Eine Stegreifrede ist eine improvisierte Form der mündlichen Rede.
Diese Form der Rede entsteht erst in dem Moment, in dem sie auch gehalten wird. In klassischer rhetorischer Terminologie kann man sagen, dass bei dieser Gattung mehrere der fünf Produktionsstadien der Rede zusammenfallen: Die inventio, das Auffinden der Argumente, die elocutio, das Ausformulieren derselben und die actio, der mündliche Vortrag. Somit erfordert eine genuine Stegreifrede ein hohes Maß an Auffassungsgabe, gedanklicher Schnelligkeit, Kreativität und Wortgewandtheit.
Das deutsche Wort Stegreifrede kommt vom Stegreif, also dem Steigbügel der Reiter. „Aus dem Stegreif“ bedeutet also zu reden, ohne vom Pferd zu steigen – ohne längere Vorbereitung und aus voller Aktion heraus. Ähnliche Begriffe sind Spontanrede, ad-hoc-Rede, freie Rede oder Gelegenheitsrede.
In der Rhetoriktheorie des alten Griechenlands wurde die Stegreifrede "αὐτοσχεδιαστιϰὸς λόγος" (autoschediastikós lógos) als Gegenstück zur niedergeschriebenen Rede "γραπτὸς λόγος" (graptós lógos) untersucht. In lateinischen Quellen liest man in diesem Zusammenhang vom "ex tempore dicere". (Vgl.: "Extemporieren")
Sokrates war dafür bekannt, selber keine schriftlich fixierten Reden gebraucht zu haben. Die Schriften seines Schülers Platons stellen einen wichtigen Ausgangspunkt für Fragen zum Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit dar. Einerseits sind diese eine wichtige Quelle für das rhetorische Geschehen der Zeit, andererseits ist Platons zwiespältiges Verhältnis zur schriftlichen Fixierung seiner eigenen Lehrinhalte Gegenstand wissenschaftlicher Debatten (siehe: ungeschriebene Lehre).
Vom Sophisten Gorgias heißt es, dass er beide Formen beherrschte. Von dessen Schülern stehen zwei archetypisch für gegensätzliche Positionen: Alkidamas bevorzugte die Stegreifrede, während Isokrates vehement die akribische Ausarbeitung von Reden verteidigte.
Cicero lobt die Nützlichkeit der Stegreifrede zur Übung, gibt aber der ausgearbeiteten, schriftlich verfassten Rede den Vorzug: „Der Griffel ist der beste und vorzüglichste Bildner und Lehrmeister der Rede und nicht mit Unrecht.“ Wer das Schreiben beherrsche, würde auch bei spontanem, mündlichen Vortrag einen guten Stil zustande bringen, der dem niedergeschriebenem ähnelte.
Quintilian stimmt dem insofern zu, als dass er im Schreiben ein unverzichtbarer Bestandteil der rhetorischen Bildung sieht. Dennoch ist ihm zu Folge die Fähigkeit frei zu sprechen die höchste Kunstfertigkeit, da der Stil der freien Rede authentischer wirke und vom Publikum somit als glaubhafter wahrgenommen werden würde. Er empfiehlt sogar die vorbereiteten Reden mit dem Schein der Spontanität vorzutragen.
Im europäischen Mittelalter verband sich die theoretische Beschäftigung mit Stegreifreden weitgehend mit Überlegungen zur christlichen Homiletik. Ob oder inwiefern Prediger wie Berthold von Regensburg, Meister Eckhart oder Johannes Tauler spontan gesprochen haben, ist allerdings nicht bekannt.
Im 17. Jahrhundert sollten Christian Weises deutschsprachige Rhetorik-Lehrbücher auch zum spontanen reden ermächtigen.
Heinrich von Kleist beschäftigte sich im frühen 19. Jahrhundert in seiner Schrift Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden mit Aspekten der spontan und im Moment erzeugten Rede. Er nennt dieses Reden "ein wahrhaftes lautes Denken."
Heute existiert wieder eine breite Ratgeberliteratur zum Thema der Stegreifrede.
Die mediale Verbreitung von Aussagen durch Rundfunk, Fernsehen und digitale Plattformen hat die Bedingungen öffentlicher Rede verändert: Spontane Äußerungen können unmittelbar aufgezeichnet, verbreitet und aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst werden. Deshalb verortet z. B. Joachim Knape, dass "Stegreif, das spontane Statement, die unvorbereitete Diskussion, der öffentliche Talk und andere moderne Formen medienvermittelter Mündlichkeit immer klarer als zeitgenössische Herausforderung ersten Ranges gesehen [werden]."