Shinjitai (jap. 新字体 ‚neue Zeichenform‘) ist die neue Form der in Japan verwendeten Kanji, die 1946 bei der Schriftreform eingeführt wurde. Die ursprünglichen bis dahin verwendete Zeichen werden Kyūjitai („alte Zeichen“, 旧字体 bzw. 舊字體) genannt und sind identisch mit den traditionellen Langzeichen im historischen Ursprungsland China (ab 1956 1. Phase der Schriftzeichenreform).
Bei dieser Reform des japanischen Bildungsministeriums wurden 1950 „Alltags-Kanji“ (Tōyō-Kanji) aufgelistet, deren Aufbau und Striche teilweise vereinfacht wurden. Alle so reformierte neue Kanji, die von offizieller Stelle bestätigt wurden, wurden schließlich 1981 in die Liste des „Kanji zum Allgemeingebrauch“ (Jōyō-Kanji) aufgenommen. 2010 fand die letzte Überarbeitung dieser Liste statt.
Auch in der Volksrepublik China wurden ab den späten 1950ern die Schriftzeichen nach und nach in verschiedenen Reformschritten vereinfacht (Kurzzeichen), jedoch oft mit anderen Formen und in weit größerem Umfang.
| Ursprüngliches Zeichen | Neues Zeichen | On | Kun | Bedeutung | Chinesisches Kurzzeichen |
|---|---|---|---|---|---|
| 鐵 | → 鉄 | TETSU | kurogane | Eisen | 铁 |
| 與 | → 与 | YO | ata.eru | geben | 与 |
| 學 | → 学 | GAKU, | mana.bu | lernen | 学 |
| 體 | → 体 | TAI | karada | Körper | 体 |
| 澤 | → 沢 | TAKU | sawa | Sumpf, Bach | 泽 |
| 臺 | → 台 | TAI | utena | Ständer, Tai(-wan) | 台 |
| 國 | → 国 | KOKU | kuni | Land | 国 |
| 關 | → 関 | KAN, | seki | Barriere | 关 |
| 寫 | → 写 | SHA | utsu.su | fotografiert werden; fotografieren / abschreiben | 写 |
| 廣 | → 広 | KŌ | hiro.i | weit, breit | 广 |
| 圓 | → 円 | EN | maru.i | Kreis, Yen rund | 圆 |
In Japan wurden vor der Schriftreform mehrere Varianten parallel benutzt. Die Handschrift unterschied sich dabei in einigen Varianten von der Druckschrift. Im Zuge der Schriftreform wurden meistens die Schreibschrift-Varianten zur Druckform erhoben.
| Druckschrift | Handschrift | Anmerkungen |
|---|---|---|
| 黃 | 黄 | |
| 德 | 徳 | |
| 竝 | 並 | |
| 黑 | 黒 | |
| 戶 | 戸 bzw. 户 | Auch als Radikal |
| 硏 | 研 | |
| 示 | 礻 | Auch als Radikal |
Nicht in allen Schriftarten werden die Unterschiede zwischen den Zeichen dargestellt.
Heutzutage sind die alten Kanji fast komplett außer Gebrauch geraten. Es werden so gut wie keine Bücher mehr in alten Kanji gedruckt. Im Gegensatz dazu werden die alten Zeichen noch begrenzt zur Hervorhebung benutzt. So lassen sich in Japan noch an einigen Geschäften alte Varianten wie 龜 kame (heute 亀), 晝 hiru (heute 昼) usw. finden. In Namen, wie z. B. Personennamen, geographischen Orten oder Firmennamen werden auch die alten Zeichen noch gebraucht. Beispiele:
Einige Zeichen sind auch heute noch im normalen Gebrauch anzutreffen. So wurde z. B. das Zeichen für „Drache“ – 龍 ryō – zu 竜 vereinfacht, trotzdem wird 龍 immer noch sehr oft benutzt. Auch andere Zeichen, wie 國 koku, deutsch ‚Staat, Land‘ sind noch weit verbreitet. Andere Kyūjitai dagegen sind so gut wie ausgestorben.
Die alten Kanji haben grundsätzlich eigene Codepunkte in Unicode. So hat beispielsweise das alte Zeichen von 国 koku, deutsch ‚Staat, Land‘ (U+56FD), 國, einen eigenen Codepunkt unter U+570B. Diese gleichen Codepunkte werden auch im traditionellen Chinesisch gebraucht. Allerdings sind verschiedene kleinere Unterschiede, wie beispielsweise die Radikale 示 shime / 礻 oder 食 shoku im Zuge der Han-Vereinheitlichung nicht separat kodiert worden. Das hatte zur Folge, dass lange Zeit keine Möglichkeit bestand, alte Varianten am Computer mit Unicode darzustellen, da nur mit einer anderen Schrift diese angezeigt werden konnte. Aus diesem Grund war Unicode in Japan nicht sehr populär. Erst mit den Ideographic Variation Selectors wurde eine Möglichkeit eingeführt, alte Zeichen zu kodieren.