| Tapeti | ||||||||||||
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Tapeti (Sylvilagus brasiliensis), Aufnahme aus der Nähe von Porto Seguro | ||||||||||||
| Systematik | ||||||||||||
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| Wissenschaftlicher Name | ||||||||||||
| Sylvilagus brasiliensis | ||||||||||||
| (Linnaeus, 1758) |
Das Tapeti oder Brasilien-Waldkaninchen (Sylvilagus brasiliensis) ist eine Art der Baumwollschwanzkaninchen (Sylvilagus), die in Brasilien beheimatet ist. Der Name stammt aus dem Guaraní und bedeutet Kaninchen. Allgemeinsprachlich werden in Brasilien, Paraguay und dem nördlichen Argentinien alle dort heimischen Waldkaninchen Tapeti (sprich: tapīti) bzw. in spanischer und guaranischer Schreibweise Tapiti genannt. Seit 2017 werden die meisten dieser Kaninchen aber taxonomisch nicht mehr der spezifischen Art S. brasiliensis zugeordnet.
Es handelt sich um eine relativ kleine Kaninchenart, die Kopf-Rumpf-Länge beträgt durchschnittlich 37,5 Zentimeter, der Schwanz ist 2 Zentimeter lang, die Hinterfußlänge beträgt etwa 5,8 Zentimeter und das Gewicht liegt im Schnitt bei 950 Gramm. Das Fell entspricht dem anderer waldbewohnender Baumwollschwanzkaninchen. Das dichte ca. 22 mm lange Rückenfell ist agoutifarben, das heißt die Haare sind gebändert mit einer schwarzen Basis, einem gelbbraunen bis orangen mittleren Abschnitt und einer schwarzen Spitze. Die ca. 10 mm hohe Unterwolle ist weiß bis grau. Ein Fleck im Nacken ist orange bis rostfarben. Die Außenseiten der Ohren sind an der Basis dicht behaart, zur Spitze hin, wo die Haut sichtbar wird, wird die Behaarung spärlicher. Die Innenseiten der Ohren sind nur leicht behaart und zeigen orange-rötliche, beige und weiße Tönungen. Die Hinterfüße sind auf der Oberseite überwiegend weiß.
Die taxonomisch seit 2017 von den übrigen brasilianischen und zentralsüdamerikanischen Waldkaninchen abgegrenzte und als Tapeti bezeichnete Kaninchenart kommt in den Restfragmenten des Atlantischen Regenwaldes im Nordosten Brasiliens vor und lebt dort vor allem in der Nähe von Waldrändern und in der Nähe von Wasserläufen. Eventuell hängt dies mit der höheren Luftfeuchtigkeit und der Sonnendurchlässigkeit dieser Gebiete zusammen, die günstig für das Wachstum von Kräutern, Gräsern und der Unterholzvegetation ist, die wichtige Nahrungsquellen für diese Art darstellen. Regionen, in denen es viele verwilderte Haushunde gibt, werden gemieden. Tapetis ernähren sich hauptsächlich von Früchten, Blättern, Wurzeln und Samen. Das Fressverhalten variiert je nach Jahreszeit und Nahrungsangebot und je nach Verfügbarkeit kann die Art ihre Ernährung anpassen. Während der Regenzeit, wenn Früchte reichlich vorhanden sind, sind die Tiere häufiger im Innern der Wälder. In der Trockenzeit halten sie sich hingegen auf Nahrungssuche vermehrt an Waldrändern auf. Mögliche Nahrungskonkurrenten sind das Paka und das Schwarzsteißaguti. Bekannte Fressfeinde des Tapetis sind der Tayra, der Ozelot und andere Wildkatzen, sowie Hundeartige wie der Maikong oder verwilderte Haushunde.

Als Erster beschrieb und zeichnete Georg Marggraf das von ihm sogenannte Tapeti brasiliensibus während seines Aufenthalts auf dem niederländischen Stützpunkt Moritzstadt (heute Recife, Pernambuco) an der brasilianischen Nordostküste. Der schwedische Zoologe Carl von Linné, der sich auf Marggrafs Angaben stützte, gab diesem Kaninchen 1758 den wissenschaftlichen Namen Lepus brasiliensis. Wie zur damaligen Zeit üblich wurde kein Holotyp festgelegt und als Verbreitungsgebiet wurde ganz Südamerika angegeben, was zur Folge hatte, dass in den folgenden 200 Jahren zahlreiche südamerikanische Kaninchenpopulationen als Unterarten des Tapetis klassifiziert wurden.
Erst im Jahr 2017 wurden für das Tapeti ein Neotypus und eine Terra typica festgelegt. Dabei bezog man sich auf die Tatsache, dass das von Marggraf beobachtete Exemplar, das Linnés Beschreibung zugrunde liegt, in der Nähe von Recife gelebt haben muss und die auf Linné zurückgehende Generalisierung dieses Typs für fast ganz Südamerika der biologischen Realität nicht entspricht. Die von Oldfield Thomas 1911 erwogene Möglichkeit, als Neotypus die von dem belgisch-brasilianischen Naturforscher Alphonse Robert 1903 gesammelten Exemplare aus der Gegend von Lamarão im halbtrockenen Binnenland (Sertão) des brasilianischen Bundesstaates Bahia festzulegen, verfolgte er aus systematischen Gründen nicht weiter. Daher wird die Typuslokalität heute in einem kleinen, zum Atlantischen Regenwald gehörenden Waldgebiet in der Nähe der Stadt Paudalho im Bundesstaat Pernambuco verortet. Demnach gehören nur noch die Baumwollschwanzkaninchen im Nordosten Brasiliens zu Sylvilagus brasiliensis. Das Verbreitungsgebiet hat die Form eines schmalen Streifens, der knapp südlich von Recife beginnt und dann entlang der brasilianischen Küste nach Süden verläuft, wie weit nach Süden ist bislang noch nicht sicher.
Der Name tapiti (portugiesisch tapeti geschrieben) ist die im Guaraní und ähnlichen, heute vielfach ausgestorbenen Tupí-Sprachen seit Jahrtausenden übliche Benennung von Waldkaninchen (Erstbeleg 1540). Allerdings existieren im Nordosten Brasiliens, wo die 2017 abgegrenzte Art Sylvilagus brasiliensis lebt, heute keine Tupí-Sprachen mehr. Damit kollidiert die taxonomische Nomenklatur mit dem Alltagsprachgebrauch, weil der Trivialname Tapeti nun primär mit einer Art verbunden wird, die in einer Gegend lebt, wo dieser Name nicht verwurzelt ist, während die in Südbrasilien, Paraguay und dem Gran Chaco heimischen Kaninchen der Gattung Sylvilagus in den Sprachen, die in ihrem Lebensraum gesprochen werden (sowohl Guaraní als auch Portugiesisch und Spanisch), immer schon Tapeti bzw. Tapiti genannt wurden, woran sich auch nach 2017 nichts geändert hat.
Die ehemals dem Tapeti zugeordneten Unterarten der nordwestlichen Anden gelten heute als eigenständige Arten, da sie sich sowohl hinsichtlich der Morphologie als auch der Genetik deutlich vom nordostbrasilianischen Tapeti unterscheiden. Es handelt sich um Sylvilagus andinus, Sylvilagus apollinaris, Sylvilagus fulvescens, Sylvilagus sanctaemartae und Sylvilagus surdaster. Mehrere Unterarten (S. b. capsalis, S. b. chillae, S. b. chotanus, S. b. kelloggi) wurden mit dem Anden-Waldkaninchen Sylvilagus andinus synonymisiert. Von den in Südbrasilien und Zentralsüdamerika verbreiteten Arten ist das 1913 von Thomas erstbeschriebene Zwergtapeti Sylvilagus tapetillus aus dem südlichen Abschnitt des Atlantischen Regenwalds im Bundesstaat Rio de Janeiro seit 2017 wieder als eigenständige Spezies etabliert, während andere Populationen unberücksichtigt blieben und derzeit keiner Art zugeordnet werden können. Sie werden vorläufig weiter als Unterarten von Sylvilagus brasiliensis geführt. Dazu gehört neben dem brasilianischen Minas-Gerais-Waldkaninchen Sylvilagus (brasiliensis) minensis, dessen Trivialname ebenfalls weiter Tapeti lautet, vor allem das paraguayische Waldkaninchen Sylvilagus (brasiliensis) paraguensis, das im einheimischen Sprachgebrauch tapiti genannt wird und das einzige in Paraguay autochthone hasenartige Tier ist; außerdem das vorwiegend im Gran Chaco in Nordargentinien und Südbolivien lebende, nach dem britisch-argentinischen Naturforscher Ernest Gibson (1855–1919) benannte Gibson-Waldkaninchen Sylvilagus (brasiliensis) gibsoni und einige weitere:

Die IUCN beurteilt den Bestand des Tapetis in Nordostbrasilien als stark gefährdet. Der dort heute noch vorhandene Lebensraum ist nur 400 bis 700 km² groß und wird weiter durch zunehmende Bebauung eingeschränkt. Etwa 95 % des Waldes im ursprünglichen Lebensraum sind verloren.