Talbot-Effekt

Monochromatischer Talbot-Effekt: Die Schlitze eines im Lichtstrahl befindlichen Kamms (Periode 1 mm) wiederholen sich 1,5 m vom Kamm entfernt. (Durch die Kameraperspektive sind die Streifen teilweise schräg)

Der Talbot-Effekt ist bei Nahfeld-Beugung an einem (Beugungs-)Gitter sichtbar: Die Helligkeitsverteilung in bestimmten Talbot-Abständen hinter einem Gitter entspricht genau der Struktur des Gitters selbst. Der Effekt wurde 1836 von William Henry Fox Talbot mit einem feinen Strahl Sonnenlicht entdeckt.

Beschreibung

Grundlegender Aufbau (Lichtquelle ist rechts unten)
Illustration zum Talbot-Effekt. Das Gitter der Periode d ist schwarz eingezeichnet Die schwarzen Punkte bedeuten Intensitätsmaxima.

Im grundlegendsten Fall (siehe Illustration) wird ein Gitter von ebenen monochromatischen Wellen (beispielsweise ein aufgeweiteter Laserstrahl) bestrahlt:

Für die Talbot-Distanz LTalbot gilt bei einer Beleuchtung mit der Wellenlänge λ≪d:

LTalbot=2d2λ

Der Effekt ist für Wellenlängen völlig verschiedener Größenordnungen nutzbar, weil eine Änderung von λ um den Faktor x durch eine Änderung der Gitter-Periode d um lediglich x kompensiert werden kann (bei unverändertem Talbot-Abstand).

Der einfache Ausdruck 2d2λ ist eine Näherung, wenn die Strukturgröße (Gitterperiode) viel größer als die Wellenlänge ist. Der allgemeingültige Ausdruck lautet:

LTalbot=λ1−1−λ2/d2

Abgrenzung

Wird der Talbot-Abstand wesentlich unter- oder überschritten, dominieren andere Effekte. Bei kürzeren Abständen, wie Objekten aus der Alltagswelt (z. B. Kämme), beobachten wir oft aus zu kurzen Entfernungen, in denen der Schattenwurf dominiert. Bei längeren Abständen hingegen entsteht Fraunhofer-Beugung, bei welcher das Licht jeweils als ein einziger Strahl in bestimmte Richtungen strahlt. In der Alltagswelt entspricht das dem Betrachten einer CD.

Anwendungen

Der Talbot-Effekt wird in der Forschung angewendet:

Varianten

Flächige polychromatische Lichtquelle: Die Farben entstehen durch Wellenlängenabhängigkeit. Im oberen Teil ist ein schwarzes Raster aufgedruckt, so dass eine Schwebung entsteht.
Polychromatische mit Phasengitter, in dem Lichtstrahlen um eine halbe Wellenlänge verzögert werden. (Dem Bild fehlt Blau, weil das Gitter (eine Plastikfolie) in gelblichem Öl schwimmt)

Herleitung

Geometrische Herleitung: Es gibt konstruktive Interferenz am Punkt LTalbot/4. Hier wird d/λ als Steigung und als Anzahl von Steigungsdreiecken interpretiert.

Schmale Spalten

Betrachtet wird der Fall der monochromatischen ebenen Lichtwelle (Wellenlänge λ). Das Gitter habe Periode d, der Abstand zum Schirm sei L.

Vorüberlegung Taylor-Entwicklung 1. Ordnung:

f(x)≈f(x0+Δx)=f(x0)+Δx⋅f′(x0), angewendet auf die Wurzel liefert:
f(x)≈x=x0+Δx=x0+Δx/(2x0).

Wir vergleichen einen direkten Lichtstrahl (der senkrecht zum Gitter verläuft, k=0) der Länge L mit einem, der eine Gitterspalte weiter oben oder unten durch das Gitter tritt (Länge L2+d2, k=1). Konstruktive Interferenz tritt auf, wenn der Längenunterschied z. B. λ ist:

ΔL=L2+d2−L≈L2+d22L2−L=d22L:=λ

Ergebnis:

  • Diese konstruktive Interferenz tritt bei L=d2/(2λ)=LTalbot/4 auf. (Die geometrische Herleitung in der Zeichnung zeigt diese Situation.)
  • Die Verlängerung des Weges ist quadratisch mit der Gitterspalte k=0,1,2,…: L2+(k⋅d)2−L≈k2d2/(2L)=k2λ. Damit interferiert Licht aller Gitterspalten konstruktiv im selben Punkt.

Bei anderen Entfernungen L sind die Verhältnisse leicht anders. Dies kann am Beispiel L=LTalbot/2=d2/λ gezeigt werden. Das Bild am Schirm ist um d/2 versetzt, der Strahl durch einen der beiden direkt benachbarten Spalten ±0,5 hat die Länge L2+(0,5d)2, die Strahlen der nächst-entfernteren Spalten ±1,5 die Längen L2+(1,5d)2.

Der Weglängenunterschied zwischen den Spalten n+1,5 und n+0,5 ist dann

ΔL=L2+(n+1,5)2d2−L2+(n+0,5)2d2
ΔL=(n+1,5)2d2−(n+0,5)2d22L=(n2+3n+2,25−n2−n−0,25)d22L=(2n+2)d22L=(n+1)λ

Die Unterschiede der Weglängen sind damit auch wieder Vielfache von λ und es tritt konstruktive Interferenz auf.

Der Gitterabstand d bestimmt die Lage der konstruktiven Interferenzen bei Mehrfachspalten. Die Spaltbreite s gibt bei 1/s die Lage der ersten Nullstelle der Einhüllenden der Interferenzmaxima an und bestimmt damit deren Anzahl. Das Drei-Gitter Talbot-Lau Atominterferometer von John Clauser verwendet die Gitterperiode d=16,2μm und ein Öffnungsverhältnis von s/d=18.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Henry Fox Talbot: LXXVI. Facts relating to optical science. No. IV. In: The London and Edinburgh Philosophical Magazine and Journal of Science. Band 9, Nr. 56, 1836, §2 Experiments on Diffraction, S. 401–407 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. ↑ R. F. Edgar: The Fresnel Diffraction Images of Periodic Structures. In: Optica Acta: International Journal of Optics. Band 16, Nr. 3, 1969, S. 281–287, doi:10.1080/713818186.
  3. ↑ ESRF X-Ray Phase Contrast, ESRF (Europäische Synchrotron-Strahlungsquelle) 2002
  4. ↑ ESRF X-Ray Phase Contrast: Versteinerte Insekten, ESRF 2006
  5. ↑ ESRF X-Ray Phase Contrast: Gehirnschnitte, ESRF 2008
  6. ↑ Franz Pfeiffer, Timm Weitkamp, Oliver Bunk, Christian David: Phase retrieval and differential phase-contrast imaging with low-brilliance X-ray sources. In: Nature Physics. Band 2, Nr. 4, April 2006, S. 258–261, doi:10.1038/nphys265.
  7. ↑ Michael S. Chapman u. a.: Near-field imaging of atom diffraction gratings: The atomic Talbot effect. In: Physical Review A. Band 51, Nr. 1, 1. Januar 1995, S. R14–R17, doi:10.1103/PhysRevA.51.R14.
  8. ↑ Stefan Gerlich u. a.: Quantum interference of large organic molecules. In: Nature Communications. Band 2, 5. April 2011, S. 263, doi:10.1038/ncomms1263.
  9. ↑ Mathias Tomandl: Realisierung von optischen Talbot- und Talbot-Lau-Teppichen. Diplomarbeit, Universität Wien, 2010.
  10. ↑ Iizuka, Keigo: Engineering Optics -. 2. Auflage. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg New York 1987, ISBN 3-540-17131-2, S. 86.
  11. ↑ John F. Clauser, Shifang Li: Talbot-vonLau atom interferometry with cold slow potassium. In: Physical Review A. Band 49, Nr. 4, 1. April 1994, ISSN 1050-2947, S. R2213–R2216, doi:10.1103/PhysRevA.49.R2213 (aps.org [abgerufen am 13. Januar 2023]).