischer, teils unmoralischer Witze, die in den sozialistischen Ländern des 20. Jahrhunderts spielen. In der DDR kursierten diese Witze mit der typischen Einleitung „Anfrage an den Sender Jerewan: …?“, in der Bundesrepublik mit „Frage an Radio Eriwan: …?“ Die Antworten auf die Fragen beginnen zumeist mit „Im Prinzip ja, aber …“

Jerewan (Eriwan) ist der Name der Hauptstadt Armeniens, früher eine Sowjetrepublik der UdSSR. Der den Witzen zugrunde liegende Rundfunksender existierte nie, allerdings gab es in Jerewan damals eine Rundfunkstation, die als „R. Yerevan“ bezeichnet wurde und die ins Ausland sendete.

„[Radio Eriwan war …] eine freie Erfindung des von staatlicher Propaganda unterdrückten Geistes, die kleine Rache der Sowjetbürger für die Entbehrungen des Alltags.“

– Andrea Jeska

Auf Russisch hieß der nicht existente Sender Армянское радио („Armjanskoje radio“ – „Armenischer Rundfunk“).

Aufbau der Witze

Die Sender-Jerewan-Witze spielen vor dem Hintergrund einer fiktiven Sendung, in der Anfragen von interessierten Bürgern vermeintlich kompetent beantwortet werden. Die Antwort ist stets zweiteilig und widersprüchlich formuliert.

Die Widersprüchlichkeit der Antwort war fest in ihrer Grundkonstruktion verankert: Sie begann stets mit „Im Prinzip ja“ oder „Im Prinzip nein“ (im Russischen „в принципе“ – „W prinzipje“), gefolgt von einer konträren Aussage. Beispiel (die Antwort wurde meist mit längeren Pausen vorgetragen):

Stimmt es, dass Iwan Iwanowitsch in der Lotterie ein rotes Auto gewonnen hat?
Im Prinzip ja.
Aber es war nicht Iwan Iwanowitsch, sondern Pjotr Petrowitsch.
Und es war kein rotes Auto, sondern ein blaues Fahrrad.
Und er hat es nicht gewonnen, sondern es ist ihm gestohlen worden.
Alles andere stimmt.

Mit diesem Witz wurde ohne direkten politischen Bezug die Unsinnigkeit der staatlichen Agitation angeprangert. Generell basierten sie auf der gleichen syntaktischen Grundkonstruktion, die Antwort enthielt aber meist eine direkte politische Aussage, die zwar einerseits den Sozialismus in Frage stellte – dies in Anspielung darauf, dass die staatlichen Medien in den sozialistischen Staaten angesichts der nicht zu leugnenden Misere in diesen Ländern unüberwindbare Probleme bei der Agitation eines glaubhaften kommunistischen Weltbildes hatten –, andererseits war eine direkte Argumentation dagegen unmöglich, dies wurde semantisch durch das „Im Prinzip…“ abgefangen.

Verbreitung

Nach Deutschland kamen die Radio-Eriwan-/Sender-Jerewan-Witze nicht zuletzt durch die Zeitschrift Sputnik. Sputnik war ein Hochglanz-Magazin, ungefähr im Format DIN-A5, das ab 1967 von der sowjetischen Presseagentur RIA Novosti europaweit auf Russisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Tschechisch und Ungarisch als Konkurrenzprodukt zu Reader’s Digest vertrieben wurde.

Zielgruppe des Sputnik war neben dem sozialistischen auch das westliche Ausland. Die deutschsprachige Ausgabe kam also sowohl in das damalige Ost- als auch Westdeutschland. Dabei versuchte Novosti zeitweise, im Westen Sympathien durch begrenzt systemkritische Formulierungen zu gewinnen. Paradebeispiel dafür war die in vielen Ausgaben vorhandene Rubrik der Radio-Eriwan-Witze.

Ab 1985 wurde im Zuge der beginnenden Glasnost- und Perestroika-Politik des Generalsekretärs Michail Gorbatschow die generelle Berichterstattung im Sputnik offener und systemkritischer. Infolgedessen wurde die Zeitschrift am 19. November 1988 in der DDR verboten; die Radio-Eriwan-/Sender-Jerewan-Witzreihe wird in der Begründung nicht erwähnt. Die Witze konnten sich dennoch weiterverbreiten.

Beispiele

Literatur

Sonstiges

Einzelnachweise

  1. ↑ World Radio TV Handbook von 1988, S. 144 (“External Broadcasts from the Soviet Republics”).
  2. ↑ heute als „Stimme Armeniens“ (Memento vom 19. Mai 2009 im Internet Archive)
  3. ↑ „Das Leben – eine Wunde“ (Memento vom 27. September 2007 im Internet Archive)
  4. ↑ Alexander Drozdzynski: Der politische Witz im Ostblock. 2. Auflage. Droste Verlag, April 1989, ISBN 978-3-7700-0395-2.
  5. ↑ Mitteilung der Pressestelle des Ministeriums für Post- und Fernmeldewesen der DDR [Sputnik-Verbot], 19. November 1988 (PDF)
  6. ↑ Eintrag auf discogs.com, abgerufen am 9. November 2017.
  7. ↑ Interview mit Marold Langer-Philippsen auf freie-radios.net am 31. Juli 2016
  8. ↑ SWR2 dokublog: Rudi Guricht über Radio Erewan, abgerufen am 31. Juli 2016.
  9. ↑ Elektromagnetischer Sommer 2007 auf lora.ch, abgerufen am 30. Juli 2016.
  10. ↑ Alexander Schnackenburg: Bürger on air. In: Theater der Zeit 06/2014 (S. 90 f.), abgerufen am 31. Mai 2017.