Die stochastischen Texte, die Theo Lutz im Jahre 1959 erzeugte, indem er einen Algorithmus für eine von Konrad Zuse konstruierte Z22 programmierte, sind frühe Beispiele computergenerierter Poesie.
Leben und Beruf
Lutz studierte Mathematik, Physik und Elektronik in Stuttgart und Tübingen und war ab 1959 bei der Standard Elektrik Lorenz AG, Stuttgart-Zuffenhausen beschäftigt. Ab 1966 war er Mitarbeiter von IBM Deutschland, wo er 1982 Leiter der Abteilung Grundsatzfragen bzw. Produktprognosen in Stuttgart wurde, wo er sich unter anderem mit der Technologiefolgenabschätzung befasste. Lutz war ein Schüler des Philosophen Max Bense und stand in Kontakt zur Stuttgarter Gruppe/Schule.
Theo Lutz starb 2010 nach langen Jahren der Demenz.
Zehn mal 2010
Lutz stellte 1987 zehn Thesen zur Entwicklung des Computers bis zum Jahre 2010 auf:
These 1: „Bis zum Jahre 2010 wird der Computer ein weit verbreitetes Werkzeug sein. Der Mensch hat sich daran gewöhnt, dass der Computer nützlich ist, aber auch daran, dass ihm der Computer in vielen Bereichen überlegen ist, und dass man nicht mehr auf ihn verzichten kann und will. – Typisch für heute ist, dass wir keinerlei Gefühl dafür haben, welche Bereiche dies sein werden.“
These 2: „Die Jahre bis zum Jahre 2010 werden vor allem in unseren Büros bestimmt sein durch eine Befreiung des Menschen von einem erheblichen Teil an ‚informeller Kommunikation‘, die zügiger und produktiver über geeignete Medien formell abgewickelt werden kann.“
These 5: Diese These sagte eine „umgangssprachliche“ Kommunikation in Schrift und Stimme zwischen Mensch und Computer voraus.
These 9: „Auch im Jahre 2010 wird die aufgeklärte und demokratische Gesellschaft ihre spezifischen Ängste haben, aber sie werden wenig mit dem Computer zu tun haben. Themen wie ‚Angst vor Überwachung‘, ‚Jobkiller‘, ‚Datenschutz‘ u.a. werden nicht mehr im Zusammenhang mit dem Computer gesehen. Datenschutz wird als Bürgerrecht akzeptiert und respektiert sein.“
These 10: „Bis zum Jahre 2010 wird sich ein gewisses Verständnis dafür entwickelt haben, ob der Computer mehr ist als nur eine Filiale des Gehirns oder ein Intelligenzverstärker. Alles spricht dafür, dass Begriffe wie ‚Künstliche Intelligenz‘ bis zum Jahre 2010 stark relativiert und auf ihren rein technischen, werkzeughaften Sinn reduziert sind. Eine Symbiose zwischen dem biologischen Gehirn und dem technischen Computer bleibt eine Fiktion.“
Rezeption
Auf der Ausstellung „low tech art“ des Festivals für digitale Kunst und Musik < die digitale dusseldorf > präsentierten 2017 der Mathematiker und Informatiker Frank Spiess und der Germanist und Künstler Peter Michael Witt die Installation „first & latest computer poems“. Sie nutzten Lutz’ Algorithmus zur Erzeugung stochastischer Texte, um ihn mit aktuellen Twitter-Ausgaben zu versorgen; die dadurch erzeugten Gedichte wurden an eine Wand projiziert.
Werke
Zum „Problem des Cicero“. In: Ludwig Harig, Elisabeth Walth (Hrsg.): muster möglicher welten, eine Anthologie für Max Bense (Festschrift für Max Bense zum 60. Geburtstag). voner, Wiesbaden 1970, S. 105–110.
(mit Rolf Lohberg:) Keiner weiß, was Kybernetik ist. Franckh Verlag, Stuttgart 1968.
(mit Volker Hauff:) Programmierfibel. Eine verständliche Einführung in das Programmieren digitaler Rechenautomaten. Telekosmos-Verlag, Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart 1966 (2., durchgesehen Auflage).
↑The Present [Future] of Electronic Literature in Transdisciplinary Digital Art: Sound, Vision and the New Screen, Communications in Computer and Information Science (CCIS), Volume 7, R. Adams, S. Gibson and S. Müller Arisona, Springer.
↑Rolf Lohberg/Theo Lutz, Was denkt sich ein Elektronengehirn?, Stuttgart: Franckh’sche Verlagshandlung 1963, S. 4.
↑Werner Pillig, Peter Michael Witt (Hrsg.):sechs. eine dokumentation über sechs jahre (die digitale dusseldorf). 1. Auflage. Kettler, Dortmund 2022, ISBN 978-3-86206-953-8, S.224.