Simon Pelloutier

Simon Pelloutier, Stich von Johann Jakob Haid nach einem Gemälde von Georg Lisiewski

Simon Pelloutier (* 27. Oktober 1694 in Leipzig; † 2. Oktober 1757 in Berlin) war ein deutscher Historiker, Theologe und Altertumsforscher („Antiquar“).

Herkunft und Familie

Simon Pelloutier war der Sohn des Lyon stammenden Kaufmanns Jean Pelloutier. Seine Mutter Françoise Claparède (Clapareste) stammte aus dem Languedoc. Seine Vorfahren entstammten einer angesehenen Kaufmannsfamilie aus Jausiers in Südfrankreich, die ursprünglich der waldensischen Glaubensrichtung angehörte. Sie hatte schon seit zwei Jahrzehnten in Jausiers gewohnt und ihren Glauben bewahrt und dafür ihr Vermögen aufgeopfert. Als 1623 das Gebiet von Frankreich an das Haus Savoyen abgetreten wurde, wurde die Bevölkerung vor die Wahl gestellt, entweder die Religion zu ändern oder auszuwandern. Der Großvater Simon Pelloutier wanderte deshalb ohne Hab und Gut, begleitet von seinem Sohn Jean und mit der Bibel unter dem Arm, nach Lyon aus. Da er die Vorboten sah, dass das Edikt von Nantes aufgehoben wurde, und die Reformierten nicht mehr lange in Frankreich geduldet wurden, wanderte er 1685 nach Leipzig aus, bevor am 18. Oktober 1685 König Ludwig XIV. das Edikt insgesamt im Edikt von Fontainebleau widerrief und die französischen Protestanten aller religiösen und bürgerlichen Rechte beraubt wurden und flohen. Der Vater starb kurz nach der Geburt des Sohnes im Jahre 1695, sodass seine Mutter für die Erziehung sorgte.

Am 28. November 1720 heiratete Simon Pelloutier Françoise Jassoy (1701–1766), die jüngste Tochter von David Jassoy, der 1655 in Metz geboren und dort als Apotheker tätig war, und seiner 1652 gleichfalls hier geborenen zweiten Ehefrau Judith Le Bachelé. Mit ihr hatte er fünf Söhne und zwei Töchter sowie den Sohn David aus erster Ehe, der in Basel Medizin studierte.

Pelloutiers Bruder war der Kaufmann Jean Barthélémy Pelloutier. Verwandtschaftliche Beziehungen bestanden auch zu Nikolaus von Béguelin, dem Erzieher des preußischen Thronfolgers und späteren Königs Friedrich Wilhelm II. sowie Direktor der Philosophischen Klasse der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. Dieser heiratete 1761 Marie Catharine Pelloutier (1733–1794), die Tochter von Jean Barthélémy Pelloutier und seiner Ehefrau Charlotte Jassoy.

Leben

Pelloutier besuchte ab 1701 das reformierte humanistische Gymnasium in Halle und zeichnete sich als begabter Schüler aus. Am Ende des Jahres 1710 wechselte er nach Berlin, um das Studium zu beginnen und machte dort die Bekanntschaft der reformierten Theologen Alphonse des Vignoles und Jacques Lenfant sowie des königlichen Bibliothekars in Berlin Maturin Veyssière de La Croze.

Pelloutier wurde 1712 Erzieher der Kinder des Fürsten von Montbéliard, das damals als linksrheinisches Gebiet zu Württemberg gehörte und schon 1524 die Reformation eingeführt hatte, und ging mit seinen Schülern für die Jahre 1712 bis 1713 nach Genf. Er studierte dort gleichzeitig Theologie bei den Genfer reformierten Theologen Jean-Alphonse Turrettini und Bénédict Picket (1655–1724). 1713 ging er zurück nach Berlin und setzte dort seine Studien bei dem protestantischen Geistlichen Jacques Lenfant (1661–1728) fort, der heute vor allem durch seine Geschichte des Konzils von Konstanz bekannt ist.

Die Französische Kirche auf der Friedrichsstadt in Berlin, 1740

Seine erste Stelle trat er im Juli 1715 in Französisch Buchholz unweit von Berlin als Nachfolger des königlichen Hof-Pfarrers Isaac de Beausobre an, der eine Stelle in Hamburg angenommen hatte. 1719 übernahm er das Kirchen- und Predigtamt an der Französisch-reformierten Gemeinde in Magdeburg. Danach wurde er in Leipzig Nachfolger des französischen kalvinistischen Theologen Gabriel Dumont (1680–1748), der nach Rotterdam gegangen war.

Nachdem 1723 der Prediger François de Repey, wurde Pelloutier 1725 von König Friedrich Wilhelm I. in der Nachfolge als Pastor der französischen Kirche in Berlin bestellt. Dieses Amt übte er bis zu seinem Tode aus.

Mitgliedschaften und Ehrungen

1738 wurde Pelloutier zum kgl. preußischen Konsistorialrat und Beisitzer im Französischen Oberkonsistorium (consistoire supérieure des communeautés réformées françaises) ernannt.

Er war Mitglied und in Nachfolge des Mathematikers und Astronomen Johann Wilhelm Wagner und von 1745 bis 1757 Bibliothekar der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin.

Werke

Pelloutiers wichtigstes Werk ist die Histoire des Celtes et particulièrement des Gaulois et des Germains, depuis Les Tems fabuleux jusqu'à la Prise de Rome par les Gaulois, zuerst erschienen in La Haye, 1740–1750, 2 Bände. Da die Ausgabe von 1740/1750 einige Fehler enthält, hat Pierre Chiniac de La Bastide eine zweite Ausgabe nach Überarbeitung ab 1771 herausgegeben, die ins Deutsche von Johann Georg Purmann übersetzt wurde.

Nach seinen eigenen Aussagen begann Pelloutier die Beschäftigung mit prähistorischen Altertümern als Zeitvertreib, dies wuchs sich aber bald zu einer ernsten Studie aus (Vorwort zum ersten Band der keltischen Geschichte). Pelloutier war, ebenso wie Phillip Cluverus der Ansicht, dass Kelten und Germanen demselben Volk angehörten. Er ging davon aus, dass im Europa nördlich der Donau ursprünglich nur Kelten und Skythen (Sarmaten) ansässig waren. Dazu kamen die Griechen, aber auch in Griechenland gab es eine keltische Urbevölkerung, die Pelasger. Die Römer waren nach Pelloutier nicht aus Troja eingewandert, sondern waren eine Mischung aus Kelten und Griechen. Die Argumentation Pelloutiers stützte sich auf die antiken Quellen wie Strabon und die Sprachverwandtschaft. Seine pan-europäischen Kelten nehmen in vielen die Indoeuropäer William Jones’ vorweg.

Rezeption

Pelloutiers Gelehrsamkeit wurde von den Zeitgenossen hoch geschätzt. Johann Christoph Adelung (1806, 16) urteilte dagegen, nachdem er sich zunächst mit Jacques Martin, der dieselbe Ansicht vertreten hatte, beschäftigt hatte, vernichtend: "Sein Vorgänger Simon Pelloutier übertrifft ihn in seiner Histoire des Celtes … noch an dreisten und selbst unbesonnenen Behauptungen, steht ihm aber an Gelehrsamkeit, Ordnung und scheinbarer Gründlichkeit sehr weit nach." In der Folge geriet sein Werk in die Auseinandersetzung zwischen "Keltomanen" und den Großdeutschen "Germanomanen" um Ludwig Lindenschmit, was eine neutrale Beurteilung verhinderte. In der Auseinandersetzung schlug die Feindschaft gegen Frankreich durch, die seit der französischen Revolution und den Eroberungen Napoleons gepflegt und zur Deutsch-Französischen Erbfeindschaft hochstilisiert wurde. In der neueren Literatur ist aber der Gedanke der Gleichberechtigung der Völker vorherrschend und verdrängt die angebliche Rangordnung unter den Völkern.

Ausgaben

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ August Jassoy, Unsere Hugenottischen Vorfahren und anderes. Ein Beitrag zur Stammesgeschichte der Familie Jassoy, Knauer, Frankfurt/M., 1908, S. 116, 117. digital ULBD
  2. ↑ Familiengeschichte von Odile Thierion, Stichwort: Pelloutier, digital abgerufen am 9. Juni 2016
  3. ↑ Familiengeschichte von Pierre de Laubier, Stichwort Pierre Jassoy, digital abgerufen am 9. Juni 2016
  4. ↑ Neil Jeffares, „Louis Vigée“, Dictionary of pastellists before 1800, London, 2006; online edition (Stichwort „Jassoy“) (abgerufen am 9. Juni 2016) pastellists.com Die Angabe, dass Jean Barthélémy Pelloutier der Neffe von Simon Peloutier, anstatt sein Bruder, sei, ist wohl unrichtig.
  5. 1 2 Fortunato Bartolomeo De Felice, Encyclopédie, ou dictionnaire universel raisonné des connoissances humaines, Band 32, Yverdon 1744, S. 698, Stichwort: Pelloutier, Simon, digital
  6. ↑ Jacques Lenfant, Histoire du concile de Constance, tirée principalement d’auteurs qui ont assisté au concile, enrichie de portraits, Amsterdam 1744, 2 Bände, Neuausgabe: Amsterdam 1727, 2 Bände
  7. ↑ Moniteur des dates: contenant un million de renseignements biographiques, généalogiques et historiques, Dresden, 1866
  8. ↑ Jean Pierre Erman, Frédéric Reclam, Mémoires pour servir à l'histoire des Réfugiés françois dans les Etats du roi, Band 8, Berlin 1794, S. 254 digital
  9. ↑ Website Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Akademiebibliothek. 10117 Berlin digital abgerufen am 9. Juni 2017
  10. ↑ Joachim Rex, Die Berliner Akademiebibliothek: die Entwicklung der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften in drei Jahrhunderten, anhand der Quellen dargestellt, Wiesbaden 2002, ISBN 3-447-04539-6, S. 28, teilweise digital
  11. ↑ August Wilhelm Hupel, Allgemeine deutsche Bibliothek. 1765-96, Pelloutier, S.: Aelteste Geschichte der Celten, insonderheit der Gallier und Deutschen. Bd. 1.: Rezension, 36. Bd., 1. St., 1778, Seiten 209 – 211, digital:
  12. ↑ Neue Zeitungen von gelehrten Sachen … (hrsg. von Johann Gottlieb Krause.) 7. Theil, Leipzig 1742, 36. und 37. Stück, digital: und
  13. ↑ Jacques Martin, Histoire des Gaules et des conquêtes des Gaulois: depuis leur origine jusqu'à la fondation de la monarchie françoise, ouvrage enrichi de monumens antiques et de cartes géographiques, Paris 1754, digital:
  14. ↑ Johann Christoph Adelung, Älteste Geschichte der Deutschen, ihrer Sprache und Litteratur bis zur Völkerwanderung, S. 17, Leipzig 1806, digital:
  15. ↑ Ulrike Sommer: Der Vorwelt Räthsel und die moderne Nation. In: Festschrift für Sabine Rieckhoff zum 65. Geburtstag. S. 215–230, Bonn 2009, digital University College of London, Library Services, passim, digital Sommer gibt einen sehr guten Überblick aus heutiger Sicht über den Meinungsstreit
Personendaten
NAME Pelloutier, Simon
KURZBESCHREIBUNG deutscher Historiker, Theologe und Altertumsforscher („Antiquar“)
GEBURTSDATUM 27. Oktober 1694
GEBURTSORT Leipzig
STERBEDATUM 2. Oktober 1757
STERBEORT Berlin