Tim Otto Roth (* 17. Mai1974) ist ein deutscherKonzeptkünstler, Komponist und Kunsthistoriker. Er lebt und arbeitet in Oppenau im Schwarzwald und in Köln. In seinen Klanginstallationen und visuellen Arbeiten beschäftigt er sich immer wieder mit Raum. Der Oxforder Kunsthistoriker Martin Kemp resümiert Roths Ansatz, in seinen Arbeiten stets auf neue Weise Kunst und Wissenschaft zu verbinden: „A new art is encoding a new science.“
Ausbildung
Tim Otto Roth wuchs in Oppenau im Schwarzwald auf. Nach dem Grundstudium in den Fächern Philosophie und Politik an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen wechselte Tim Otto Roth 1995 an die Kunsthochschule in Kassel. 2000 macht er dort einen Abschluss in Freier Kunst mit dem Ballet Photogramatique, dem ersten elektronischen Liveschattenbild, das er mit einem Lichtroboter auf einem Videochip kreierte und auch ins Internet streamte. Im Jahr 2001 war er Meisterschüler bei Floris M. Neusüss. 2004 folgte ein Abschluss in der Theorie der visuellen Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel.
Neben einem umfangreichen künstlerischen Werk hat Tim Otto Roth die Theorie weiterverfolgt. 2008 wurde er in den Promotionsstudiengang der Kunsthochschule für Medien Köln aufgenommen, wo er 2014 mit der Arbeit Körper. Projektion. Bild. Eine Kulturgeschichte der Schattenbilder in den Fächern Kunst- und Wissenschaftsgeschichte bei Hans Ulrich Reck und Klaus Hentschel promoviert wurde. Die 500-seitige Dissertationsschrift, in der er anhand von Schattenbildern eine eigene Bildtheorie entwickelt, ist in leicht überarbeiteter Fassung 2015 im Wilhelm Fink Verlag erschienen.
Kunst- und wissenschaftshistorische Forschung
Tim Otto Roth ist der Gründer und Betreiber des Internetportals shadowgraph.org. Dieses versammelt Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die Schatten auf lichtempfindlichen Material festgehalten haben. Eine aktuelle Ausstellungsübersicht und Hinweise zur Forschung ergänzen die Seite. Roth unterrichtete an der Kunsthochschule Kassel und der Folkwang Hochschule in Essen. Er leitete mehrere Symposien wie z.B. mit Peter WeibelDas Photogramm. Licht, Spur und Schatten 2006 am Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Karlsruhe oder dem Physiker Christian SpieringPhysik und Art(eFakt) in der Villa Elisabeth in Berlin. Als Kurator macht er u.a. 2018 mit der Ausstellung Schatten im Blick? im Kölner Wallraf-Richartz-Museum auf sich aufmerksam.
Künstlerisches Schaffen
Mit den Imachinationen schuf Roth 2002 die erste große Projektionsarbeit im Außenraum bereits während seiner Kassler Zeit als Meisterschüler. Die besondere Verbindung von Theorie und Wissenschaft zeigt sich hier in einer begleitenden Interviewserie zum Ort digitaler Bilder. In den folgenden Jahren hat er in Kooperation mit Astro(teilchen)physikern Fragen nach Bild, Farbe und Raum in seinen künstlerischen Arbeiten untersucht. Seine Arbeit I see what I see not wurde dafür 2004 mit dem Medienkunstpreis von ZKM und SWR ausgezeichnet.
Die Natur als das Unsichtbare und kaum Greifbare ist eines von Roths zentralen Themen. Seine daraus hervorgehende Landart unter erweiterten Vorzeichen reicht hier von seinen Licht- und Klanginstallationen, die das Ausgesetztsein der Erde im Weltall anhand der uns allumgebenden kosmischen Strahlung vor Augen und Ohren führt, bis hin zur Fernskulptur NATUR (2022), die rein aus heimischem Holz gefertigt ist und die das Wechselverhältnis von Kultur und Natur im ländlichen Raum des Schwarzwalds auslotet. Immer wieder verweisen seine Arbeiten auf die Beschränktheit der menschlichen Wahrnehmung: Das beginnt mit vermeintlich alltäglichen Begleitern, wie den Schatten, die nicht einfach flach sind, sondern deren versteckte Räumlichkeit Tim Otto Roth u.a. in seinen Schattenbildern und -theatern zum Vorschein bringt. Er zeigt aber auch die weitaus abstrakteren Grenzen unserer Wahrnehmung auf: Aufzeichnungen von allgegenwärtigen unsichtbaren Prozesse im Mikro- bzw. Makrokosmos greift er als „natürliche Partitur“ für seine Lichtinstallationen und mikrotonalen Kompositionen immer wieder auf.
Ein besonderes Augenmerk richtet der im Schwarzwald aufgewachsene Künstler und Komponist auch auf die Komplexität nichtlinearer Systeme, wie sie Klimamodellen, zellulären Automaten oder auch biologischen Nervensystemen zugrunde liegen, um ein Sensorium für unvorhersehbare Interaktionen und Rückkoppelungen in netzwerkartigen Zusammenhängen zu entwickeln.
Elektroakustische Werke
Roth ist aber nicht nur ein Grenzgänger zwischen Kunst und Wissenschaft, sondern auch zwischen den Welten der Bildenden Kunst und der Musik. In seinen seit 2012 entstehenden klangbasierten Werken betont er die räumlich-materielle Dimension des auditiven Erlebens. Indem er zahlreiche Klangkörper physisch im Raum platziert, wandelt sich der Raum zu einem (additiven) Synthesizer, dessen polyphones Klangerlebnis sich ‚interaktiv‘ beim Begehen wandelt, in dem sich Töne der verteilten Tonquellen zu ortsspezifischen Klängen mischen. Die farbige Illumination der Lautsprecher, die die gespielte Frequenz als Farbe oder einen Zustand anzeigt, fügt diesen physischen Klangarbeiten eine visuelle Dimension hinzu und verwandelt Arbeiten wie das aus 444 illuminierten Lautsprechern bestehenden Klanglabor [aiskju:b] oder den rotierenden Klangbeschleuniger Heaven’s Carousel in ein elektroakustisches Musiktheater. Das visuelle und auditive Geschehen wird choreographisch so immer wieder komplementär zusammen gedacht – mitunter sogar durch die Einbeziehung von Tanz.
Die leuchtenden Lautsprecher seiner elektroakustischen Werke sind komplette Eigenentwicklungen seines Studios, das hierfür spezielle energiesparende Mikroelektroniken konzipiert hat. Er bindet aber immer wieder auch traditionelle Techniken mit ein, wie z.B. beim Bau einer Wasserorgelskulptur oder durch die Zusammenarbeit mit Teppichknüpfern in Nordindien bei der nach den Nachbarschaftsregeln eines zellulären Automaten Teppiche mit komplexen Mustern entstehen.
Einzelpräsentationen (Auswahl)
2002 100 Tage – 100 Imachinationen, Kassel
2003 I see, what I see not, Kunstfassade München (in Kooperation mit dem Lenbachhaus)
2005 100 Tage – 100 Imachinationen, Bibliothek von Alexandria
2005 Pixelsex, KPN Telecom Tower, Rotterdam, NL
2005 100 Tage – 100 Imachinationen, ZKM Karlsruhe
2009 Cosmic Revelation, KIT Karlsruhe
2010 From The Distant Past, Palazzo Franchetti, Venedig
2011 From The Distant Past, Maryland Science Center, Baltimore, USA
2011 From The Distant Past, American Museum of Natural History, New York, USA
2014 Heaven’s Carousel, Academia dei Lincei, Rom, Italien
↑Tim Otto Roth:Bild. Körper. Projektion Eine Kulturgeschichte der Schattenbilder. 2015. Auflage. Fink, Wilhelm, Paderborn 2015, ISBN 978-3-7705-5958-9 (shadowgraph.org[abgerufen am 12.Dezember 2021]).
↑Sebastian Baden, Thomas Richter, Miriam Seidler, Barbara Maria Stafford:Tim Otto Roth: Logische Phantasien. Hrsg.: Museen Aschaffenburg. Heidelberg 2020, ISBN 978-3-86828-945-9.
↑Tim Otto Roth:In Search of Textile Roots of Computing: The Genesis of the First MaSo Carpet in India. In: WSPC Book Series in Unconventional Computing. Band02. WORLD SCIENTIFIC, 2022, ISBN 978-981-12-5714-8, S.271–279, doi:10.1142/9789811257155_0014 (worldscientific.com[abgerufen am 3.Mai 2024]).
↑Mark Jenkins:In the galleries: Expect the unexpected as two artists engage in a ‘Surreal Dialogue’. In: Washington Post. 5.Januar 2017, ISSN0190-8286 (washingtonpost.com[abgerufen am 13.Dezember 2021]).
↑Sebastian Baden, Thomas Richter, Miriam Seidler, Barbara Maria Stafford:Tim Otto Roth: Logische Phantasien. Hrsg.: Museen Aschaffenburg. Heidelberg 2020, ISBN 978-3-86828-945-9.