
Sexueller Kannibalismus, auch Sexualkannibalismus genannt, ist eine evolutionär bedingte Fortpflanzungsstrategie im Tierreich, bei der ein Sexualpartner vor, während oder nach der Paarung vom anderen gefressen wird.
Im Normalfall profitiert der Nachwuchs gleich mehrfach von der elterlichen Investition durch den Sexualkannibalismus. Einer oder mehrere der folgenden Vorteile kommen der Folgegeneration zugute: eine höhere Anzahl von Nachkommen, eine höhere Vitalität der Nachkommen, eine bessere Überlebensrate sowie langlebigere und/oder fruchtbarere Nachkommen.
Sexualkannibalismus geht oft mit einem Größenunterschied der beiden Partner im Sinne von Sexualdimorphismus einher und tritt insbesondere bei Gliederfüßern wie Spinnentieren und Insekten (z. B. diverse Käfer und Schmetterlinge) auf.
Der Begriff wird mittlerweile auch für die sexuell motivierte Anthropophagie unter Menschen verwendet.
Bei der Großen Chinesen-Mantis wird das Männchen mit einer Wahrscheinlichkeit von 13 bis 28 Prozent während oder nach der Paarung vom Weibchen gefressen. Die zusätzlichen Ressourcen ermöglichen es dem Weibchen, später mehr Eier zu legen. Immerhin macht das Gewicht der Oothek 30 bis 50 Prozent der Biomasse des Weibchens aus, entspricht also einer gewaltigen elterlichen Investition. Es konnte nachgewiesen werden, dass der Nachwuchs indirekt profitiert, wenn das Männchen bei oder nach der Paarung dem Sexualkannibalismus zum Opfer fiel. Zwischen Paarungsakt und Eiablage vergeht eine Woche, und Weibchen, die durch das Verspeisen des Partners besonders gut ernährt sind, können dann mehr und größere Eier legen. Die verspeisten Väter konnten darüber hinaus einen größeren Anteil ihrer eigenen Proteine an die Nachkommen weitergeben.
Auch die weibliche Rotrückenspinne verspeist ihren Partner während oder nach der Paarung. Der Nachwuchs von Weibchen, die sexuellen Kannibalismus praktiziert haben, wächst schneller und hat eine höhere Überlebenschance als die Jungtiere der übrigen Artgenossen.
Weitere Beispiele für Spezies, die Sexualkannibalismus praktizieren, sind:
Männchen, die potenziell Opfer von Sexuellem Kannibalismus werden, haben unterschiedliche Strategien entwickelt, diesem Schicksal zu entgehen und eine Paarung zu überleben. Diese Strategien reichen von defensiven Vorsichtsmaßnahmen (z. B. dem Übergeben eines „Brautgeschenks“) bis hin zu aggressivem Angriffsverhalten. So geht der Paarung von afrikanischen Gottesanbeterinnen Miomantis caffra häufig ein Kampf voraus, bei dem entweder das Weibchen oder das Männchen die Oberhand gewinnt. Ein Team von der University of Auckland konnte in einer Studie beobachten, dass die Männchen immer die Initiative ergriffen und die Angreifer waren. Blieb das Weibchen Sieger, fraß es in allen beobachteten Fällen das Männchen (ohne Paarung), blieb das Männchen Sieger, kam es häufig zur Paarung. Die Paarung wiederum endete in der Hälfte der Fälle mit Kannibalismus, in der anderen Hälfte überlebten die Männchen. Bei diesen Kämpfen wurden die Weibchen mitunter ernsthaft verletzt. Es gibt aber auch Arten, bei denen sich das Männchen ohne Gegenwehr geradezu zu opfern scheint und sich dem Weibchen als Fressen anbietet. Das trifft beispielsweise auf Männchen der Braunen Witwe (Latrodectus geometricus) zu und in ähnlicher Weise auch auf Dolomedes tenebrosus, eine der Gattung der Uferjäger zugehörende Raubspinne. Aus evolutionstheoretischer Sicht wird argumentiert, dass auch ein solches, sich selbst opferndes Verhalten dem Überdauern des männlichen Erbguts dienen kann, beispielsweise indem es den Paarungserfolg erhöht (insbesondere wenn vielen Männchen wenige Weibchen gegenüberstehen). Darüber hinaus profitieren Anzahl und Fitness der Nachkommen auch von dieser Extremform des parentalen Investments.

Im Normalfall erfolgt sexueller Kannibalismus während oder nach der Paarung und ist mit Vorteilen für den Nachwuchs verbunden. Es wurde aber auch eine Form des „betrügerischen“ sexuellen Kannibalismus beobachtet, bei dem einem Sexualpartner Paarungsbereitschaft signalisiert wird, der angelockte Partner aber gefressen wird, ohne dass es zur Paarung kommt. Hier dient der sexuelle Kannibalismus offenbar nicht der Fortpflanzung, sondern nur dem Selbsterhalt.
Bei den bisher genannten Formen des sexuellen Kannibalismus ist es das Männchen, das vom Weibchen gefressen wird. Es gibt aber auch den Fall des „umgekehrten“ Sexualkannibalismus (engl. reversed sexual cannibalism), bei dem das Weibchen vom Männchen gefressen wird. So konnte bei der zur Gattung der Schillerspinnen (Micaria) gehörenden Art Micaria sociabilis nachgewiesen werden, dass insbesondere ältere Weibchen auch vom Männchen verspeist werden, bevor es überhaupt zu einer Paarung kommt. Ob es zu einer Paarung oder zum umgekehrten Kannibalismus kommt, hängt unter anderem von Größe und Alter der Partner sowie vom Paarungsstatus ab.
Findet der Kannibalismus nicht in Zusammenhang mit einer Paarungshandlung oder einem Paarungsversuch statt, so spricht man von nicht-sexuellem Kannibalismus.