
Thilo Schoder (* 12. Februar 1888 in Weimar; † 8. Juli 1979 in Kristiansand, Norwegen; vollständiger Name: Karl Wilhelm Thilo Schoder) war ein deutscher, später norwegischer Architekt. Er war in der Zeit der Weimarer Republik in Gera tätig und prägte in der Zeit des Neuen Bauens die Architektur und die Kulturszene der Stadt. 1932 siedelte er nach Norwegen über und setzte dort seine Arbeit als Architekt fort.
Thilo Schoder wuchs als jüngstes von fünf Kindern des Gastwirts Christian Bernhard Schoder (1842–1912) und seiner Frau Therese Amalie geb. Iwan in Weimar auf. Seine Mutter war väterlicherseits russischer Abstammung, ihr Großvater war Anfang des 19. Jahrhunderts im Gefolge der Großherzogin Maria Pawlowna nach Weimar gekommen. Schoders ältere Schwester war die Opernsängerin Marie Gutheil-Schoder, die von 1900 bis 1927 Mitglied der Wiener Hofoper war. Schoder besuchte das Gymnasium bis zur Obersekunda und wurde auf Vermittlung seiner Schwester im Oktober 1906 Privatschüler des Architekten und Designers Henry van de Velde. Von Oktober 1907 bis Juli 1911 studierte er Innenarchitektur an der von van de Velde gegründeten Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar, der Vorgängerinstitution des Bauhauses, zuletzt als Meisterschüler van de Veldes. Nach seinem Abschluss 1911 war er Hospitant an der Großherzoglich Sächsischen Baugewerkenschule Weimar bei dem damaligen Direktor Paul Klopfer. Er ging im Anschluss für einige Monate nach Wien, wo er ein Volontariat bei Josef Hoffmann als Zeichner absolvierte, in der Modeabteilung der Wiener Werkstätte arbeitete und sich parallel erfolglos mit einem eigenen „Atelier für Architektur, Inneneinrichtung und Kunstgewerbe“ in der Metropole zu etablieren versuchte. Schoder kehrte 1912 nach Weimar zurück, um als Assistent im Atelier seines Lehrers Henry van de Velde zu arbeiten. In der Wohnung seiner 1912/13 verstorbenen Eltern eröffnete er ein „Atelier für Architektur, Innendekoration und Kunstgewerbe“, das auch nach seiner Übersiedlung nach Gera als Filiale erhalten blieb.
Im Januar 1916 wurde Schoder für die Karosseriebaufirma Golde in Gera als künstlerischer Beirat tätig und siedelte nach Gera über. In zwei Büroräumen des Unternehmens richtete er sein Atelier ein. Mit zahlreichen Entwürfen und dem Bau eines Fabrikgebäudes realisierte Schoder die Verbindung von künstlerischer und industrieller Produktion. Im September 1917 wurde er zum Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg einberufen und diente als Kanonier und Zeichner im Schallmesstrupp 100 an der Westfront. Nach Ende des Krieges entwickelte sich Schoder zu einem bedeutenden Architekten des Neuen Bauens im Osten Thüringens. Er wurde 1919 in den Deutschen Werkbund und 1922 in den Bund Deutscher Architekten berufen.
Schoders Atelier und Wohnsitz in Gera befand sich ab Mitte 1920 im ehemaligen Fürstlichen Kavaliershaus am Prinzenplatz 1 (heute Biermannplatz) in Gera-Untermhaus. Mit der von ihm 1920 gegründeten „Arbeitsgemeinschaft zur Erkenntnis und Förderung expressionistischer Kunst und Kultur“ wurde er zur zentralen Figur der künstlerischen Avantgarde in der Stadt, indem er Künstler und Förderer der modernen Kunst zu Gesprächsrunden, Vorträgen, Lesungen oder Kammermusikabenden um sich scharte. Zu diesem nach außen streng abgeschotteten Kreis gehörten unter anderem der Rechtsanwalt Rudolf Paul, der Arzt und Schriftsteller Kurt Gröbe, der Erbprinz Heinrich XLV. Reuß, der Theaterintendant Walter Bruno Iltz, der Dirigent Heinrich Laber, der Textilfabrikant Paul Schulenburg, die Kaufhausbesitzerfamilie Biermann mit der Fotografin Aenne Biermann, der Maler Kurt Günther und der Geologe und Privatgelehrte Rudolf Hundt.
1929/30 bemühte sich Schoder um die Nachfolge Otto Bartnings als Direktor der Staatlichen Bauhochschule Weimar, der Nachfolgeeinrichtung des Bauhauses. Die Pläne scheiterten, als die Schule von der Baum-Frick-Regierung in ihrer bisherigen Form zerschlagen wurde.
Von 1920 bis zur Scheidung 1926 war Schoder mit der tschechisch-jüdischen Schauspielerin Margarete („Marxeda“) Lichnovský (1896–1982) verheiratet. In zweiter Ehe heiratete er 1928 die norwegische Sopranistin Bergljot Brandsberg-Dahl (1904–1984), die nach der Eheschließung den Namen Schoder-Dahl annahm. Aus beiden Ehen ging jeweils ein Sohn hervor.
Im März 1932 gab Schoder sein Büro wegen Auftragsmangels infolge der Weltwirtschaftskrise auf und emigrierte Ende des Jahres nach Norwegen, dem Heimatland seiner zweiten Ehefrau. Die ersten Jahre verbrachte er im Haus seiner Schwiegereltern in Flekkefjord. Obwohl sich die Verhältnisse in seiner Heimat aufgrund der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Januar 1933 grundlegend geändert hatten, versuchte Schoder anfangs noch, als Architekt wieder in Deutschland Fuß zu fassen. 1934 bat er die begeisterte Nationalsozialistin Elisabeth Förster-Nietzsche, die er aus Weimar kannte, brieflich um eine Fürsprache bei Adolf Hitler oder Wilhelm Frick; diese antwortete jedoch, nichts für ihn tun zu können. Im selben Jahr trat er in die Reichskammer der bildenden Künste ein, um den Auftrag für das Wohnhaus seines Bruders Willy Schoder in Frankfurt am Main umsetzen zu können. Die angestrebte Arbeitserlaubnis als Architekt in Norwegen wurde ihm auf Betreiben des norwegischen Architektenverbandes (Norske arkitekters landsforbund, NAL) lange verwehrt und erst 1936 erteilt. In der ersten Zeit nach der Emigration sorgte daher hauptsächlich seine Frau mit ihren Opernengagements für das Familieneinkommen, während Schoder durch Zeitungsartikel und Vorträge zu diesem beizutragen versuchte. Er pflegte Kontakt zu Edvard Munch und besuchte diesen in Ekely. Schoders Vorschlag, einen monumentalen, mehrsprachigen Bildband zu Munchs Kunst herauszubringen, lehnte dieser jedoch strikt ab.
Nach Erteilung seiner Arbeitserlaubnis 1936 eröffnete Schoder ein Architekturbüro in Kristiansand. Ab 1936 war er am Ausbau des Wohngebiets „Hannevik Terrassen“ beteiligt: Er erstellte den Generalbebauungsplan und realisierte mehrere Wohnhäuser. Angesichts der politischen Verhältnisse in Deutschland nahm er 1938 die norwegische Staatsbürgerschaft an. Nach einem Deutschlandbesuch 1938 äußerte er sich in der Tageszeitung Christiansands Tidende moderat kritisch über die Verhältnisse in Deutschland, worauf die Nationalsozialisten ihm 1939 Aufenthaltsverbot für Gera erteilten.
Schoders Anstrengungen, in der norwegischen Architektur mehr Einfluss zu bekommen, wurden durch die deutsche Okkupation Norwegens im Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Nach der deutschen Besetzung Norwegens wurde Schoder 1940 einen Monat durch die Gestapo festgehalten. Danach wurde er zu Planungsarbeiten für die deutsche Wehrmacht in Norwegen verpflichtet. Die politische Rehabilitierung in der Nachkriegszeit ermöglichte Schoder die Aufnahme in die norwegische Architektenkammer. Mit zahlreichen Wohn- und Geschäftshäusern wurde er zum führenden Architekten in Südnorwegen und avancierte zu einem Protagonisten des Sørlandsmodernismus. Das Sørlandet Art Museum widmete Schoder daher im Jahr 2002 eine Ausstellung.
Aufgrund seiner nachlassenden Gesundheit überließ Schoder sein Architekturbüro seit den 1950ern hauptsächlich seinem Sohn Bjørn Schoder, der es 1967 offiziell übernahm. Er starb 1979 im Alter von 91 Jahren in Kristiansand.
Sein Nachlass aus der Zeit vor der Emigration (1932) wird vom Archiv der Akademie der Künste in Berlin verwaltet.




Ihm zu Ehren trägt seit 2009 ein Triebfahrzeug der Geraer Straßenbahn seinen Namen.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Schoder, Thilo |
| ALTERNATIVNAMEN | Schoder, Karl Wilhelm Thilo (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsch-norwegischer Architekt |
| GEBURTSDATUM | 12. Februar 1888 |
| GEBURTSORT | Weimar |
| STERBEDATUM | 8. Juli 1979 |
| STERBEORT | Kristiansand |