Sylvain Kahn

Sylvain Kahn (1916)

Sylvain Kahn (* 17. Juli 1857 in Schirrhoffen, Elsass; † 3. Dezember 1929 in Amsterdam) war ein elsässischer Kaufmann jüdischer Herkunft. Zusammen mit seinem späteren Schwager Sally Berg gründete er 1882 das Amsterdamer Modehaus Hirsch & Cie am Leidseplein, dessen Direktion er bis zu seinem Tod angehörte.

Leben

Herkunft und Ausbildung

Kahn stammte aus einer jüdischen Familie in Schirrhoffen im Unterelsass. Nach der Annexion des Elsass durch das Deutsche Reich 1871 verließ er wie viele Elsässer seine Heimat. Mit etwa vierzehn Jahren begann er eine Lehre im Brüsseler Modehaus von Léo Hirsch, wo er den gleichaltrigen Westfalen Sally Berg kennenlernte. 1881 leitete er dort bereits den Stoffeinkauf. Sein Schwerpunkt war Seide, die er unter anderem bei dem Seidenfabrikanten Claude-Joseph Bonnet in der Gegend von Lyon bezog.

Hirsch & Cie

Das erste Geschäftshaus von Hirsch & Cie am Leidseplein (Mitte), 1899

In einem Interview mit dem Nieuwe Rotterdamsche Courant schilderte Kahn 1928 die Anfänge. Im April 1882 sei er für das Brüsseler Haus nach Holland gereist, um Schneiderinnen Seidenstoffe zu verkaufen. Die Holländerinnen seien so schlecht gekleidet gewesen, dass er sich wie in China gefühlt habe. Weil er aber große Aufträge erhielt, telegrafierte er Berg, sie sollten statt des geplanten Großhandels ein eigenes Geschäft in Amsterdam eröffnen. Am letzten Tag seiner Reise fand er am Leidseplein ein Haus, das gerade für einen Klavierhändler eingerichtet wurde. Den Standort, damals noch am Stadtrand, hielten viele für verfehlt. Kahn wollte jedoch nach Pariser Vorbild ein Geschäft an einem Platz, auf dem die Kutschen der Kundinnen warten konnten. Léo Hirsch stellte das Startkapital sowie Firmennamen und Geschäftsmodell gegen eine Gewinnbeteiligung zur Verfügung. Das Geschäft eröffnete am 25. September 1882.

Schon vor der Eröffnung hatte ein Betrüger am Singel ein Zimmer gemietet, dort ein Schild mit der Aufschrift „Provisorisches Büro von Hirsch & Cie“ angebracht und diese Adresse bei Post und Spediteuren angegeben. Auf diese Weise fing er Waren im Wert von dreißig- bis vierzigtausend Gulden ab. Kahn erstattete Anzeige, suchte noch am selben Abend den Staatsanwalt auf und erreichte einen Haftbefehl. Der Mann wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Wegen der großen Nachfrage holte Kahn in den ersten Wochen zwanzig bis dreißig Näherinnen aus Brüssel.

Nach dem Nachruf im Algemeen Handelsblad war Berg vor allem für die Modelle zuständig. Kahn, ein Kenner der Seidenindustrie, reiste jedes Jahr zum Einkauf ins Ausland, führte außerdem die Verwaltung, pflegte den Kontakt zur Kundschaft und bildete das Personal streng, aber gerecht aus. Die Anzeigen der Firma schrieb er selbst; 1928 behauptete er, Hirsch habe als erstes Haus der Branche überhaupt Werbung gemacht. Zu den Kundinnen gehörte Königin Emma; Königin Wilhelmina ließ sich die Kollektionen in der Regel in ihrem Palast vorführen.

Drecoll

1895 kauften Kahn und Berg das Wiener Modehaus Drecoll, dem sich Kahn zunehmend widmete. Als Drecoll 1902 ein Haus in Paris eröffnete, wurde Kahn dort Generaldirektor; zwei Angestellte aus Amsterdam übernahmen die laufende Leitung. In Amsterdam führte nun Berg die Geschäfte. Das neue Geschäftshaus am Leidseplein nach Plänen des Architekten Alphons Jacot wurde im November 1912 eröffnet. Nach Bergs Tod 1924 trat Kahns ältester Sohn Bernard Arnold Kahn in die Direktion ein. Noch 1928 erinnerte sich Kahn, dass er in den ersten Jahren oft bis Mitternacht oder länger im Büro gesessen habe. Einen freien Samstagnachmittag kenne die Firma bis heute nicht.

Familie

Porträt von Baruch Lopes Leão de Laguna, 1922

Am 29. Mai 1885 heiratete Kahn in Köln Bergs jüngere Schwester Julie Berg (1861–1935). Das Paar hatte fünf Kinder: Bernard Arnold (1886–1941), Caroline Alice (1887–1972), Henri René (1888–1970), Salomon Paul (1892–1893) und Sophie Marthe (1893–1943). Bis 1898 wohnte die Familie über dem Geschäft. Danach bezog sie zusammen mit Berg das Haus P.C. Hooftstraat 183 am Vondelpark, das die beiden Teilhaber 1897 von A. F. Insinger gekauft hatten. Für die Familie Kahn wurde ein Flügel mit eigenem Eingang an der Van Eeghenlaan angebaut; nach Bakker und Huyser stammten die Pläne von Jacot. Da die Kinder von Geburt an Niederländer waren, vermuten Bakker und Huyser eine frühe Einbürgerung Kahns, fanden dafür aber keinen Nachweis. 1922 malte ihn Baruch Lopes de Leao Laguna; das Bild befindet sich im Joods Museum in Amsterdam.

Sylvain Kahn starb am 3. Dezember 1929 im Alter von 72 Jahren in Amsterdam. Die Nachrufe beschrieben ihn als Wohltäter, der im Stillen half, sowohl Einrichtungen als auch Einzelnen, die sich an ihn wandten. Der Vorstand der Pensionskasse des Personals von Hirsch & Cie würdigte ihn in seiner Todesanzeige als denjenigen, der die Grundlagen der Kasse gelegt und ihre Gründung ermöglicht hatte. Eine große Menschenmenge folgte dem Sarg zum jüdischen Friedhof in Muiderberg.

Zwei seiner Kinder kamen im Holocaust ums Leben. Bernard Arnold Kahn wurde im Januar 1941 von der deutschen Besatzungsmacht verhaftet und starb im KZ Buchenwald. Sophie Kahn wurde über das Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz deportiert und starb dort 1943. Henri René Kahn überlebte den Krieg im Versteck und führte das Geschäft danach weiter.

Literatur

Commons: Sylvain Kahn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

  1. ↑ Das Nederlandsch Economisch-Historisch Archief gibt für seine Zeit bei Hirsch in Brüssel die Jahre 1873 bis 1882 an.
  2. ↑ An anderer Stelle nennen Bakker und Huyser November 1882 als Eröffnungsdatum.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 Theo Bakker, Bram Huyser: Hirsch & Cie en het Leidseplein. (PDF) S. 11–19, 40, 45–48, abgerufen am 15. Oktober 2026 (niederländisch).
  2. 1 2 3 Sylvain Kahn (1857–1929). In: Ondernemers geportretteerd. Nederlandsch Economisch-Historisch Archief, archiviert vom Original am 28. April 2016; abgerufen am 15. Oktober 2026 (niederländisch).
  3. 1 2 3 4 De dagtaak van den mode-gebieder Sylvain Kahn. In: Nieuwe Rotterdamsche Courant. 9. Juni 1928 (niederländisch, Delpher).
  4. 1 2 3 Stadsnieuws. Sylvain Kahn †. In: Algemeen Handelsblad. 4. Dezember 1929 (niederländisch, Delpher).
  5. 1 2 Familieberichten. In: Algemeen Handelsblad. 4. Dezember 1929 (niederländisch, Delpher).
  6. 1 2 Sylvain Kahn. In: Nieuw Israëlietisch Weekblad. 6. Dezember 1929 (niederländisch, Delpher).
Personendaten
NAME Kahn, Sylvain
KURZBESCHREIBUNG elsässisch-niederländischer Kaufmann, Mitgründer von Hirsch & Cie in Amsterdam
GEBURTSDATUM 17. Juli 1857
GEBURTSORT Schirrhoffen, Elsass
STERBEDATUM 3. Dezember 1929
STERBEORT Amsterdam