Stone Butch Blues ist ein Roman von Leslie Feinberg, der erstmals 1993 veröffentlicht wurde. Aus der Perspektive der Stone Butch-Lesbe Jess Goldberg geschrieben, schildert er detailliert und sehr persönlich ihr Leben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in New York City.
Auch wenn es sich um ein fiktionales Werk handelt, ist es stark von Feinbergs eigenen Lebenserfahrungen inspiriert; sie beschreibt es so: „Genau wie mein eigenes Leben lässt sich auch dieser Roman nicht einfach in eine Schublade stecken. Wenn Sie Stone Butch Blues in einer Buchhandlung oder Bibliothek gefunden haben, in welcher Kategorie stand es? Lesbische Belletristik? Gender Studies? [...] dieses Buch ist ein lesbischer und ein transgeschlechtlicher Roman – wodurch ‚trans‘ im Kontext des Genres nicht nur als Adjektiv, sondern auch als Verb fungiert.“ Sie beschreibt es zudem als ihren „Aufruf zum Handeln“.
Obwohl Stone Butch Blues, wie der Warnhinweis schon andeutet, eine anspruchsvolle Lektüre ist, wird es häufig als unverzichtbares Werk für LGBT-Gemeinschaften diskutiert, da es „niemals davor zurückschreckt, den Antisemitismus, den Klassismus, die Homophobie, die Feindseligkeit gegenüber Butch-Frauen und die Transphobie darzustellen, denen die Protagonistin Jess Goldberg täglich ausgesetzt war – aber es zeigt auch die heilende Kraft der Liebe und des politischen Aktivismus.“
Als Kind wird Jess häufig gefragt, ob sie ein Junge oder ein Mädchen sei. Ihre Eltern zwingen sie Frauenkleidung zu tragen. In der Schule wird sie vergewaltigt und flieht schließlich vor ihrem Elternhaus. Jess findet als Jugendliche in die örtliche Butch und Femme Szene, die in einer Bar ansässig ist. Dort trifft sie Al, eine ältere Butch, bei der sie kurz wohnen kann. Arbeit findet sie in der Industrie und schließlich auch Anschluss an eine Gewerkschaft, wo sie sich für die Interessen ihrer Butch-Kolleginnen einsetzt. Die Bar, die nun ihr zweites Zuhause wird, ist immer wieder brutalen Razzien durch die Polizei ausgesetzt, bei der es auch zu Vergewaltigungen kommt.
Jess’ Freundinnen sind zumeist berufliche Prostituierte. Jedoch trifft sie Theresa während ihrer Arbeit in der Industrie.
Auf Grund einer Wirtschaftskrise spitzt sich die Situation für Jess und ihre Freunde zu. Jess entscheidet sich Testosteron zu nehmen, um von nun an ein männliches Auftreten zu haben. Gründe dafür sind ihre eigene körperliche Sicherheit und die Möglichkeit einen Arbeitsplatz zu bekommen. Theresa verlässt sie wegen dieser Entscheidung. Jess wechselt ihren Wohnort und findet bald einen Arbeitsplatz, wo sie einige Jahre lang arbeitet. Nachdem sie einem Gewerkschaftsgenossen aus ihrem „früheren Leben“ begegnet, wird sie von ihm vor allen Kollegen als „Frau“ geoutet. Sie kündigt, wechselt wieder den Wohnort und zieht nach New York City. Dort hält sie sich mit kleineren Jobs über Wasser und setzt schließlich das Testosteron ab. Dennoch wird sie von ihrer Außenwelt immer noch als Mann wahrgenommen. Die meisten vermuten, dass sie schwul sei.
Nachdem das Haus, in dem sich ihre Wohnung befand, abgebrannt ist, zieht Jess erneut um. Ihre neue Nachbarin ist aus der lokalen LGBT-Szene und beide freunden sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten an.
Zusammen besuchen sie die Eltern der Nachbarin. Jess macht dabei einen Abstecher zu ihrer alten Stadt. Sie besucht alte Freunde und ebenso Al, die durch eine brutale Vergewaltigung ein solches Trauma erlitten hat, dass sie nicht mehr redet und in einer Pflegeanstalt wohnt.
Das Buch endet damit, dass Jess wieder in New York City ist und Aussicht hat, Anschluss an die dortige LGBT-Gemeinde zu finden und wieder in einer Gewerkschaft zu arbeiten.
Stone Butch Blues wird meist als genderqueere Erzählung beschrieben. Manchmal wird das Werk als postmodern angesehen, da es Geschlecht als einen Begriff ohne festen Bezug zum Körper darstellt und Jess’ Identität die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ aufbricht. In diesem Sinne geht es darin auch um das Überschreiten von Grenzen und die Suche nach einem Zuhause. Jay Prosser schreibt: „Jess fühlt sich in ihrem weiblichen Körper in dieser Welt nicht zu Hause und versucht, ihn mit Hormonen und Operationen neu zu gestalten.“ Aufgrund ihrer Männlichkeit fühlt sie sich auch in ihrer Herkunftsgemeinschaft nicht zu Hause, weshalb die Suche nach einem Zuhause ebenfalls zu einem Thema wird. Während körperliche Veränderungen Jess helfen, sich in ihrem Körper wohler zu fühlen, fällt es ihr umso schwerer, in der Welt ein Zuhause zu finden. Letztendlich vertritt das Buch eine Haltung der Unterstützung von Bündnissen.
Jess’ Stone Butch-Identität verdeutlicht, in welchem Maße sexuelles Trauma die eigene Sexualität beeinflussen kann. Die erste Erwähnung von Jess’ Stone Butch-Identität erfolgt bei ihrer ersten sexuellen Begegnung mit Angie, die Jess sagt, sie sei „schon stone“, nachdem Jess negativ auf Angies Versuche reagiert hat, sie auf sexuelle Weise zu berühren. Im Vorfeld dieser Begegnung hat Jess Vergewaltigungen durch gleichaltrige Jungen und Polizeibeamte erlebt. Jess gesteht Angie, dass sie verletzt wurde, kann aber nicht über die Details sprechen. Ihre Schwierigkeit, sich gegenüber Femmes sowohl sexuell als auch emotional zu öffnen, ist ein Zeichen für das sexualisierte Trauma, das sie sowohl in jungen Jahren als auch im Laufe ihres Lebens durch Polizeibrutalität erlebt hat.
Stone Butch Blues ist zudem ein Roman über die Arbeiterklasse. Ein Großteil der Handlung spielt in Fabriken in Buffalo, New York. Der Roman befasst sich intensiv mit gewerkschaftlichem Engagement und thematisiert die Behandlung von Menschen aus der Arbeiterklasse. Feinberg zeigt zudem, wie Geschlecht und Klasse sich überschneiden und Jess’ Identität prägen, indem sie ihr Unbehagen gegenüber den Feministinnen aus der Mittelschicht schildert, die sowohl die „Butch“- als auch die „Femme“-Identität verachten, die in Jess’ eigener Arbeiterklasse-Gemeinschaft als Norm gelten. Cat Moses schreibt: „Stone Butch Blues ist geprägt von einer unterschwelligen Sehnsucht nach der Entwicklung eines revolutionären Klassenbewusstseins im Proletariat, über Geschlechts- und Rassengrenzen hinweg.“
Stone Butch Blues findet seit vielen Jahren großes Lob. Laura Sackton von Book Riot nannte es eines der vierzig besten Queer-Bücher aller Zeiten und beschrieb es als „die Art von queerer, trans-Erzählung, die wir dringend brauchen: ehrlich, befreiend und lebenswichtig“. Die New York Public Library hat es in ihre Liste der 125 Lieblingsbücher aufgenommen und es als Vorreiter einer „neuen Bewegung der politischen Identität und Solidarität von Transgender-Personen“ bezeichnet, „die sich in den 1990er Jahren herausbildete“. Auch The Guardian führte Stone Butch Blues als eines der „Top 10 Transgender-Bücher“ auf.
Feinberg behandelt in ihrem Roman Themen rund um Gewerkschaftsarbeit und politischen Aktivismus in ihrem eigenen Leben, wodurch Stone Butch Blues nicht nur ein LGBT-Werk, sondern auch ein politisches Werk ist. Der Roman ist zudem für viele Gewerkschaftsaktivisten ein bedeutendes Werk und wird bei Autostraddle als unverzichtbare Lektüre zur LGBT-Arbeitsgeschichte aufgeführt. Wie Diane Anderson-Minshall in The Advocate erwähnt, unterstreichen Jess’ Beziehungen im Laufe des Romans zudem die historische Bedeutung von „Femme“-Sexarbeiterinnen innerhalb lesbischer Gemeinschaften.
Stone Butch Blues gilt in LGBT-Kreisen als Kultklassiker und erfreut sich auch über 30 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung weiterhin großer Beliebtheit. In der Michael C. Weidemann LGBTQ Library, die über 9.000 Bücher beherbergt, ist Stone Butch Blues „ständig ausgeliehen“. LGBT-Menschen finden oft Trost in dem Gefühl der „düsteren Hoffnung“, das der Roman vermittelt und das den Kern der queeren Selbsterhaltung bildet. Allerdings wurde das Buch auch als Roman diskutiert, der über die LGBT-Community hinaus gelesen werden sollte. Josephine Livingstone erklärte: „Stone Butch Blues, der Meilenstein ihrer Karriere, ist in jeder Hinsicht ein sehr gutes Buch“, und es lohne sich, es zu lesen, „wenn man mittleren Alters oder älter ist oder ein Teenager, der sich noch nicht entschieden hat, was er einmal werden will“. Nach Feinbergs Tod im Jahr 2014 erlangte das Buch erneut mediale Aufmerksamkeit und wurde unter anderem in Slate, The Guardian, Jezebel sowie auf CNN erwähnt.
Der Roman wurde erstmals 1993 bei Firebrand Books veröffentlicht und 2003 von Alyson Books übernommen. Eine Ausgabe zum 20-jährigen Jubiläum erschien 2014. Eine kostenlose E-Book-Ausgabe ist derzeit auf Feinbergs Website verfügbar. Feinberg bat darum, die Jubiläumsausgabe zum 20-jährigen Bestehen kostenlos zur Verfügung zu stellen, als „Teil ihres gesamten Lebenswerks als Kommunistin, um im Kampf für Gerechtigkeit und Befreiung von Unterdrückung ‚die Welt zu verändern‘“.
Stone Butch Blues war 1994 Finalist des Lambda Literary Award in der Kategorie „Lesbische Belletristik“ und teilte sich den Preis in der Kategorie „Small Press Books“ mit Sojourner: Black Gay Voices in the Age of AIDS. Außerdem gewann es 1994 den Stonewall Book Award.