Synoptisches Problem

Das Synoptische Problem oder die synoptische Frage betrifft die Erklärung der Übereinstimmungen und der Unterschiede in den Texten der ersten drei Evangelien des Neuen Testaments (synoptische Evangelien). Eine vergleichende Gegenüberstellung als Synopse zeigt, dass diese kanonisierten Evangelien – Matthäus, Markus und Lukas – viele Textpassagen gemeinsam haben, doch an manchen Stellen hinsichtlich Wortlaut, Reihenfolge und Stoffauswahl der Erzählungen voneinander abweichen.

Das Synoptische Problem ist ein klassisches Problem der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft. Die jeweilige Antwort auf das Synoptische Problem beeinflusst in hohem Maße die Auslegung (Exegese) der drei Evangelien (siehe auch Narrative Exegese). Dies betrifft insbesondere Redaktionsgeschichte und Formgeschichte der drei Schriften sowie darüber hinaus die Rekonstruktion von Leben und Predigt des historischen Jesus von Nazaret und ebenso Aspekte der frühesten Kirchengeschichte (Urchristentum).

Das Problem der kanonischen, synoptischen Evangelien steht darüber hinaus in Beziehung zu den Manuskripten (Liste der Papyri des Neuen Testaments) aus der späten Antike bzw. Spätantike. Die Handschriften als historische Quellen sowie als sprachliche Zeugnisse oder als Textzeugen literarischer Texte in ihrer Überlieferung weisen besonders viele Textvarianten auf. Viele dieser Varianten können plausibel als Fehler im Abschreibeprozess interpretiert werden. Eine ganze Reihe von Varianten geht aber eindeutig auf „redaktionelle“ Eingriffe in die Texte zurück.

Der Befund

Statistische Angaben: Tony Honoré, 1968

Im Einzelnen sind folgende Sachverhalte zu erklären:

Um diese Zusammenhänge und Verhältnisse zu erklären, werden verschiedene Hypothesen diskutiert; keine der vorgeschlagenen Lösungen vermag sämtliche Phänomene befriedigend zu beantworten.

Lösungsansätze

Bereits im 18. Jahrhundert wurde von Johann Gottfried Herder angenommen, dass die Gemeinsamkeiten auf einem Stock mündlicher Überlieferungen beruhten. Johann Karl Ludwig Gieseler legte 1818 eine ausgearbeitete Traditionshypothese vor. In den 1950er Jahren griff Rudolf Bultmann wieder auf Herders Ansatz zurück; in der Gegenwart vertreten unter anderem Armin Daniel Baum und James D. G. Dunn die Traditionshypothese.

Die meisten Forscher sind allerdings von einer literarischen Abhängigkeit zwischen den synoptischen Evangelien überzeugt. Im Laufe der literarkritischen Forschung wurde die dreifache gemeinsame Überlieferung im Wesentlichen auf vier verschiedene Weisen erklärt:

Um die zweifache gemeinsame Überlieferung zu erklären, gibt es die folgenden Ansätze:

Lösungsvorschläge

In der neutestamentlichen Wissenschaft wurden rund zehn Hypothesen zur Lösung des Synoptischen Problems vorgeschlagen und diskutiert. Einige davon wurden weiter modifiziert. Die Lösungsvorschläge lassen sich in zwei Hauptgruppen einteilen: Entweder geht man von einem gemeinsamen Grundbestand an Überlieferungen aus (schriftlich oder mündlich) oder von einer literarischen Abhängigkeit unter den Evangelien. Dabei wurde die Redaktionsgeschichte, als Teil der Historisch-kritische Methode zu einer hervorstechenden Methode der Synoptikerexegese.

Modelle mit gemeinsamem Traditionsbestand

Benutzungshypothesen

Die meisten Theorien nehmen an, dass die späteren Evangelisten die Werke der früheren kannten und verwendeten. Daher spricht man von Benutzungshypothesen.

Literatur

Einleitungen in das NT

Studien zum Synoptischen Problem

Anmerkungen

  1. ↑ Anthony M. Honoré: A Statistical Study of the Synoptic Problem. In: Novum Testamentum. Bd. 10, Nr. 2/3, 1968, ISSN 0048-1009, S. 95–147, JSTOR:1560364. Probleme dieser Statistik werden diskutiert von John J. O’Rourke: Some Observations on the Synoptic Problem and the Use of Statistical procedures. In: David E. Orton (Hrsg.): The Synoptic Problem and Q. Selected Studies from Novum Testamentum (= Brill’s Readers in Biblical Studies. 4). Brill, Leiden 1999, ISBN 90-04-11342-8, S. 127–150, hier S. 134.
  2. ↑ James D. G. Dunn: Christianity in the Making, Vol. 1: Jesus Remembered, William B. Eerdmans, Grand Rapids 2003, S. 193.
  3. ↑ Udo Schnelle: Antidoketische Christologie im Johannesevangelium. Eine Untersuchung zur Stellung des vierten Evangeliums in der johanneischen Schule. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, ISBN 3-525-53823-5, S. 49
  4. ↑ Daniel Marguerat: De Jésus aux Évangiles. In: Daniel Marguerat (Hrsg.): Introduction au Nouveau Testament. Son histoire, son écriture, sa théologie (= Le Monde de la Bible. 41). 4e édition revue et augmentée. Labor et Fides u. a., Genf u. a. 2008, ISBN 978-2-8309-1289-0, S. 11–30, hier S. 35.
  5. ↑ Ferdinand Christian Baur: Kritische Untersuchungen über die kanonischen Evangelien: ihr Verhältniss zu einander, ihren Charakter und Ursprung. L. F. Fues, Tübingen 1847.
  6. ↑ H. G. Jameson: The Origin of the Synoptic Gospels. Blackwell, Oxford 1922
  7. ↑ William Lockton: The Origin of the Gospels. In: Church Quarterly Review 94 (1922), S. 216–239.
  8. ↑ David Laird Dungan (Hrsg.): The Interrelations of the Gospels: a Symposium Led by M É Boismard, W R Farmer, F Neirynck, Jerusalem 1984. Bibliotheca Ephemeridum Theologicarum Lovaniensium 95, Leuven Univ. Pres, Louvain, Belgium 1990, S. 125–230, Reproduktion Ithaca, NY: Snow Lion Publications, 2002. Articles and Essays Authored
  9. ↑ Udo Schnelle: Einführung in die neutestamentliche Exegese. /. Auflage, UTB 1253, Vandenhoeck & Rubprecht, Göttingen, ISBN 978-3-8252-1253-7, S. 91
  10. ↑ William Lockton: The Origin of the Gospels. In: The Church Quarterly Review. Bd. 94, Nr. 188, 1922, S. 216–239 (Digitalisat).
  11. ↑ Matthias Klinghardt: Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien. Untersuchung – Rekonstruktion – Übersetzung – Varianten. 2 Bände. Francke, Tübingen 2015, ISBN 978-3-7720-8549-9, S. 22, S. 175 f., S. 191.
  12. ↑ Christian Gottlob Wilke: Der Urevangelist oder exegetisch kritische Untersuchung über das Verwandtschaftsverhältniß der drei ersten Evangelien. Gerhard Fleischer, Dresden/Leipzig 1838
  13. ↑ Ulrich Bauer: Das synoptische Problem und die Zweiquellentheorie. Bibel und Kirche, 54. Jahrgang 2. Quartal 2/1999, S. 54–62; PDF, 5,45 MB, 76 Seiten (Memento vom 17. Februar 2019 im Internet Archive) abgerufen auf Bibelwerk.de.
  14. ↑ Burnett Hillman Streeter: The Four Gospels, a Study of Origins treating of the Manuscript Tradition, Sources, Authorship, & Dates. (1924), 4th Revised Edition, Macmillan and Co., London 1930.
  15. ↑ Matthias Klinghardt: Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien. Untersuchung – Rekonstruktion – Übersetzung – Varianten. 2 Bände. Francke, Tübingen 2015, ISBN 978-3-7720-8549-9, S. 191.