Tenshu

Die 12 erhaltenen originalen Tenshu verschiedener japanischer Burgen

Tenshu (天守, 天主, 殿主 oder 殿守), auch Tenshukaku (天守閣) oder Dai-Tenshu (大天守) genannt, bezeichnet einen Turmtyp innerhalb japanischer Burganlagen. Der Tenshu ist in der Regel leicht als der höchste Turm einer Burg zu erkennen. Er wird häufig mit dem europäischen Bergfried oder Donjon verglichen.

Etymologie

Die erste bekannte Verwendung des Begriffs Tenshu findet sich im Tagebuch des Yoshida Kanemi, dem Kanemi kyōki, im Eintrag zum 24. Tag des 12. Monats des 3. Jahres der Genki-Ära (27. Januar 1573):

„明智為見廻下向坂本…城中天主作事以下悉披見也、驚目了…
Ich verließ die Hauptstadt mit Akechi Mitsuhide in Richtung Sakamoto, um dort eine Besichtigung durchzuführen … In der Mitte der Burg Sakamoto sahen wir, dass ein 'Tenshu' (天主) errichtet wurde, und waren sehr erstaunt …“

Wiederaufbau des Tenshu der Burg Himeji im frühen 17. Jhd.

Spätere Erwähnungen im Kanemi kyōki und in anderen Primärquellen, darunter das Tennoji-ya kaki, das Tamonin nikki sowie Briefe von Oda Nobunaga und Toyotomi Hideyoshi, aus den 1570er Jahren geben Aufschluss über zwei Aspekte der Entstehung des Begriffs:

Erstens war die Bezeichnung zunächst denjenigen Burgen vorbehalten, die unmittelbar von Nobunaga oder einem seiner Vasallen kontrolliert wurden. Dazu gehörten die Burgen Sakamoto, Takatsuki, Nijō von Ashikaga Yoshiaki, Azuchi, Itami, Kitanosho, Yamazaki, Nagahama, Ishigakiyama Ichiyoru und Yodo.

Zweitens gab es bei den frühesten Verwendungen noch keine einheitliche Schreibweise des Begriffs. Zu den frühesten Varianten gehören 天主 ‚Herr des Himmels‘, 殿主 ‚Herr des Palastes/Anwesens‘ und 殿守 ‚Beschützer des Palastes/Anwesens‘. Die erste bekannte Verwendung der heute üblichen Schreibweise 天守 ‚Beschützer des Himmels‘ findet sich in einem von Nobunaga ausgestellten Brief vom 27. Tag des 10. Monats des 7. Jahres der Tenshō-Ära (15. November 1579). Während sich diese Schreibweise während der Herrschaft Toyotomi Hideyoshis allmählich als Standard durchsetzte, wird bei bestimmten Burgen weiterhin die ältere Schreibweise bevorzugt. Ein wichtiges Beispiel ist der Tenshu der Burg Azuchi, der gewöhnlich als 天主 bezeichnet wird.

Aufbau

Ostseite der Burg Osaka (2023)

Tenshu sind typischerweise als Holzständerkonstruktionen ausgeführt, besitzen mehrere Geschosse, stehen auf Fundamenten aus Trockenmauerwerk (Ishigaki), und die einzelnen Geschosse werden durch umlaufende, mit Ziegeln gedeckte Dachtraufen voneinander abgegrenzt. In der Regel sind sie drei-, vier- oder fünfgeschossig. Darüber hinaus sind Tenshu typischerweise mit unterschiedlich angeordneten Giebeln mit Dachgauben (Chidori-hafu) verziert und werden von Walmdächern mit Giebeln (Irimoya-hafu) abgeschlossen, deren Firstenden mit Shachihoko bekrönt sind. Nicht alle japanischen Burgen besaßen ursprünglich einen Tenshu (z. B. die Burg Sendai), viele bekannte Burgen haben ihren Tenshu verloren (z. B. Burg Nijō, Edo-jō), während bei vielen anderen der Tenshu mehrfach neu errichtet wurde (z. B. Burg Nagoya, Burg Ōsaka).

Obwohl sowohl der Begriff Tenshu als auch die Herausbildung des Tenshu als eigenständiger Bautyp in den 1560er und 1570er Jahren erfolgten, ist das frühe Verhältnis zwischen der Etymologie und dem Bautyp bislang nicht eindeutig geklärt.

Grundrisstypen

Besteht der Tenshu-Komplex aus mehreren Tenshu so wird der Haupttenshu oftmals als Dai-Tenshu (大天守) und der untergeordnete bzw. kleinere Tenshu als Ko-Tenshu (小天守) bezeichnet.

Die Grundrissgestaltung eines Tenshu-Komplexes lässt sich in vier Hauptformen unterteilen:

Freistehender Tenshu der Burg Uwajima

Freistehender Tenshu (1.)

Ein Tenshu, der frei steht. Auch wenn ein Yagura, ein japanischer Wachturm, oder ein kleiner Ko-Tenshu angegliedert ist, können solche Anlagen teilweise noch als freistehender Tenshu angesehen werden, sofern der Zugang zu diesen direkt vom Tenshu aus erfolgt.

Beispiele: Burg Kōchi, Burg Maruoka, Burg Uwajima.

Kombinierter Tenshu (2.)

Ein Tenshu, an den direkt ein Tsuke-Yagura, ein Nebenturm, angebaut ist. Durch die Verbindung mit dem Tsuke-Yagura werden zusätzliche Möglichkeiten geschaffen, den Feind anzugreifen. Häufig dient der Tsuke-Yagura gleichzeitig auch als Zugang zum Tenshu.

Beispiele: Burg Hikone, Burg Matsue, Burg Okayama.

Verbundener Tenshu (3.)

Ein Tenshu, der durch einen überdachten Verbindungsgang oder einen Tamon-Yagura mit einem kleinen Ko-Tenshu oder einem Yagura verbunden ist. Bei der Burg Nagoya besteht anstelle eines Verbindungsturms ein von Erdwällen eingefasster Erdwallsteg.

Beispiele: Burg Kumamoto, Burg Yatsushiro, Burg Fukuchiyama.

Tenshu-Anlage mit mehreren Türmen (4.)

Eine Anlage, bei der ein Dai-Tenshu mit mehreren kleinen Ko-Tenshu oder Yagura durch Verbindungstürme ringförmig verbunden ist. Ein repräsentatives sowie bekanntes Beispiel ist die Burg Himeji. Diese Form gilt als die komplexeste und am stärksten befestigte. Da der Zugang zum Tenshu über einen von Gebäuden umschlossenen Innenhof erfolgt, konnten angreifende Feinde von allen vier Seiten bekämpft werden.

Beispiele: Burg Himeji, Burg Matsuyama, Burg Takatori, Burg Wakayama.

Weitere Formen

Tenshu-Komplex der Burg Matsumoto vom Honmaru aus

Fukugō-renketsushiki (複合連結式)

Eine Kombination aus der kombinierten und der verbundenen Form. Beispiele: Burg Kumamoto, Burg Fukuchiyama, Burg Matsumoto, Burg Okazaki.

Fuku-renketsushiki (複連結式)

Eine Form, bei der ein Tenshu mit mindestens zwei kleinen Ko-tenshu oder Yagura jeweils einzeln durch Tamon-Yagura oder Brücken verbunden ist. Die Ko-Tenshu bzw. Yagura sind untereinander nicht verbunden. Beispiel mit zwei Ko-Tenshu: Burg Hiroshima; Beispiel mit zwei Yagura: Burg Ōzu.

Kanritsushiki (環立式)

Eine seltene Variante des verbundenen Tenshu: Dabei befindet sich auf einer großen zentralen Tenshu-Plattform ein Dai-Tenshu, während an den vier Ecken Sumi-Yagura, Ecktürme, angeordnet und durch Tamon-Yagura miteinander verbunden sind. Beispiele: Burg Sumpu in ihrer Ausführung aus der Keichō-Zeit, Burg Yodo.

Funktion

Die japanische Burg entwickelte sich allmählich von einer rein militärisch geprägten Anlage mit einem als Wachturm dienenden Tenshu vom Typ Bōrōgata tenshu (望楼型天守), der auf einem Wohngebäude errichtet war, zu einem Bauwerk, das vor allem die Macht, die Autorität sowie die Pracht ihres Besitzers symbolisierte. Die meisten Burgen der Edo-Zeit wurden während einer mehr als zwei Jahrhunderte währenden Friedensperiode (Pax Tokugawa) errichtet. Überlieferungen über frühere Kriege legen jedoch nahe, dass die Verteidiger, sobald die äußeren Befestigungsanlagen einer Burg durchbrochen waren, es im Allgemeinen vorzogen, die verbliebenen Gebäude in Brand zu setzen und sich zum Kampf bis in den Tod nach außen zu stürzen, anstatt in einem fragilen Tenshu weiterzukämpfen.

Frühste Beispiele

Ruinen des Tenshu der Burg Azuchi

Die Geschichte des Tenshu als eigenständigem Bautyp scheint früher begonnen zu haben als die Verwendung des Begriffs. Die Türme der Burg Tamonyama (Anfang der 1560er Jahre erbaut) und der Burg Gifu (1568 erbaut) wiesen nachweislich die baulichen Merkmale eines Tenshu auf, werden in den zeitgenössischen Quellen jedoch als Yagura, ein japanischer Wachturm, bezeichnet.

Der Burg Azuchi wird häufig die Entstehung des Tenshu zugeschrieben. Angesichts der frühesten Verwendungen der Bezeichnung erscheint es jedoch wahrscheinlicher, dass Azuchi eine entscheidende Rolle bei der Verknüpfung des Bautyps mit der Bezeichnung spielte.

Erhaltung

Tenshu der Burg Maruoka

Diese Bauwerke erwiesen sich als anfällig für Feuer, Erdbeben und Krieg. Hunderte von ihnen wurden in der Endphase der Einigungskriege der Sengoku-Zeit um die Wende zum 17. Jahrhundert zerstört oder abgetragen. Andere wurden abgerissen (z. B. Burg Ishigakiyama Ichiya), stürzten aufgrund mangelnder Instandhaltung ein oder brannten während der Meiji-Restauration in den 1860er Jahren ab. Von den 19 Tenshu, die bis ins 20. Jahrhundert erhalten geblieben waren, wurden sechs während der alliierten Luftangriffe auf Japan im Zweiten Weltkrieg zerstört. Ein weiterer, der Burgturm der Burg Matsumae, wurde 1949 durch einen Brand zerstört. Viele Tenshu wurden jedoch in der Neuzeit wiederaufgebaut, darunter die Burg Ōsaka 1931, die Burg Hiroshima 1958 und die Burg Ōzu 2004.

Insgesamt sind in Japan 12 Burgen mit original erhaltenem Tenshu vor Ende der Edo-Zeit erhalten geblieben:

Burg Hirosaki Burg Matsuyama (Bitchū)
Burg Matsumoto Burg Matsue
Burg Inuyama Burg Marugame
Burg Maruoka Burg Kōchi
Burg Hikone Burg Matsuyama (Iyo)
Burg Himeji Burg Uwajima

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1 2 天守と本壇. In: 松山城. Abgerufen am 2. September 2026 (japanisch).
  2. 1 2 3 4 tenshu 天守. In: Japanese Architecture and Art Net Users System (JAANUS). Abgerufen am 21. August 2026 (englisch).
  3. ↑ Daitenshu 大天守. In: Japanese Architecture and Art Net Users System (JAANUS). Abgerufen am 16. September 2026 (englisch).
  4. ↑ dokuritsu tenshu 独立天守. In: Japanese Architecture and Art Net Users System (JAANUS). Abgerufen am 21. August 2026 (englisch).
  5. 1 2 fukugō tenshu 複合天守. In: Japanese Architecture and Art Net Users System (JAANUS). Abgerufen am 21. August 2026 (englisch).
  6. ↑ renketsu tenshu 連結天守. In: Japanese Architecture and Art Net Users System (JAANUS). Abgerufen am 21. August 2026 (englisch).
  7. ↑ renritsu tenshu 連立天守. In: Japanese Architecture and Art Net Users System (JAANUS). Abgerufen am 21. August 2026 (englisch).
  8. ↑ List of 12 Original Main Towers. In: Japan Castle Explorer. Abgerufen am 31. August 2026 (englisch).
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