Theorie der Anspruchsgruppen

Die Theorie der Anspruchsgruppen (englisch stakeholder theory) ist ein Ansatz der Unternehmensführung und Wirtschaftsethik, der Organisationen über ihre Beziehungen zu Personen, Gruppen und Institutionen analysiert, die die Zielerreichung der Organisation beeinflussen können oder von ihr betroffen sind. Sie grenzt sich von einer ausschließlich an Anteilseignern orientierten Unternehmensauffassung ab und erweitert die Betrachtung auf Beschäftigte, Kunden, Lieferanten, Kapitalgeber, Gemeinwesen, staatliche Akteure und weitere Anspruchsgruppen. Die Theorie wird sowohl als Analyseinstrument als auch als normativer und strategischer Bezugsrahmen verwendet, bleibt aber wegen unterschiedlicher Begriffe, Zielsetzungen und Umsetzungsvorstellungen umstritten.

Historische Entwicklung

Der Begriff der Anspruchsgruppe (stakeholder) entstand Anfang der 1960er Jahre als bewusstes Gegenstück zu stockholder bzw. shareholder und sollte anzeigen, dass neben Eigenkapitalgebern weitere Gruppen einen Einsatz oder Anspruch im Unternehmen haben. Als früher institutioneller Ursprung gilt das Stanford Research Institute, dessen Arbeiten die Vorstellung formulierten, Unternehmen seien auf die Unterstützung mehrerer Anspruchsgruppen angewiesen. Maßgeblich popularisiert wurde der Begriff durch R. Edward Freeman, der Anspruchsgruppen als alle Gruppen oder Individuen definierte, die die Zielerreichung einer Organisation beeinflussen können oder von ihr beeinflusst werden.

Freemans Ansatz verschob die Debatte von der Frage alleiniger Dividenden- oder Wertsteigerung zugunsten von Anteilseignern hin zu einer breiteren Sicht auf die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Beziehungen des Unternehmens. Seit den 1980er und 1990er Jahren wurde die Theorie in der Strategieforschung, Wirtschaftsethik, Corporate Governance, im Human Resource Management und in politischen Debatten aufgegriffen. In den 1990er Jahren wurde zudem grundlegend vorgeschlagen, die natürliche Umwelt, ihre Systeme sowie ihre lebenden und nichtlebenden Bestandteile nicht nur als externen Kontext, sondern als mögliche Anspruchsgruppen von Organisationen zu verstehen.

Theoretische Perspektiven

In der Forschung werden häufig beschreibende, instrumentelle und normative Verwendungsweisen der Theorie unterschieden. Beschreibende Ansätze verwenden die Theorie, um Unternehmen als Konstellationen kooperierender und konkurrierender Interessen zu erfassen; instrumentelle Ansätze untersuchen Zusammenhänge zwischen Leistungszielen und dem Management von Anspruchsgruppen; normative Ansätze begründen die Berücksichtigung von Anspruchsgruppen als eigenständige moralische Forderung.

Stoney und Winstanley betonen zusätzlich, dass sich Ansätze der Theorie entlang politischer Positionen, analytischer oder preskriptiver Zwecke, intrinsischer oder instrumenteller Begründungen, unterschiedlicher Interventionsebenen und verschieden starker Durchsetzungsformen unterscheiden lassen. Diese Differenzierungen sind bedeutsam, weil unter dem Begriff sowohl ein heuristisches Analysewerkzeug als auch ein Programm für tiefgreifende Reformen von Unternehmen, Governance-Strukturen oder sogar politisch-ökonomischen Institutionen verstanden werden kann. Neuere systemische und ökologische Ansätze verschieben den Bezugspunkt teilweise von der einzelnen Organisation hin zum Wohlergehen ganzer sozioökologischer Systeme, wodurch auch sonst wenig berücksichtigte oder sprachlose Anspruchsgruppen in den Blick geraten.

Analyse von Anspruchsgruppen und Entscheidungsfindung

Goodpaster unterscheidet zwischen Analyse und Synthese von Anspruchsgruppen. Analyse bezeichnet dabei die Identifizierung betroffener Parteien und die Ermittlung positiver oder negativer Folgen unternehmerischer Handlungsoptionen für diese Gruppen. Synthese geht darüber hinaus, weil sie die erhobenen Informationen in Prioritäten, Entscheidungen, Handlungen und Lernprozesse überführt. Die bloße Berücksichtigung betroffener Gruppen ist nach dieser Unterscheidung noch kein Ersatz für eine normative Entscheidungstheorie, weil sie offenlässt, nach welchen Maßstäben widerstreitende Ansprüche gewichtet werden sollen.

Identifizierung und Kategorien von Anspruchsgruppen

Ein einflussreicher Ansatz zur Identifizierung und Gewichtung von Anspruchsgruppen ordnet ihnen die Attribute Macht, Legitimität und Dringlichkeit zu. Macht bezeichnet die Fähigkeit, Einfluss auf das Unternehmen auszuüben, Legitimität die soziale oder normative Anerkennung eines Anspruchs und Dringlichkeit die zeitliche Sensitivität oder kritische Bedeutung einer Forderung. Je nachdem, welche dieser Attribute eine Gruppe aufweist, verändert sich ihre Salienz für das Management.

Eine weitere gängige Unterscheidung trennt primäre Anspruchsgruppen, von deren fortgesetzter Mitwirkung das Unternehmen unmittelbar abhängt, von sekundären Anspruchsgruppen, die das Unternehmen beeinflussen oder von ihm beeinflusst werden, aber nicht in gleicher Weise für sein Überleben erforderlich sind. Die Beziehungen zwischen Unternehmen und Anspruchsgruppen sind dynamisch und können sich durch Vertragsbeziehungen, Konflikte, gesellschaftliche Erwartungen oder institutionelle Veränderungen im Zeitverlauf verschieben.

Stimme und unterrepräsentierte Anspruchsgruppen

Die auf Macht, Legitimität und Dringlichkeit beruhende Salienzlogik macht sichtbar, dass Anspruchsgruppen nicht nur nach ihrer Betroffenheit, sondern auch nach ihrer Fähigkeit wahrgenommen werden, Ansprüche gegenüber Organisationen hörbar zu machen. Als unterrepräsentierte oder sprachlose Anspruchsgruppen gelten erstens marginalisierte Menschen, deren Stimmen häufig ignoriert werden, zweitens gegenwärtig nicht sprechfähige menschliche Anspruchsgruppen wie künftige Generationen und drittens Orte, Arten, Ökosysteme und andere nichtmenschliche Wesen, die sich nicht in menschlicher Sprache vertreten können.

Ihre Bedeutung wird besonders deutlich, wenn nicht allein der Nutzen für einzelne Unternehmen, sondern das Wohlergehen sozioökologischer Gesamtsysteme und Fragen der Gerechtigkeit als Bezugspunkt dienen. In dieser Perspektive bezieht sich die Theorie der Anspruchsgruppen auf intergenerationelle, intragenerationelle, zwischenartliche und erdsystembezogene Gerechtigkeit.

Die natürliche Umwelt als Anspruchsgruppe

Die Frage, ob die natürliche Umwelt selbst als Anspruchsgruppe gelten kann, zählt zu den zentralen Grenzproblemen der Theorie. Frühe Befürworter dieser Erweiterung kritisierten, dass Definitionen von Anspruchsgruppen meist menschliche Gruppen privilegierten, die natürliche Umwelt aus dem Unternehmensumfeld ausklammerten oder sie nur über menschliche Stellvertreter wie Behörden und Umweltorganisationen berücksichtigten. Die natürliche Umwelt kann in dieser Sicht als Anspruchsgruppe verstanden werden, weil Organisationen natürliche Systeme und nichtmenschliche Entitäten beeinflussen und zugleich von ihnen beeinflusst werden.

Befürwortende Ansätze argumentieren, dass Umweltveränderungen und insbesondere der Klimawandel Unternehmen so unmittelbar betreffen, dass die natürliche Umwelt als primäre Anspruchsgruppe behandelt werden sollte. Phillips und Reichart wenden dagegen ein, dass die Umwelt in einem fairnessbasierten Verständnis nicht selbst Anspruchsgruppe sein kann, weil dieser Status an wechselseitige Kooperationsbeziehungen und freiwillig angenommene Verpflichtungen gebunden ist. Gleichwohl kann die Umwelt in diesem Ansatz über legitime menschliche Anspruchsgruppen berücksichtigt werden, etwa wenn lokale Gemeinschaften, Beschäftigte oder Kunden ein Interesse an intakten natürlichen Lebensgrundlagen haben.

Orts und Strudler kritisieren darüber hinaus, dass die Theorie der Anspruchsgruppen wegen ihres Fokus auf menschliche Beteiligte moralische Pflichten gegenüber Natur, Landschaften, nichtmenschlichen Arten und rechtlichen Normen nicht vollständig erfassen könne. Neuere Arbeiten kritisieren zusätzlich, dass nichtmenschliche Natur häufig zu allgemein als einheitliche Kategorie behandelt wird, obwohl einzelne Tiere, Arten, Flüsse, Wälder, Ökosysteme oder andere Naturentitäten unterschiedliche Eigenschaften, Verwundbarkeiten und Bedürfnisse besitzen.

Der Anerkennungsansatz begründet den Anspruchsgruppenstatus nichtmenschlicher Natur über Handlungsfähigkeit, Integrität und Eigenart und fordert sowohl eine allgemeine Anerkennung nichtmenschlicher Natur als auch eine differenzsensible Betrachtung konkreter nichtmenschlicher Anspruchsgruppen. Dadurch verschiebt sich der Fokus von der abstrakten Frage, ob „die Natur“ Anspruchsgruppe sein kann, zur konkreteren Frage, welche Naturentitäten in einem bestimmten organisationalen Kontext betroffen sind und wie ihre spezifischen Interessen und Verwundbarkeiten berücksichtigt werden können.

Management von Anspruchsgruppen

Das praktische Management von Anspruchsgruppen umfasst die Bestimmung relevanter Gruppen, das Verständnis ihrer Ansprüche und die Einbindung dieser Ansprüche in Strategie, Kommunikation und Governance. Instrumentell begründete Ansätze sehen darin eine Möglichkeit, Kooperation zu stabilisieren, Konflikte zu verringern, Reputation aufzubauen und langfristige Leistungsfähigkeit zu unterstützen. Normativ begründete Ansätze betonen dagegen, dass bestimmte Ansprüche nicht nur deshalb relevant sind, weil sie sich auf Leistung oder Wertschöpfung auswirken, sondern weil ihnen ein eigenständiger moralischer Status zugeschrieben wird. Goodpasters Unterscheidung macht dabei deutlich, dass das Management von Anspruchsgruppen ethisch unterschiedlich ausfallen kann, je nachdem ob Anspruchsgruppen lediglich als strategische Hindernisse oder Ressourcen behandelt werden oder ob ihre Ansprüche als eigenständige moralische Gesichtspunkte in Entscheidungen eingehen.

Bei nichtmenschlicher Natur umfasst das Management von Anspruchsgruppen die Identifizierung betroffener Naturentitäten, die Planung entsprechender Maßnahmen, die Anpassung organisationaler Interaktionen mit natürlichen Systemen und die Bewertung der Folgen dieser Interaktionen. Solche Verfahren können den Blick auf ökologische Zusammenhänge erweitern, Prioritäten sichtbar machen, Umweltfragen politisch anschlussfähig machen und die natürliche Umwelt in spezifische, handhabbare Anspruchsgruppen differenzieren.

Das Konzept des nature-inclusive stakeholder engagement beschreibt die Einbeziehung von Beziehungen und Interaktionen zwischen menschlichen und natürlichen Anspruchsgruppen in organisationale Aktivitäten und Wertschöpfungsprozesse. Zu möglichen natürlichen Anspruchsgruppen zählen dabei nicht nur Lebewesen wie Tiere, Pflanzen oder Arten, sondern auch Ökosysteme, Flüsse, Wälder, Korallenriffe, Wasser, Gesteine oder mineralische Ressourcen, soweit sie von organisationalem Handeln betroffen sind oder dieses beeinflussen.

Empirische Forschung zu indigenen Unternehmen in der Sierra Nevada de Santa Marta zeigt, dass naturinklusive Anspruchsgruppenbeziehungen über ein rein instrumentelles Umweltmanagement hinausgehen können, wenn Natur nicht nur als Ressource oder Schadenssenke, sondern als Partnerin und Orientierung für regenerative Wertschöpfung verstanden wird. In einer solchen relationalen Perspektive stützen naturverbundene interne Stellvertretungen und ein naturbezogenes organisationales Selbstverständnis physische, emotionale, mentale und spirituelle Beziehungen zu Naturentitäten.

Kritik

Eine zentrale Kritik betrifft die konzeptionelle Unschärfe des Begriffs, weil die Theorie der Anspruchsgruppen je nach Autor, politischer Position und Anwendungsebene sehr unterschiedliche Bedeutungen annehmen kann. Diese Unschärfe erschwert die praktische Umsetzung, da nicht immer klar ist, welche Anspruchsgruppen berücksichtigt werden müssen, auf welcher Ebene Eingriffe stattfinden sollen und ob die Theorie freiwillige Leitidee, Managementinstrument oder rechtlich durchsetzbares Governance-Modell sein soll. Eine neuere Kritik beschreibt den Begriff der Anspruchsgruppe deshalb als entweder wesentlich umstritten oder zumindest durch uneinheitliche Definitionen stark verwirrt.

Jensen kritisiert die Theorie als Unternehmensziel, weil mehrere gleichzeitig zu maximierende Ziele ohne übergeordnetes Kriterium keine eindeutige Entscheidungsgrundlage für Zielkonflikte liefern. Als Gegenentwurf schlägt Jensen eine „aufgeklärte Wertmaximierung“ vor, die Überlegungen zu Anspruchsgruppen als wichtiges Managementwissen nutzt, Zielkonflikte aber letztlich an langfristiger Wertschaffung bzw. Wertsuche ausrichtet. Goodpaster formuliert ein „Anspruchsgruppenparadox“, wonach eine rein strategische Orientierung ethisch zu schwach bleibt, während eine vollständig multifiduziare Orientierung die besondere Verantwortung des Managements gegenüber Anteilseignern und die Struktur privater Unternehmen zu untergraben droht.

Die Ausweitung auf nichtmenschliche Natur verschärft praktische und normative Fragen, weil natürliche Entitäten nicht ohne Weiteres in menschlichen Entscheidungsverfahren sprechen können und ihre Interessen durch Menschen interpretiert werden müssen. Der Anerkennungsansatz weist darauf hin, dass eine nur generische Rede von „der Natur“ ebenfalls problematisch sein kann, weil sie Unterschiede zwischen konkreten nichtmenschlichen Individuen, Kollektiven und Systemen verdeckt. Die umweltethische Kritik von Phillips und Reichart sowie Orts und Strudler zeigt schließlich, dass die Theorie der Anspruchsgruppen nicht alle moralischen Fragen unternehmerischen Handelns allein lösen kann und durch weitere ethische Prinzipien ergänzt werden muss.

Literatur

Einzelnachweise

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