

Shangdi (chinesisch 上帝, Pinyin Shàngdì, W.-G. Shang4 Ti4), auch einfach Di (chinesisch 帝, Pinyin Dì) genannt, ist die Bezeichnung für die höchste chinesische Gottheit beziehungsweise den „Herrn in der Höhe“ in der Philosophie der klassischen chinesischen Texte. Das Konzept geht insbesondere auf die Shang-Dynastie zurück und findet eine Entsprechung im späteren Tian („Himmel“ beziehungsweise „großes Ganzes“) der Zhou-Dynastie.
Obwohl heute in der chinesischen Religion überwiegend der Begriff Tian zur Bezeichnung der absoluten Gottheit des Universums verwendet wird, findet Shangdi weiterhin in verschiedenen Traditionen Verwendung. Dazu gehören bestimmte chinesische philosophische Schulen, Strömungen des chinesischen Buddhismus, des Daoismus und Konfuzianismus, einige chinesische religiöse Bewegungen, insbesondere Yiguandao, sowie das chinesische protestantische Christentum. Darüber hinaus wird der Begriff von chinesischsprachigen Menschen auf dem chinesischen Festland und in Übersee sowie von religiösen und säkularen Gruppen in Ostasien als Bezeichnung einer einzigen universalen Gottheit und auch als Übersetzung des Begriffs von Gott aus den abrahamitischen Religionen verwendet.
Shangdi ist die Pinyin-Umschrift zweier chinesischer Schriftzeichen. Das erste, 上 Shàng, bedeutet „hoch“, „höchste“, „erste“ oder „ursprüngliche“. Das zweite, 帝 Dì, wird im modernen Chinesisch häufig mit dem in Huangdi (皇帝) vorkommenden Di in Verbindung gebracht, dem Titel der Kaiser von China, der erstmals vor etwa 2200 Jahren von Qin Shihuangdi verwendet wurde und gewöhnlich als „Kaiser“ übersetzt wird. Der Begriff steht außerdem in Verbindung mit den Urkaisern Chinas, zu denen auch der Gelbe Kaiser (chinesisch 黃帝, Pinyin Huángdì) gehört, der in der chinesischen Mythologie als Begründer der chinesischen Zivilisation und Ahnherr der Chinesen gilt. Das Schriftzeichen 帝 bezeichnete jedoch bereits bei den Shang eine höchste Gottheit und besaß somit ursprünglich die Bedeutung „Gottheit“ beziehungsweise „manifestierter Gott“.
Shangdi kann daher als „höchste Gottheit“ übersetzt werden und besitzt im klassischen Chinesisch zugleich die Konnotation einer „ursprünglichen“ oder „ersten Gottheit“. Die Bezeichnung der Gottheit ging dem kaiserlichen Titel voraus; die chinesischen Kaiser wurden in ihrer Funktion als Tianzi, „Söhne des Himmels“, nach diesem religiösen Konzept benannt. In den klassischen Texten wird die höchste Vorstellung des Himmels häufig mit Shangdi identifiziert, dem zum Teil anthropomorphe Eigenschaften zugeschrieben werden. Außerdem wurde er mit dem Polarstern beziehungsweise dem Himmelspol in Verbindung gebracht. Die Vorstellungen vom höchsten Herrscher Shangdi und vom erhabenen Himmel (皇天, Huángtiān) verschmolzen später zunehmend miteinander.
Die Aussprache von Di während der Shang-Zeit wird als *têks rekonstruiert. Während der Shang-Dynastie entstanden 23 Varianten des Schriftzeichens für Di, die auf einem gemeinsamen Grundmuster beruhten. Der Begriff erscheint in zahlreichen Inschriften, unter anderem in Verbindung mit Naturgeistern und bei der Anrufung von Ahnengottheiten. Es existierte außerdem eine als „Di-Opfer“ bezeichnete Form des Opfers, mit der Repräsentanten von Di verehrt wurden.
Es gibt Hinweise darauf, dass sich „tian“ ursprünglich auf den Himmel bezog, während „Shangdi“ den dort wohnenden obersten Ahnherren bezeichnete. Die erste Erwähnung von „tian“ scheint zu Beginn der Zhou-Dynastie (1046–256 v. Chr.) erfolgt zu sein, und es wird angenommen, dass „tian“ Shangdi, den obersten Gott der vorangegangenen Shang-Dynastie (ca. Mitte des 16. Jahrhunderts – Mitte des 11. Jahrhunderts v. Chr.), in sich aufnahm.

Die frühesten bekannten Hinweise auf Shangdi finden sich auf Orakelknochen aus der Shang-Dynastie im 2. Jahrtausend v. Chr. Das später entstandene Buch der Urkunden behauptet allerdings, bereits Kaiser Shun habe der Gottheit jährlich Opfer dargebracht, noch vor der Xia-Dynastie.
Shangdi galt der herrschenden Elite der Shang als höchste spirituelle Macht. Man schrieb ihm die Kontrolle über Siege im Krieg, Erfolg oder Misserfolg der Ernten, Wettererscheinungen wie Überschwemmungen des Gelben Flusses sowie über das Schicksal der Hauptstadt und des gesamten Reiches zu. Shangdi scheint an der Spitze einer Hierarchie von Gottheiten gestanden zu haben, die verschiedene Naturerscheinungen kontrollierten; auch die Geister Verstorbener waren ihm untergeordnet. Vergleichbare Vorstellungen finden sich später in der daoistischen Vorstellung des Jadekaisers und seiner himmlischen Bürokratie. Shangdi wurde in späteren Jahrhunderten teilweise mit dem Jadekaiser synkretisiert.
Shangdi wurde wahrscheinlich eher als transzendente denn als immanente Gottheit verstanden, die durch untergeordnete Götter wirkte. Für gewöhnliche Menschen galt Shangdi als zu entfernt und hochstehend, um direkt verehrt zu werden. Die Shang-Könige erklärten dagegen, Shangdi sei über die Seelen ihrer königlichen Vorfahren zugänglich. Dies galt sowohl für legendäre Ahnen als auch für verstorbene Shang-Könige, die sich Shangdi nach ihrem Tod angeschlossen hätten. Die Könige konnten Shangdi daher nach dieser Vorstellung unmittelbar um Unterstützung bitten. Zahlreiche Orakelknocheninschriften enthalten derartige Bitten, insbesondere um Regen, aber auch um Shangdis Zustimmung zu staatlichen Entscheidungen.
Shangdi wurde während dieser Zeit teilweise menschenähnlich beziehungsweise anthropomorph verstanden und von einigen Gläubigen als „größter Ahne“ angesehen.
Während der späten Shang- und der Zhou-Dynastie wurde Shangdi zunehmend mit dem Himmel (天, Tiān) gleichgesetzt. Der Herzog von Zhou rechtfertigte die Machtübernahme seiner Dynastie mit dem Konzept des Mandats des Himmels. Danach hing der Schutz Shangdis nicht von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Herrscherdynastie ab, sondern von gerechter Herrschaft. Shangdi wurde damit nicht mehr ausschließlich als Stammesgottheit verstanden, sondern zunehmend als moralische Kraft, die ihre Macht nach bestimmten ethischen Maßstäben ausübte. Seine Gunst konnte einer Dynastie entzogen und auf eine andere übertragen werden, sofern diese die erforderlichen Rituale und moralischen Verpflichtungen erfüllte.
Die moderne Forschung hat sich insbesondere mit der Übernahme religiöser Praktiken der Shang durch die Zhou beschäftigt und mit der fortgesetzten Verehrung Shangdis in veränderter Form. Die Regentschaft des Herzogs von Zhou war nach dieser Interpretation unter anderem darauf ausgerichtet, die Herrschaft der neuen Dynastie zu stabilisieren. Der Zhou-Hof übernahm hierbei Praktiken der Shang, bei denen lokale Kulte und Stammesgottheiten in die offizielle Religion integriert worden waren. Nach Ruth H. Chang bot die Fortführung der Shang-Religion zugleich die Möglichkeit, die religiösen Praktiken der eroberten Shang-Bevölkerung mit jenen der Zhou zu verbinden. Die Zhou bemühten sich demnach darum, den Eindruck zu vermitteln, dass auch der Begriff Di zu ihrer eigenen religiösen Tradition gehörte. Chang interpretiert dies als Versuch, Shang und Zhou auch religiös innerhalb eines gemeinsamen politischen Systems zu vereinen.
Ein weiterer Grund für die Verbindung von Di mit Tian lag möglicherweise in der Vorstellung göttlich legitimierter Herrschaft. Orakelknocheninschriften deuten darauf hin, dass die Shang glaubten, der König erhalte Shangdis Segen. Einige Forscher interpretierten dies als Vorstellung einer von der Gottheit verliehenen Herrschaftsautorität. Eine ähnliche Funktion besaß das Zhou-Konzept des Himmelsmandats. Die Übernahme dieses Konzepts konnte daher für die Shang-Bevölkerung an bereits bekannte religiöse Vorstellungen anknüpfen.
Da zahlreiche Rituale eng mit dem Herrscherhaus der Shang verbunden waren, behielten Shang-Adlige auch nach dem Dynastiewechsel lokale Herrschaftspositionen und dienten als Berater und Priester am Hof. Der Herzog von Zhou ließ in Luoyang eine nach strengen kosmologischen Prinzipien angelegte Zeremonialstadt für die Shang-Aristokratie und die Neun Dreifußkessel errichten, welche die Herrschaft über die chinesische Welt symbolisierten. Die Shang wurden mit der Bewahrung der Riten der Zhou betraut. Aus den niederen Adelshäusern der Shang beziehungsweise der Klasse der shi entwickelte sich später die konfuzianisch gebildete Beamten- und Gelehrtenschicht, die die Zhou-Herrscher in Fragen von Hofetikette und Ritual beriet.
Die Fünf Klassiker des Konfuzianismus bewahrten und ordneten zahlreiche ältere Traditionen, einschließlich der Verehrung Shangdis. Alle fünf Werke enthalten entsprechende Erwähnungen:
| Chinesischer Name | Pinyin | Deutscher Name | Erwähnungen |
|---|---|---|---|
| 書經 | Shujing | Buch der Urkunden | 32 |
| 詩經 | Shijing | Buch der Lieder | 24 |
| 禮記 | Liji | Buch der Riten | 20 |
| 春秋 | Chunqiu | Frühlings- und Herbstannalen | 8 |
| 易經 | Yijing | Buch der Wandlungen | 2 |
Auch die Vier Bücher erwähnen Shangdi, allerdings wesentlich seltener und abstrakter. Da Shangdi in den älteren Texten häufiger erscheint, könnte dies eine zunehmende Rationalisierung des Begriffs widerspiegeln: von einer bekannten und teilweise willkürlich handelnden Stammesgottheit hin zu einer abstrakteren philosophischen Vorstellung oder zu einer Verschmelzung mit anderen Gottheiten.
Bereits während der Westlichen Zhou waren Di und Tian weitgehend synonym geworden und wurden in verschiedenen Bronzeinschriften austauschbar verwendet. Ein Beispiel findet sich in Bronzeinschriften aus der Regierungszeit von König Li von Zhou im 9. Jahrhundert v. Chr.
Zur Zeit der Han-Dynastie erklärte der einflussreiche konfuzianische Gelehrte Zheng Xuan: „Shangdi ist ein anderer Name für den Himmel.“ Dong Zhongshu schrieb: „Der Himmel ist die höchste Autorität, der König der Götter, den der König verehren sollte.“
Die Bedeutung von Di hatte sich zu dieser Zeit erheblich erweitert. In manchen Zusammenhängen bezeichnete das Wort weiterhin eine hohe Gottheit mit besonderer Autorität über himmlische Erscheinungen, in anderen wurde es mit weiteren Begriffen verbunden und verlieh diesen eine göttliche Bedeutung. Di findet sich beispielsweise in den Namen des Gelben Kaisers (Huangdi), des Flammenkaisers (Yandi) und zahlreicher weiterer Gestalten.
In späteren Epochen wurde Shangdi häufig als „Himmlischer Herrschender Höchster Gott“ (皇天上帝, Huángtiān Shàngdì) bezeichnet. In dieser Verwendung wurde er insbesondere mit dem daoistischen Jadekaiser gleichgesetzt.

In den Quellen der Shang erscheint Di bereits als höchste Macht über natürliche Vorgänge wie Wind, Blitz und Donner sowie über menschliche und politische Angelegenheiten. Die Naturgottheiten wurden als seine Boten oder Manifestationen verstanden. Quellen aus der Shang-Zeit belegen außerdem seine Funktion als einer der fünf Hauptgötter bzw. seine fünf Manifestationen (Wǔfāng Shàngdì). Diese werden mit den fünf Farben, den fünf Phasen der fortwährenden Schöpfung (五行; Wuxing), mit den fünf klassischen Planeten des Sonnensystems und den fünf Sternbildern, die um den Himmelspol kreisen, mit den fünf heiligen Bergen und den fünf Himmelsrichtungen (in ihrer irdischen Form) sowie mit den fünf Drachengöttern (龙神; Lóngshén) in Verbindung gebracht.
Di beziehungsweise Tian erhielt nach späteren Texten keinen unmittelbaren Kult, da er als zu weit entfernt galt, als dass lebende Menschen ihm direkt Opfer bringen konnten. Stattdessen wurde ein Mittler, insbesondere ein Ahne, benötigt, um die Opfergaben der Lebenden an Di weiterzugeben.
Nach Auffassung einiger bedeutender Forscher, darunter Guo Moruo, war Shangdi ursprünglich mit Ku, Kui beziehungsweise Diku („göttlicher Ku“) identisch, dem Stammvater der Zi-Linie (子), aus der die Gründer der Shang-Dynastie hervorgingen. Diese Überlieferung findet sich im Shiji und anderen Texten. Wenn diese Interpretation zutrifft, hatte die Gleichsetzung erhebliche politische Bedeutung, da die irdischen Shang-Könige aufgrund ihrer Abstammung selbst als Teil der göttlichen Ordnung verstanden werden konnten.

Andere Belege aus Shang-Quellen sprechen allerdings gegen eine vollständige Gleichsetzung von Di und Kui. So beherrscht Di die Naturgeister, Kui hingegen nicht. Di wird häufig als eine Macht dargestellt, die „Genehmigungen“ oder Zustimmung erteilt, während dies bei Kui nicht der Fall ist. Außerdem erhielt Kui einen unmittelbaren Kult, Di dagegen nicht. Kui wird zudem häufig in einer gleichgeordneten Beziehung mit anderen Mächten angerufen, was gegen seine Stellung an der Spitze des Pantheons spricht.
Eine weitere Interpretation der Orakelknochen setzt Di mit Shang Jia gleich, dem höchsten der „Sechs Geister“, bei denen es sich um männliche Vorfahren der vordynastischen Shang handelte. Das Schriftzeichen für Shang Jia besteht aus einem Quadrat, das ein Kreuz umschließt. Da das Kreuz als Zeichen für Jia interpretiert wird, gilt das Quadrat als Darstellung von Shang und damit als jenes Ahnensymbol, das nach dieser Theorie auch den zentralen Bestandteil des Schriftzeichens für Di bildete.
David Pankenier untersuchte die astronomischen Verbindungen Shangdis. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die Beobachtung des Himmels eine zentrale Rolle in den religiösen Praktiken der Shang sowie bereits der Xia-Dynastie und der Erlitou-Kultur spielte. Palast- und Zeremonialanlagen dieser Kulturen waren auffällig genau auf den Himmelspol und die Bewegung der jeweiligen Polarsterne ausgerichtet. Pankenier weist darauf hin, dass der eigentliche Himmelspol in einem Gebiet des Himmels liegt, das keine auffälligen Sterne aufweist, während die verschiedenen historischen Polarsterne lediglich besonders nahe an diesem leeren Zentrum lagen.
Nach Pankenier lässt sich das Shang-Orakelschriftzeichen für Di auf eine Karte des antiken nördlichen Sternenhimmels projizieren: Die äußeren Punkte des Zeichens entsprechen sichtbaren Sternen, während der Schnittpunkt der Linienachsen im Zentrum auf den leeren Himmelspol weist. Er argumentiert daher, dass der höchste Di mit dem Himmelspol identifiziert wurde. Diese Vorstellung sei auch aus späteren Phasen der chinesischen Religion bekannt und stehe mit Tàiyī (太一, „das Große Eine“) in Verbindung, das spätestens seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. belegt ist.
Die Deutungen Shangdis als Himmelspol beziehungsweise Taiyi und als Ku, den Ahnherrn der Shang, schließen einander nicht notwendigerweise aus. Feng Shi vertritt die Auffassung, dass Ku und Di tatsächlich identisch waren. Die Shang könnten ihren eigenen Ahnherrn bewusst mit einer in verschiedenen Regionen und lokalen Kulturen anerkannten universellen Gottheit gleichgesetzt haben, um ihre politische Herrschaft zu legitimieren.
Inschriften aus der Shang-Dynastie weisen nach einigen Interpretationen auf einen kollektiven Charakter Shangdis hin. Dass der Ausdruck Di auch für Ahnen der Shang verwendet wurde, deutet auf eine enge Verbindung zwischen Di und den Ahnengeistern hin. Das Shang-Schriftzeichen für Di enthält ein quadratisches Muster, das als Symbol des nördlichen Ekliptikpols interpretiert wurde. Ein entsprechendes Quadrat findet sich auch in zahlreichen Namen von Shang-Ahnen sowie als Symbol für Tempel und Altäre bedeutender vordynastischer Vorfahren.

J. C. Didier vertritt die Auffassung, dass das zentrale Quadrat des Di-Zeichens sämtliche Ahnengeister der Hauptlinie der Shang symbolisierte. Diese Geister hätten demnach den Kern der kosmischen Göttlichkeit Dis gebildet und seinen Willen zur Segnung der menschlichen Welt vermittelt. Di umfasste nach dieser Interpretation zugleich nicht-ancestrale Gottheiten, die Menschen auch schaden konnten und möglicherweise durch die Übernahme fremder Kulte in das religiöse System der Shang aufgenommen worden waren. Sie repräsentierten Dis Macht über katastrophale Ereignisse und standen damit den als wohlwollend verstandenen Shang-Ahnen gegenüber. Solche Geister wurden teilweise direkt als Repräsentanten der höchsten Gottheit verehrt.
Verschiedene Inschriften auf Knochen und Bronze wurden darüber hinaus dahingehend interpretiert, dass zwischen Di und Shangdi unterschieden wurde. Nach dieser Auffassung bezeichnete Shangdi nur einen Teil des umfassenderen Di. Didier stellte fest, dass Varianten des Schriftzeichens Di mit zwei horizontalen Linien über dem Grundzeichen Shangdi bezeichnet haben könnten, während Varianten mit drei Linien auf das umfassendere Shangxiadi (上下帝) verwiesen. Nach dieser Interpretation wurde die Gottheit in höhere (shang) und niedrigere (xia) Bereiche gegliedert. Die in die Religion übernommenen und möglicherweise ungünstig wirkenden Geister könnten dem niedrigeren Bereich, Xiadi (下帝), zugeordnet worden sein, während die wohlwollenden Ahnengeister den als Shangdi bezeichneten höheren Bereich bildeten.
Zeitgenössische konfuzianische Theologen haben Unterschiede zwischen dem konfuzianischen Konzept Shangdis und dem christlichen Gottesverständnis betont. Shangdi wird dabei zugleich als transzendent und immanent sowie lediglich als Lenker der Welt verstanden. Demgegenüber beschrieben einige konfuzianische Autoren den christlichen Gott als vollständig jenseitig und als allmächtigen Schöpfer der Welt.

Traditionelle chinesische Geschichtswerke behaupten, dass chinesische Herrscher Shangdi bereits vor der Xia-Dynastie Opfer darbrachten. Archäologische Funde zeigen, dass während der Shang-Zeit die Schulterblätter geopferter Rinder verwendet wurden, um durch Feuer und Rauch Fragen an die göttliche Sphäre zu richten. Dieses Verfahren wird als Skapulomantie bezeichnet. Durch Hitze entstanden Risse im Knochen, deren Formen von königlichen Wahrsagern als Antworten Shangdis auf die Fragen des Königs interpretiert wurden. Für Wahrsagung verwendete beschriftete Knochen wurden anschließend in eigens dafür angelegten Gruben niedergelegt, während Übungsstücke oder Aufzeichnungen häufig in gewöhnlichen Abfallgruben entsorgt wurden.
Während der Shang-Zeit erhielt Di offenbar keinen unmittelbaren Kult. Stattdessen manifestierte er sich nach damaliger Vorstellung durch ihm zugeordnete beziehungsweise vermittelnde Geister, denen Opfer gebracht wurden. Die Shang identifizierten solche Geister teilweise mit Di selbst und vollzogen sogenannte „Di-Opfer“, was die enge Verbindung zwischen den Opferempfängern und der höchsten Gottheit verdeutlicht.
Unter der Bezeichnung Shangdi beziehungsweise späteren Namen erhielt die Gottheit in den chinesischen Dynastien jährlich Opfer durch den Herrscher. Diese fanden in einem großen Himmelstempel in der jeweiligen kaiserlichen Hauptstadt statt. Nach den Prinzipien des chinesischen Feng Shui befand sich dieser traditionell im südlichen Teil der Stadt.
Während des Rituals wurde ein vollkommen gesundes Rind geschlachtet und Shangdi geopfert. Nach dem Buch der Riten sollte das Opfer am „längsten Tag“, also zur Sommersonnenwende, auf einem runden, aufgeschütteten Altar stattfinden. Der Altar besaß drei Ebenen: Die oberste war Shangdi und dem Sohn des Himmels vorbehalten, die zweite Sonne und Mond, die unterste Naturgottheiten wie Sternen, Wolken, Regen, Wind und Donner.
Shangdi wurde weder durch Bilder noch durch Statuen dargestellt. Im zentralen Gebäudekomplex des Himmelstempels, dem sogenannten Kaiserlichen Himmelsgewölbe, befand sich stattdessen auf einem Thron eine mit dem Namen der Gottheit beschriftete „Geistertafel“ (神位, shénwèi) mit der Bezeichnung Huangtian Shangdi (皇天上帝). Während der jährlichen Opferzeremonie brachte der Kaiser diese Tafeln in den nördlichen Teil des Himmelstempels zur Halle des Erntegebets und stellte sie dort auf den vorgesehenen Thron.
Während der Ming- und Qing-Dynastie, als der römische Katholizismus durch den Jesuiten Matteo Ricci in China verbreitet wurde, begann der Begriff Shangdi auch auf das christliche Gottesverständnis angewandt zu werden.
Ricci verwendete zunächst den Begriff Tianzhu (chinesisch 天主, Pinyin Tiānzhǔ, „Herr des Himmels“), ging später jedoch zunehmend zur Übersetzung Shangdi über. Seine Verwendung des Begriffs wurde von konfuzianischer Seite kritisiert, da einige Gelehrte die Konzepte von Tian und Shangdi als grundsätzlich verschieden vom christlichen Gottesbegriff ansahen. Zhōng Shǐ-shēng argumentierte beispielsweise, Shangdi regiere die Welt lediglich, während der christliche Gott ihr Schöpfer sei.
Riccis Übersetzung stieß außerdem bei den Dominikanern und an der Römischen Kurie auf Ablehnung. Am 19. März 1715 erließ Papst Clemens XI. das Dekret Ex illa die, nach dem Katholiken für den christlichen Gott den Begriff Tianzhu anstelle von Shangdi verwenden sollten. Auch wurde die Ablehnung gegenüber der Ahnenverehrung, eine Grundlage chinesischer Religion, bekräftigt, wodurch die Mission in China in den folgenden Jahrhunderten erschwert wurde.
Als der Protestantismus Mitte des 19. Jahrhunderts in China an Bedeutung gewann, standen protestantische Missionare vor einem ähnlichen Übersetzungsproblem. Einige bevorzugten Shangdi, andere Shen (神, „Gott“ beziehungsweise „Geist“). Auf einer 1877 in Shanghai abgehaltenen Konferenz über die Übersetzungsfrage wurde ebenfalls die Auffassung vertreten, der Shangdi des Konfuzianismus und der christliche Gottesbegriff seien ihrem Wesen nach verschieden.
Im 20. Jahrhundert bevorzugten jedoch die meisten britischen Missionare sowie einige Katholiken, orthodoxe Christen und Evangelikale den Begriff Shangdi, da sie darin eine Verbindung zu einer ursprünglichen chinesischen Form des Monotheismus sahen. Einige christliche Autoren verglichen Shangdi dabei mit dem im Neuen Testament erwähnten „unbekannten Gott“.
Die katholische Kirche vermied diese Verwendung überwiegend. Zu den Gründen gehörten Kompromisse mit lokalen Behörden bei der Missionsarbeit sowie die Sorge, eine solche Übersetzung könne den christlichen Gott zu stark mit dem chinesischen Polytheismus verbinden.
Heute werden Shangdi und Tian in säkularen chinesischsprachigen Medien häufig als Übersetzungen einer einzigen universellen Gottheit verwendet, ohne dass damit zwangsläufig eine spezifisch christliche Vorstellung verbunden ist. Gleichzeitig bemühen sich konfuzianische Gelehrte und Intellektuelle auf dem chinesischen Festland und in Taiwan darum, den Begriff wieder stärker an seine ursprüngliche chinesische Bedeutung anzubinden. Katholiken verwenden offiziell überwiegend Tianzhu, während evangelische Christen meist Shangdi und/oder Shen (神, „Gott“ beziehungsweise „Geist“) gebrauchen.