Ein Stadtphysicus oder Stadtphysikus (von lateinisch physicus, gelehrter „Leib“-Arzt bzw. akademisch ausgebildeter Arzt im Gegensatz zum praxisorientierten chirurgicus bzw. Wundarzt) bzw. Stadtarzt (auch, etwa im 15. Jahrhundert in Augsburg, als Stadt-Leibarzt bezeichnet) war seit dem Spätmittelalter ein vom Stadtrat (fest) bestallter Arzt und nahm neben seiner privaten Praxis und der Tätigkeit in städtischen Spitälern in etwa die Aufgaben eines heutigen Gesundheitsamtes wahr. Die mittelalterlichen Stadtärzte, die insbesondere Funktionen des Polizei-, Gerichts- und Armenarztes innehatten, sind gemäß Heinrich Haeser den Archiatri populares der römischen Kaiserzeit vergleichbar.
Die Bezeichnung Physicus war bis 1901 in Preußen der Titel für den beamteten Arzt.
Der Stadtphysicus war verantwortlich für hoheitliche Maßnahmen, die die Gesundheitsvorsorge der Bevölkerung und die hygienischen Bedingungen in der Stadt betrafen. Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Aufsicht über die Apotheken sowie die Überwachung von Personen, die sich mit medizinischen Aufgaben befassten, etwa der Hebammen und Bader. Daneben hatte er gerichtsmedizinische Aufgaben wie die Begutachtung von Verletzungen lebender Personen, die äußere Leichenschau und die Durchführung von Leichenöffnungen bei nicht natürlicher und ungeklärter Todesart. In Seuchenzeiten veröffentlichten viele Stadtphysici kleine, gedruckte Ratgeber.
Etliche Stadtphysici fungierten zugleich auch als Leibärzte adliger oder geistlicher Würdenträger.
In weniger dicht besiedelten Regionen wurde das Amt in Kombination als Stadt- und Kreisphysicus vergeben, der neben der Stadt in deren Umland einen bestimmten Medizinaldistrikt zu versorgen bzw. zu beaufsichtigen hatte.
Für den Stellvertreter des Stadtphysicus galt, z. B. in Hamburg, die Bezeichnung Subphysicus.
Manfred Stürzbecher: The physici in German-speaking countries from the Middle-Ages to the Enlightenment. In: A. Russell (Hrsg.): The Town and the State Physician in Europe from the Middle Ages to the Enlightenment. Wolfenbüttel 1981, S. 123–129.
Michael Stolberg: Gelehrte Medizin und ärztlicher Alltag in der Renaissance. De Gruyter, Oldenbourg, 2021, S. 402–409.
Einzelnachweise
↑Gundolf Keil: Der Hausvater als Arzt. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit (Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn). Mit einem Register von Ralf Nelles, Jan Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 379954156X, S. 219–243, hier: S. 240.
↑Bernhard D. Haage, Wolfgang Wegner: Chirurg, Chirurgie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 251–254; hier: S. 251.
↑Gundolf Keil: Ortolf von Baierland (Würzburg). In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Band 7: „Oberdeutscher Servatius“ – Reuchart von Salzburg. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. De Gruyter, Berlin u. a. 1989, ISBN 3-11-011582-4, Sp. 67–82, hier: Sp. 75.
↑Manfred Vasold: Stadtärzte. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1352–1353.
↑Wolfgang F. Reddig: Heilberufe: Doctores, Bader, Scharlatane. In: Medizin im Mittelalter. Zwischen Erfahrungswissen, Magie und Religion (= Spektrum der Wissenschaft. Spezial: Archäologie Geschichte Kultur. Band 2.19), 2019 (auch in Spektrum der Wissenschaft. 2, 2002), S. 62–65, hier: S. 63–64.
↑August Buck: Die Medizin im Verständnis des Renaissancehumanismus. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil (Hrsg.): Humanismus und Medizin. Weinheim an der Bergstraße 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), S. 181–198, hier: S. 185.