Siegfried Ferdinand Nadel (* 24. April 1903 in Lemberg, Österreich-Ungarn; † 14. Januar 1956 in Canberra, Australien; auch S. F. Nadel, Siegfried F. Nadel, Siegfried Frederick Nadel, Frederick Nadel oder Fred Nadel) war ein in Galizien geborener österreichischer und später britischer Musikwissenschaftler, Psychologe und Sozialanthropologe. Er lehrte ab 1950 als Professor für Anthropologie an der Australian National University. Sein Spezialgebiet war die afrikanische Ethnologie.
Sein Werk A Black Byzantium. The Kingdom of Nupe in Nigeria (dt. „Ein Schwarzes Byzanz. Das Königreich der Nupe in Nigeria“), London 1946, gilt als ein Klassiker der Anthropologie.
Siegfried Nadel war Sohn des promovierten Juristen Moriz Nadel, der als Oberbahnrat in Lemberg arbeitete, und seiner Frau Adele geb. Hirschsprung. Die Familie war jüdischer Konfession und zog 1912 nach Wien. Dort studierte Nadel ab 1920 an der Staatsakademie für Musik das Klavierspiel (bei Richard Robert) und Komposition. Nach Bestehen der Matura nahm er 1921 ein paralleles Studium der Musikgeschichte und -wissenschaft an der Universität Wien (bei Guido Adler und Robert Lach) auf. Später inskribierte er zusätzlich Philosophie und Psychologie. Das erstgenannte Fach studierte Nadel bei Moritz Schlick, letzteres bei Karl Bühler am Psychologischen Institut der Universität Wien. Während seiner Karriere in der Musik verbrachte Nadel im Jahr 1925 eine kurze Zeit als Dirigentenassistent am Düsseldorfer Opernhaus. Mit seiner Arbeit „Zur Psychologie des Konsonanzerlebens“ wurde er am 11. November 1925 bei Karl Bühler an der Universität Wien zum Dr. phil. promoviert.
In Wien heiratete Nadel 1926 die Musikwissenschaftlerin Lisbeth Braun (* 1900) in Wien, mit der er eine Tochter bekam. Braun war drei Jahre vorher zu dem Thema „Die Ballett-Kompositionen Joseph Starzers“ promoviert worden. Nadel veröffentlichte Bücher über musikalische Typologie („Der duale Sinn der Musik“) und den italienischen Komponisten Ferruccio Busoni, beide erschienen 1931. Nach der Zurückweisung seines Habilitationsantrags durch die Universität Wien im selben Jahr wandte er sich unter dem Einfluss von Erich Moritz von Hornbostel und Curt Sachs dem Studium der Musik „primitiver Völker“ zu und ging dazu an das Phonogrammarchiv in Berlin. Parallel studierte er afrikanische Sprachen bei Diedrich Westermann an der Universität Berlin.
Anschließend erhielt Nadel 1932 ein Rockefeller-Stipendium, das es ihm erlaubte, ein Postgraduiertentraining in anthropologischer Feldforschung in Afrika durchzuführen. Damit entging er auch der zunehmenden antisemitischen Verfolgung in Deutschland und Österreich, wohin er nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht mehr zurückkehre. Nadel studierte an der London School of Economics (LSE) unter der Leitung von Bronisław Malinowski. Er begann seine Feldarbeit 1933 beim Volk der Nupe in Nigeria (das damals unter britischer Kolonialherrschaft stand) und erhielt aufgrund der Dissertation Political and religious structure of Nupe society 1935 den Ph.D.-Titel in Anthropologie von der LSE.
Nach weiterer Feldforschung in Nord-Nigeria (1935/36) trat Nadel 1938 als Government Anthropologist in den Dienst der britischen Kolonialverwaltung im „Anglo-Ägyptischen“ Sudan. Ab 1941 diente er in der Sudan Defence Force, ebenso wie Wilfred Thesiger, und wechselte später zum Ostafrika-Kommando der British Army, wo er den Rang eines Majors bzw. Oberstleutnants hatte. Er wurde zum Secretary of Native Affairs in der britischen Militärverwaltung für Eritrea ernannt, das die britischen Truppen im Ostafrikafeldzug 1941 von Italien erobert hatten, und behielt diesen Posten bis 1944. Von 1945 bis 1946 wurde er als Secretary of Native Affairs und Deputy Chief Secretary in der britischen Militärverwaltung der vormaligen italienischen Kolonie Tripolitanien (heutiges Nordwest-Libyen) eingesetzt.
Zurück in England lehrte er ab 1946 an der London School of Economics und ab 1948 an der University of Durham. Nadel wurde 1950 auf den Lehrstuhl für Anthropologie an der wenige Jahre zuvor gegründeten Australian National University in der australischen Hauptstadt Canberra berufen. Er verbrachte viel Zeit damit, in der ganzen Welt Vorlesungen über seine Kriegserfahrungen und über seine Feldforschungen in Nigeria und im Sudan zu halten. Er starb in Canberra.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Nadel, Siegfried Ferdinand |
| ALTERNATIVNAMEN | Nadel, S. F.; Nadel, Siegfried F.; Nadel, Siegried Frederick; Nadel, Frederick; Nadel, Fred |
| KURZBESCHREIBUNG | britischer Musikwissenschaftler, Psychologe und Sozialanthropologe |
| GEBURTSDATUM | 24. April 1903 |
| GEBURTSORT | Lemberg, Galizien |
| STERBEDATUM | 14. Januar 1956 |
| STERBEORT | Canberra |