Als Stabbrandbombe werden umgangssprachlich kleine, stabförmige Brandbomben bezeichnet, die während des Zweiten Weltkriegs in großer Anzahl eingesetzt wurden. Weiter sind auch die Bezeichnungen Brandstab, Thermitstab, Elektron-Thermitstab sowie Streubrandbombe gebräuchlich.
Geschichtliche Entwicklung
Die ersten Thermit-Stabbrandbomben wurden gegen Ende des Ersten Weltkriegs im Deutschen Reich entwickelt aber nicht eingesetzt. Im Vereinigten Königreich entstanden mit den „Baby Incendiary Bomb‘s“ (BIB) ebenfalls kleinen Thermit-Brandbomben, welche aber nicht zu den Stabbrandbomben zählen.
Stabbrandbomben gelten heute als obsolet und werden z. Z. weder produziert noch eingesetzt.
Technische Beschreibung
Technische Information über die engl. Stabbrandbombe INC 4 lb Mark IV
Stabbrandbomben waren Kleinbomben mit einem Gewicht von 0,9 bis rund 4kg. Die Bomben hatten eine Länge von 30 bis etwa 55cm. Der Durchmesser lag zwischen 43 und zirka 75mm, bei einem sechseckigen oder kreisrunden Querschnitt. Die Bomben bestanden aus einem Zünder, dem Bombenkörper mit dem Brandstoff sowie einem Heckteil. Der Bombenkopf war in der Regel flach ausgebildet. Einzelnen Stabbrandbomben verwendeten zur Stabilisierung des Falls Stoffbänder am Bombenheck. Jeweils ein bestimmter Prozentsatz der Stabbrandbomben war mit einem Knallsatz aus Schießpulver versehen. Dieser explodierte mit einigen Minuten Verzögerung und verstreute das brennende Thermit und Elektron. Die Explosion war nicht tödlich, sondern diente lediglich der Abschreckung, um Bergungs- und Löschversuche zu behindern. Etwa ab 1942 wurden auch Stabbrandbomben mit einer Ladung Sprengstoff im Bombenkopf eingesetzt. Der Sprengstoff explodierte mit einigen Minuten Verzögerung und zerlegte den Bombenkopf in Splitter, die auf kurze Distanz tödlich wirkten. Stabbrandbomben können aufgrund der verwendeten Brandstoffe in zwei Kategorien eingeteilt werden:
Bomben mit festem Brandstoff – Dieser Brandstoff besteht ausnahmslos aus Thermit sowie einem Bindemittel. Der dickwandige Bombenkörper besteht normalerweise aus brennbarem Elektron. Bei der Bombenzündung wird mit einer Verzögerung zuerst die Thermitreaktion in Gang gesetzt. Dabei tritt eine grelle Stichflamme aus der Bombe hervor. Die Thermitreaktion entzündet dabei den Bombenkörper aus Elektron. Die Bombe brennt nun während 5 bis 10Minuten mit einer Brenntemperatur von bis zu 2500°C ab und zerschmilzt zu einer weißglühenden, brennenden Metallschmelze. Bomben dieses Typs wurden während des Zweiten Weltkriegs überwiegend auf Städte in Europa abgeworfen.
Bomben mit flüssigem Brandstoff – Diese Brandstoffe bestehen üblicherweise aus Motorenbenzin, das mit Napalmpulver, Naphthensäuren, Naturkautschuk, Natriumsilicate, Polystyrol, Aluminiumpulver usw. zu einer viskosen Masse verdickt wird. Der dünnwandige Bombenkörper besteht normalerweise aus Blechen. Bei der Bombenzündung wird mit einer Verzögerung eine Ladung Schießpulver im Bombenkopf gezündet. Durch den Druck im Bombenkörper wird der gelförmige Brandstoff mehrere Meter weit aus dem Bombenheck herausgeschleudert. Die Spritzer des klebrigen Brandstoffes brennen für 4 bis 7Minuten, bei Temperaturen zwischen 800 und 1600°C. Bomben dieses Typs kamen während des Zweiten Weltkriegs primär bei Angriffen auf Städte in Asien, insbesondere in Japan zum Einsatz.
Die erste deutsche Stabbrandbombe, die Elektronbrandbombe B 1 E wurde zwischen 1917 und 1918 von der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron entwickelt. Diese sollten im Sommer 1918 bei dem sog. Feuerplan gegen Paris und London eingesetzt werden. Der Einsatz wurde aber im September 1918 von Erich Ludendorff, dem Chef der OHL untersagt. In den 1930er-Jahren entwickelte Deutschland die B 1,3 E, B 2 EZ und B 2,2 EZ. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Millionen dieser Elektronbrandbomben von der Luftwaffe auf die Städte Europas, insbesondere in Großbritannien abgeworfen. Die deutschen Stabbrandbomben wurden in verschiedenen Betrieben der I.G. Farben produziert. Mit dem Kriegsende wurden diese Bomben ausgesondert.
Im Vereinigten Königreich wurde zwischen 1934 und 1936 mit der INC 4 lb die erste Thermit-Stabbrandbombe entwickelt. Bis 1945 wurden rund 100Millionen dieser Bomben bei Imperial Chemical Industries (ICI) produziert. Während des Zweiten Kriegs warf das RAF Bomber Command rund 80Millionen INC 4 lb auf deutschen Städte ab. Die INC 4 lb verblieben bis zum Kriegsende im Bestand der RAF und wurden Ende der 1940er-Jahre ausgesondert.
In den Vereinigten Staaten entstand ab 1941 als erstes die AN-M50-Stabbrandbombe. Diese war ein weiterentwickelter Lizenzbau der britischen INC 4 lb Mk.II. Danach folgten die Stabbrandbomben AN-M52, AN-M54 und kurz vor Kriegsende die M126. Für die Luftangriffe auf Japan wurden ab 1943 die mit Napalm befüllten Stabbrandbomben AN-M69 und AN-M74 entwickelt. Von diesen Bomben wurden während des Zweiten Weltkrieges Millionen auf Städte der japanischen Hauptinseln und im Koreakrieg auf Städte in Nordkorea abgeworfen. Die letzte US-amerikanischen Stabbrandbombe, die M126 verblieb bis Anfang der 1970er-Jahre im Bestand der Streitkräfte und wurde dann ausgesondert. Alle amerikanischen Stabbrandbomben wurden durch den Chemical Warfare Service (CWS) entwickelt und produziert.
Das Japanische Kaiserreich hatte seit den 1930er-Jahren eine Thermit-Stabbrandbombe mit einem Gewicht von 1kg im Bestand. Diese glich sowohl äußerlich wie auch im Aufbau der deutschen Elektronbrandbombe B 1 E. Die Kaiserlich Japanische Armee setzte dieses Bombenmodell im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg sowie im Zweiten Weltkrieg ein.
Einsatzkonzept
Eine Avro Lancaster beim Abwurf von INC 4 lb-Stabbrandbomben über Duisburg im Oktober 1944
Die Stabbrandbomben wurden nicht gegen Einzel- oder Punktziele, sondern im Flächenbombardement eingesetzt. Dafür wurden sie massenweise aus an Flugzeugen montierten Abwurfbehältern oder verpackt in Streubomben abgeworfen. In Abhängigkeit von Flughöhe und Fluggeschwindigkeit verteilten sich die Bomben nach dem Abwurf über ein größeres oder kleineres Gebiet. Beim Aufprall konnten die Bomben Dachziegel und dünne Stahlbetonplatten durchschlagen, bevor sie zündeten. Danach sollten sie im Dachgeschoss abbrennen und dabei das Gebäude in Brand setzen. Ein direktes Löschen der Stabbrandbomben mit Wasser oder Sand war nicht möglich. Sich einer abbrennenden Bombe zu nähern, war durch die teilweise verbauten Sprengladungen im Bombenkörper gefährlich. Nur im Zusammenwirken mit brennbaren Stoffen, insbesondere Holz, entfalteten die Bomben ihre Wirkung. Optimale Wirkung zeigten die Stabbrandbomben beim Einsatz gegen dichtbebaute Stadtgebiete mit einem hohen Anteil an Holzbauten. Bei Großangriffen mit zehn- bis hunderttausenden Stabbrandbomben wurde im Zielgebiet eine sehr hohe Belegungsdichte erreicht. Innerhalb kurzer Zeit konnten sich dabei die Brände zu Großfeuer und Flächenbränden ausbreiten.
Bei Angriffen auf Städte in Europa wurden Thermit-Stabbrandbomben vielfach in Kombination mit Sprengbomben eingesetzt. Dabei wurden zuerst Sprengbomben und Luftminen, und kurz darauf massenweise Stabbrandbomben abgeworfen. Die Detonationswellen der Sprengbomben und Luftminen deckten Dächer ab und zertrümmerten Fenster und Türen. Die Stabbrandbomben konnten nun nicht mehr von den steilen Schrägdächern abprallten und fielen in die freiliegenden hölzernen Dachstühle oder durch die zerstörten Fenster auch direkt ins Gebäude. Begünstigt durch die zertrümmerten Fenster hatten die Brandherde im Gebäudeinnern ausreichend Zufuhr von Luftsauerstoff.
Bei den Stabbrandbomben-Angriffen auf die Städte der Japanischen Hauptinseln war der vorgängige Abwurf von Sprengbomben in der Regel unnötig. Die japanische Wohnhäuser waren größtenteils in Leichtbauweise aus Holz und anderen brennbaren Materialien gebaut. Demzufolge konnte schon der alleinige Einsatz von Stabbrandbomben Wohnhäuser innerhalb von Minuten in Brand setzten.
Bei Luftangriffen auf Städte konnte bei entsprechender Wetterlage, Gebäudedichte und Gebäudebauform, ein kombinierter Einsatz von Sprengbomben, Phosphorbomben und Stabbrandbomben zu Feuerstürmen führen. Feuerstürme, entfacht durch Stabbrandbomben entstanden u. a. bei den Luftangriffen auf Hamburg (Juli 1943), Dresden (Februar 1945), Nagoya (Mai 1945) sowie Tokio (März 1945). Bei letzterem wurden 41km² Stadtgebiet niedergebrannt und Nachkriegsschätzungen gehen von 80.000 bis 185.000 Toten aus.
Wolfgang Thamm: Fliegerbomben. Die Spreng- und Brandbombenentwicklung in der Luftwaffe. Von der einfachen Fliegerbombe zur modernen Abwurfmunition und ihre Einsätze – mit Gegenüberstellung der Entwicklungen in England, USA und Russland sowie anderer Staaten. Bernard & Graefe Verlag, Bonn 2003, ISBN 3-7637-6228-0.
Wolfgang Fleischer: Deutsche Abwurfmunition bis 1945. Sprengbomben, Brandbomben, Sonderabwurfmunition, Abwurfbehälter, Zünder. Motorbuchverlag, Stuttgart 2003, ISBN 3-613-02286-9.
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