
The Wipers Times war eine so genannte „Schützengrabenzeitung“, (engl.: Trench magazine) die von britischen Soldaten herausgegeben wurde, welche während des Ersten Weltkriegs im Frontbogen von Ypern kämpften. Es handelte sich dabei nicht um eine offizielle, von der British Army oder einer anderen militärischen Dienststelle initiierte Publikation, sondern um eine, in kompletter Eigenregie, von den Soldaten des Sherwood Foresters Infanterieregiment verfasste und produzierte Zeitung, in der die Soldaten – ohne den Eingriff von Zensurbehörden – ihr Leben mit Satire, Gedichten und Galgenhumor thematisierten. Der Name der Zeitung leitet sich von der unter britischen Soldaten gebräuchlichen Aussprache des Namens Ypern ab.
Die Sherwood Foresters (Nottinghamshire and Derbyshire Regiment) waren ein Linieninfanterieregiment der britischen Armee, das knapp 90 Jahre lang, von 1881 bis 1970, bestand. Das 1. Bataillon landete im November 1914 als Teil der 24. Brigade der 8. Division in Le Havre, um an der Westfront zu kämpfen. Das 2. Bataillon landete bereits im September 1914 als Teil der 18. Brigade der 6. Division in Saint-Nazaire, ebenfalls für den Einsatz an der Westfront. Später folgten weitere Teileinheiten des Regiments nach Frankreich und Belgien. Andere Abteilungen kämpften zwischenzeitlich in Gallipoli und Italien.
Anmerkung: In der englischen Wikipedia findet sich für Interessierte ein sehr ausführlicher Artikel zu der Einheit (siehe unten bei Weblinks)
Für das Verstehen und Einordnen der Inhalte von The Wipers Times ist das Berücksichtigen des Schützengraben- und Gaskrieges, der unvorstellbaren Materialschlachten mit dem infernalischen Trommelfeuer, und der ständigen Lebensgefahr unerlässlich, die das Dasein der Soldaten total bestimmten.
Anfang 1916 stieß das 12. Bataillon der „Sherwood Foresters“, das an der Front bei Ypern (Belgien) stationiert war, auf eine zurückgelassene Druckerpresse. Ein Sergeant, der im Zivilleben als Drucker gearbeitet hatte, setzte sie wieder instand und druckte eine Probeseite. Der Name der Zeitung leitet sich von der unter britischen Soldaten gebräuchlichen Aussprache des Namens Ypern ab.
Unter dem ursprünglichen Titel „The Wipers Times“ oder „Salient News“ (übersetzt etwa „Frontbogen Neuigkeiten“) erschien die erste Ausgabe am 12. Februar 1916 mit einer Auflage von einhundert Exemplaren. Es folgten weitere 22 Ausgaben, meist bestehend aus je 12 Seiten.
Während Größe (ca. 27,8 cm × 18 cm) und Layout des Magazins gleich blieben, änderte sich die Gestaltung der Titelseite mehrmals. Frühere Titel blieben im Untertitel in chronologischer Reihenfolge aufgeführt, zum Beispiel: „The B.E.F. Times“ (B.E.F = British Expeditionary Force). Dazu gehören The Wipers Times, The New Church Times, The Kemmel Times und The Somme-Times. Jede Änderung des Haupttitels führte zu einer neuen Band- und Heftreihenfolge und als Ergebnis gibt es mehrere Ausgaben von „Band 1, Nummer 1“.
Die Veröffentlichung wurde nach dem Februar 1918 durch die deutsche Offensive an der Westfront in diesem Jahr verzögert, aber am Ende des Krieges wurden zwei Ausgaben unter dem Titel „The Better Times“ veröffentlicht. Die zweite davon wurde als „Xmas, Peace und Final Number“ angekündigt.

Die Namen der an der Zeitung beteiligten Personen sind größtenteils nicht überliefert. Chefredakteur war Captain (später Lieutenant-Colonel) Frederick John Roberts, MC; stellvertretender Redakteur war Lieutenant (später Lieutenant-Colonel) John Hesketh („Jack“) Pearson, DSO, MC.
Ein bekannter Mitarbeiter der Zeitung war der Artillerist Gilbert Frankau, ein beliebter britischer Romanautor. Ebenfalls erwähnenswert sind die Stiche von E. J. Couzens; sein Porträt eines kinnlosen Zugführers, der seinen Stock umklammert und sich fragt: „Bin ich so offensiv, wie ich sein könnte?“ („Am I as offensive as I might be?“), wurde zum Leitmotiv der Zeitung. Die meisten anderen Mitwirkenden aus der Division verwendeten Pseudonyme – manche sind heute kaum noch bekannt, andere dienten dazu, zeitgenössische Zeitungskommentatoren wie William Beach Thomas (von der Daily Mail) oder Hilaire Belloc zu persiflieren, und wieder andere waren ironisch gemeint, wie etwa „P.B.I.“ (für Poor Bloody Infantry – „die arme verdammte Infanterie“).
Die Zeitung enthielt Gedichte, Reflexionen, augenzwinkernde Insiderwitze sowie satirische Seitenhiebe auf die militärische Lage, in der sich die Division befand. Insgesamt pflegte die Zeitung einen humorvoll-ironischen Stil, wie man ihn heute in satirischen Publikationen wie The Duffel Blog (einem US-amerikanischen satirischen Nachrichtenportal mit militärischem Schwerpunkt, die satirische Artikel zu Themen der nationalen Sicherheit und des US-Militärs veröffentlicht). Private Eye, Le Canard enchaîné und The Onion wiederfindet.
Die Umschlagseiten der Ausgaben bestanden größtenteils aus fingierten Werbeanzeigen, die aufwendig gesetzt waren – oft als kriegsbezogene Varieté-Spektakel. Ähnliche Anzeigen fanden sich zudem auf den Innen- und Rückseiten des Umschlags.
Die kleine Anzeige: THE THREE SISTERS HUN-Y und ihr Song „Star Shells softly falling“ (linke Spalte im rechten Bild) beinhaltet den Ethnophaulismus „the huns“ (die Hunnen) für Deutsche (nach der Hunnenrede) und der Songtitel heißt übersetzt „Signalraketen fallen sanft“…
Es gab auch Angebote für Aufenthalte an ungewöhnlichen Orten wie den Stadtwällen und für Waffen wie den Flammenwerfer und sogar für die gesamte Frontlinie des Ypernbogens.
Die alltäglichen Sorgen der Schützengrabensoldaten finden sich in den Artikeln wieder, mal explizit, mal als Insiderwitze, die Außenstehenden verborgen bleiben.
Die harte, grausame Realität des Lebens in den Schützengräben dringt selten durch die vom Herausgeber als „hysterische Heiterkeit“ bezeichnete Fassade der Zeitung, doch wenn sie zum Vorschein kommt, ist der Galgenhumor deutlich und mag aus heutiger Sicht herzlos oder sarkastisch erscheinen. Ein Beispiel dafür ist ein Zitat aus einem Artikel einer britischen Tageszeitung über einen missglückten Grabenangriff, gefolgt von einem bissigen Kommentar des Herausgebers von The Wipers Times:
„…Sie kletterten in den Graben und überraschten den Wachposten, doch leider versagte der Revolver, der ihm an den Kopf gehalten wurde. Man versuchte, ihn leise zu erwürgen, doch er schlug Alarm und musste getötet werden.“ – Dies betrachten wir als echtes Pech für den Wachposten nach den vorangegangenen heldenhaften Bemühungen, ihn am Leben zu erhalten.
Ein weiterer solcher Bericht aus der Kolumne „Wörtliche Auszüge aus Geheimdienstberichten“ lautet wie folgt:
„Um 22:00 Uhr feuerte die „Flying Pig“ einen Schuss in unsere Frontlinie bei X 9 D 5 2 ab. Der Schützengraben wurde völlig zerstört – der entstandene Krater war 4,3 Meter tief und 7,6 Meter breit. Es ist tröstlich zu wissen, dass in der letzten Woche über 40 Schuss aus dieser Kanone auf die feindlichen Schützengräben abgefeuert wurden.“ – (Sehr tröstlich für den P.B.I.)
Selbst das Wetter blieb nicht verschont, wenn man den Vorhersagen Glauben schenken wollte:
„5 zu 1 für Nebel – 11 zu 2 für Ostwind oder Frost – 8 zu 1 für Chlorgas“
Ein Großteil der von den Soldaten der Division eingereichten Beiträge bestand aus Gedichten. Manche waren gut, andere waren eher holprige Versuche, und gelegentlich fanden sich sogar exzellente Stücke – doch nicht alles davon war willkommen. Die vierte Ausgabe enthielt den folgenden Hinweis der Redaktion:
Wir müssen leider mitteilen, dass eine heimtückische Krankheit in der Division um sich greift: ein regelrechter Sturm von Gedichten. Man hat bereits Offiziere gesehen, die mit einem Notizbuch in der einen und einer Handgranate in der anderen Hand gedankenverloren am Stacheldraht entlangwandeln – ganz vertieft in den Austausch mit ihrer Muse. Selbst Quartiermeister, die eigentlich mit der Erfassung von „Notizbüchern“ und „Kopierstiften“ beschäftigt sein sollten, verfallen plötzlich in lyrische Ergüsse, während sie über die Zuteilung von „Oberschenkel-Gummistiefeln“ debattieren. Die Redaktion wäre den Dichtern sehr verbunden, wenn sie sich hin und wieder auch einmal in Prosa versuchen würden – schließlich kann eine Zeitung nicht allein von Gedichten leben.
Dennoch nahmen Gedichte einen beträchtlichen Teil des Platzes in der Zeitung ein. Zwei typische Beispiele finden sich hier.
| Englisches Original | Deutsche Übersetzung |
|---|---|
| Realizing Men must laugh, Some Wise Man devised the Staff: Dressed them up in little dabs Of rich variegated tabs:
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Da man wusste, dass Männer lachen müssen, erdachte ein Weiser den Stab – und schmückte ihn aus mit bunten Streifen, (= Rangabzeichen) die in allen Farben leuchten:
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The world wasn't made in a day, And Eve didn't ride on a bus, But most of the world's in a sandbag, The rest of its plastered on us. |
Die Welt entstand nicht an einem Tag, und Eva fuhr nicht mit dem Bus, doch ein Großteil der Welt steckt im Sandsack, der Rest klebt an uns – wie Putz. |
Die Zeitung war gefüllt mit kurzen Absätzen, einspaltigen Artikeln und Rubriken wie „Menschen, vor denen wir den Hut ziehen“ (häufig die Franzosen), „Was wir wissen wollen“, „Antworten an unsere Leser“ und kleinen Anzeigen. Einige waren ganz offensichtlich als Parodien zu erkennen:
Anderes wiederum war für Außenstehende ohne den entsprechenden Kontext nicht zu verstehen:
Die Inhalte von The Widers Times waren stark von der damaligen Soldatensprache und den (teilweise verballhornten) Akronymen der militärischen Komandosprache geprägt.
Es scheinen nur wenige Originalausgaben erhalten zu sein, was angesichts der Umstände ihrer Entstehung und Verbreitung nicht verwunderlich ist. Das In Flanders Fields Museum in Ypern besitzt ein Originalexemplar der ersten Ausgabe vom 12. Februar 1916. Die British Library hält Originalexemplare mehrerer Ausgaben: 31. Juli 1916, 1. Dezember 1916 und 26. Februar 1918.
Anfang 1918 erschien ein Buch mit Faksimiles der ersten fünfzehn Ausgaben von „The Wipers Times“. 1930 wurde die gesamte Reihe in einem Band veröffentlicht. Diese Ausgabe wurde 1973 und erneut 1988 (mit Einleitung und Anmerkungen) nachgedruckt. Eine weitere Auflage erschien 2006.
2026 kündigte Talbot House ein neues Faksimile-Projekt an, nachdem die Original-Druckauflagen der „Wipers Times“ von Captain Frederick Roberts erworben worden waren. Laut Talbot House umfasst das Projekt die Reproduktion aller 23 Ausgaben anhand von Roberts’ kommentierten Auflagen, einschließlich Zensurstempeln, redaktionellen Anmerkungen und den ursprünglichen Rechtschreibvarianten. Die Ausgaben sollen 110 Jahre nach ihrem ursprünglichen Erscheinen jeweils zum entsprechenden Erscheinungsdatum veröffentlicht werden und enthalten einen neu recherchierten historischen Kommentar.
Unter der Bezeichnung „The Fritz Times“ gab es eine einmalige, satirische Sonderausgabe der The Wipers Times, die im Februar 2016 von der deutschen Tageszeitung Die Welt (Axel Springer SE) herausgegeben wurde. Genau 100 Jahre nach der ersten Ausgabe der Wipers Times brachte die Redaktion der Welt die achtseitige Sonderausgabe „The Fritz Times“ heraus. Der Name „Fritz“ bezog sich mit britischem Humor auf den traditionellen Spitznamen, den britische Soldaten ihren deutschen Widersachern gaben. Die Zeitung erschien kurz vor dem britischen EU-Referendum. Sie wurde dem englischen Daily Telegraph beigelegt sowie in Flandern verteilt. Das erklärte Ziel war es, den Briten mit einer gehörigen Portion Humor zu zeigen, dass Deutschland eng mit ihnen verbunden ist, um sie so – im Zuge der Kampagne gegen den Brexit – zum Verbleib in der Europäischen Union zu bewegen.
2013 strahlte die BBC ein von, dem Satiriker Ian Hislop, und seinem Kollegen, dem satirischen britischen Karikaturisten und Komödienautoren Nick Newman geschriebenes Fernsehrdama aus. Captain Fred Roberts wurde von Ben Chaplin und Lieutenant Jack Pearson von Julian Rhind-Tutt gespielt, in Nebenrollen waren Michael Palin, Ben Daniels und Emilia Fox zu sehen.
Im September 2016 feierte eine Bühnenadaption von „The Wipers Times“ im Watermill Theatre in Newbury Premiere. Das Drehbuch stammte von Ian Hislop und Nick Newman und basierte auf einer Fernsehfassung. 2017 sollte die Produktion für eine Spielzeit (März–Mai 2017) ins Londoner West End, genauer gesagt ins Arts Theatre, wechseln. Am Wochenende des Remembrance Day lief das Stück im Theatre Royal in Glasgow. Im Februar 2018 wurde eine Tournee durch Großbritannien für August bis Dezember 2018 angekündigt.