Time Out of Joint

Time Out of Joint (deutsch: Zeit ohne Grenzen, Zeitlose Zeit, Zeit aus den Fugen) ist ein Science-Fiction-Roman von Philip K. Dick. Wie in vielen anderen Werken Dicks erweist sich die scheinbare Wirklichkeit als eine von bösartigen Mächten erzeugte Täuschung. Das Werk erschien ursprünglich 1959 in englischer Sprache, die erste deutsche Übersetzung 1962.

Handlung

In einer scheinbar ganz gewöhnlichen amerikanischen Kleinstadt der 1950er Jahre lebt Ragle Gumm zusammen mit seiner Schwester Margo Nielson, Margos Ehemann Vic Nielson und deren Sohn Sammy. Ragle verdient seinen Lebensunterhalt damit, indem er versucht einen immer wiederkehrenden Zeitungswettbewerb (Wo wird das kleine grüne Männchen heute sein) der lokalen Tageszeitung zu lösen. Jeden Tag muss er aus über 1.200 Möglichkeiten in einem Raster das richtige Feld auswählen, wobei er Tabellen, Diagramme und einen selbstgebauten Scanner nutzt, um Muster in früheren Ergebnissen zu finden. Die Arbeit nimmt ihn von morgens bis abends in Anspruch, und obwohl seine Gewinne ihm ein ausreichendes Einkommen ermöglichen, ist der Druck, seine Siegesserie aufrechtzuerhalten, zu einer erdrückenden Last geworden, der er sich nicht entziehen kann. Während eines Pokerabends bei den Nielsons kommt es zu einer seltsamen Situation. Ragle greift im dunklen Badezimmer nach einer Zugschnur für die Deckenbeleuchtung, die es gar nicht gibt so als stamme sein Verhalten aus einer Zeit, an die er sich nicht mehr erinnern kann.

Ragle erlebt weitere beunruhigende Situationen. Eines Nachmittags beobachtet er, wie sich ein Getränkestand ins Nichts auflöst und nur ein Zettel mit der Aufschrift Getränkestand zurückbleibt. Er legt ihn in eine kleine Metallbox, in der sich bereits fünf ähnliche Zettel aus früheren Vorfällen befinden, die mit Tür Fabrikgebäude, Highway, Wasserspender und Blumenschale beschriftet sind. Mehrere Entdeckungen verstärken das wachsende Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Sammy gräbt ein durchnässtes Telefonbuch und regennasse Zeitschriften auf den alten Grundstücken aus. Das Telefonbuch enthält unbekannte Vorwahlen, aber jede Nummer, die Ragle wählt, ist nicht mehr erreichbar. In den Zeitschriften finden sie eine Bildergeschichte über eine Person Namens Marilyn Monroe, von der keiner von ihnen je gehört hat, obwohl sie als weltberühmt beschreiben wird. Margo vermutet, dass sie irgendwie hereingelegt werden.

Mithilfe eines Radios empfangen Sammy und Ragle Sprachübertragungen, die beweisen, dass er überwacht wird. Erschüttert flieht Ragle heimlich aus der Stadt. Ragle entdeckt schließlich eine Ausgabe des Time-Magazins vom Januar 1996, auf deren Titelseite sein Bild als „Mann des Jahres“ zu sehen ist. Bevor er das Geschehen weiter verarbeiten kann, wird er von Unbekannten überwältigt und zurück in die Stadt gebracht. Ragle erwacht in seinem Bett mit bruchstückhaften Erinnerungen und nimmt seine Arbeit wieder auf. Es kommt zu weiteren seltsamen Vorkommnissen, worauf Ragle und Vic eine zweite Flucht planen. Nachdem sie einen Lkw geklaut haben erreichen eine Stadt, in der sie auf seltsam gekleidete Teenager mit abgeschliefenen Zähnen und tätowierten Gesichtern stoßen. Sie kommen bei einer Mrs. McFee unter, die von radioaktiver Kontamination und einem Krieg spricht, der vor etwa drei Jahren begann.

Wie sich herausstellt, lebt Gumm tatsächlich in der Zeit um die Wende zum 21. Jahrhundert. Es herrscht Krieg zwischen der Erde und abtrünnigen Mondkolonisten („Lunies“), und Ragle Gumms Aufgabe ist es, die Ziele der Raketenangriffe vom Mond vorherzusehen. Seine Mitverantwortung für die Fortsetzung des Kriegs hat zu einem Nervenzusammenbruch geführt. Daraufhin hat die Regierung eine Kleinstadt der fünfziger Jahre nachgebaut und Gumm mit großem Aufwand in die heile Welt seiner Kindheit zurückversetzt, wo er ohne sein Wissen seine Aufgabe weiter erfüllt, indem er das vermeintliche Ratespiel löst.

Noch vor seinem Zusammenbruch hatte Ragle jedoch bereits beschlossen, zu den Mondkolonisten überzulaufen. Eine Reise zur Venus zur medizinischen Behandlung hatte ihm bewusst gemacht, dass die Weltraumkolonisierung die nächste große Migration der Menschheit darstellte – eine, die die Erdregierung zu Unrecht unterdrückte. Er hatte Kontakt zu einem Mondagenten aufgenommen, wurde jedoch am Tag vor dem Treffen abgefangen. Zudem stellt sich heraus, dass Margo nicht Ragles Schwester ist und Vic nicht ihr Ehemann. Ragle glaubt, dass der Krieg bald enden wird: Ohne seine Raketenvorhersagen wird die Regierung gezwungen sein, die vorläufigen Friedensbedingungen der Kolonisten zu akzeptieren, die lediglich die Fortsetzung der Kolonisierung und den Verzicht auf Strafmaßnahmen forderten. Am Ende bereitet sich darauf vor, die Erde zum zweiten Mal zu verlassen, um sich den Kolonisten auf dem Mond anzuschließen.

Hintergrund

Der Originaltitel Time Out of Joint zitiert Shakespeares Tragödie Hamlet (1. Aufzug, 5. Szene): „The time is out of joint; O cursed spite! / That ever I was born to set it right!“ Der Roman erschien 1959 als Hardcover und wurde bei seiner Erstveröffentlichung nicht als SF vermarktet. Dick erhoffte sich vergeblich Rezensionen in der etablierten Literaturkritik; Time Out of Joint verkaufte sich in dieser Ausgabe schlecht und wurde schließlich 1965 als Paperback in einer SF-Reihe wiederveröffentlicht.

Die erste deutsche Ausgabe erschien 1962 unter dem Titel Zeit ohne Grenzen. Hinter dem Pseudonym Transgalaxis des Übersetzers verbarg sich laut Uwe Anton und der Bibliographie von Michael Nagula in Lawrence Sutins Dick-Biographie Heinz Bingenheimer; jedoch gibt auch Heinz Zwack an, diese Übersetzung erstellt zu haben. Die zweite deutsche Übersetzung stammt von Tony Westermayr und erschien 1978 als Zeitlose Zeit. Erst die dritte Übersetzung, von Gerd Burger und Barbara Krohn, erstmals erschienen 1995, erhielt mit Zeit aus den Fugen einen Titel, der das Zitat im Originaltitel aufnimmt, in der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel: „Die Zeit ist aus den Fugen; Schmach und Gram, / Daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam!“

Eine sehr ähnliche Prämisse findet sich in Orson Scott Cards Science-Fiction-Roman Das große Spiel (Ender's Game) von 1985. Es gibt auch einige Parallelen im Film Die Truman Show.

Der Bayerische Rundfunk produzierte 2001 ein Hörspiel nach dem Roman. Bearbeitung und Regie: Marina Dietz. Musik: Thomas Bogenberger. Sprecher: Martin Umbach (als Ragle Gumm), Michael Tregor (als Victor), Dominik Liesegang (als Sammy), Christiane Roßbach, Tanja Schleiff, Thomas Meinhardt, Elisabeth Endriss und andere.

Im September 2019 eröffnete die Uraufführung Zeit aus den Fugen die Spielzeit am Schauspiel Hannover in der Regie von Laura Linnenbaum.

Interpretation

In Time Out of Joint ist die Welt bzw. das Umfeld des Protagonisten ein künstliches Konstrukt. Trotz ihrer Komplexität weist diese fiktive Welt wie in anderen Geschichten von Dick bestimmte Merkmale auf, an denen sich ihre Künstlichkeit erkennen lässt. Als Ragle Gumm sieht, wie sich ein Getränkestand vor seinen Augen auflöst und nur ein Zettel übrigbleibt, auf dem GETRÄNKESTAND steht, hat er Angst, den Verstand zu verlieren. Tatsächlich, geschieht wie Major Bill Black später feststellt, das genaue Gegenteil. Die künstliche Realität hält den Krieg aufrecht, ohne dass die beteiligten Menschen die wahren Hintergründe hinterfragen. Die Gesellschaft verharrt in festgefahrenen, automatisierten Verhaltens- und Denkmustern. Time out of Joint spiegelt somit Dicks Interesse an den beiden Themen Krieg und Machtpolitik wider. Das Erschaffen der Scheinwelt dient als Motor, der die Kriegsmaschinerie und die soziale Kontrolle ohne echte menschliche Selbstbestimmung weiterlaufen lässt.

Den größten Teil der Geschichte über versucht Ragle, sein intuitives Wissen über die Vergangenheit zu erschließen, das aus seinem Bewusstsein verdrängt wurde. Zunächst nimmt er die kleinen Unstimmigkeiten wahr, aus denen sich seine physische Umgebung und seine falsche psychologische Konstruktion der Vergangenheit zusammensetzen. Dann richtet er seine Aufmerksamkeit auf die Gegenstände und Ereignisse, die diese Unstimmigkeiten deutlich machen wie zum Beispiel Seiten aus einem Telefonbuch mit Nummern, die es gar nicht geben dürfte, ein Bild von Marilyn Monroe, das sie als internationalen Star darstellt, obwohl sie in Ragles Welt der 1950er Jahre unbekannt ist, und ein maßstabsgetreues Modell einer unterirdischen Einrichtung, deren Originalversion sich angeblich in der Planungsphase befindet, von der er sich jedoch erinnert, dass er sie bereits besichtigt hat. Das Nachdenken über solche Gegenstände bringt immer mehr Aspekte der vergessenen Vergangenheit zurück. Nachdem er schließlich einen Weg durch die Illusion zu dem gefunden hat, was dahinter liegt und dabei deren Künstlichkeit bestätigt hat, findet er schließlich eine Ausgabe des Time-Magazins auf dessen Titelseite sein Bild zu sehen ist und in der seine Biografie abgedruckt ist. Er nutzt die darin dargestellten Fakten als Anknüpfungspunkte, um sich wieder mit dem Rest seiner verdrängten Erinnerung zu verbinden.

Ausgaben

Erstausgabe:

Deutsche Ausgaben:

Einzelnachweise

  1. ↑ Lawrence Sutin: Philip K. Dick - göttliche Überfälle. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 1994, ISBN 3-627-10236-3, S. 149–150.
  2. ↑ Uwe Anton: Philip K. Dick. Entropie und Hoffnung. Tilsner, München 1993, ISBN 3-910079-01-6, S. 235.
  3. 1 2 Lawrence Sutin: Philip K. Dick - göttliche Überfälle. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 1994, ISBN 3-627-10236-3, S. 512.
  4. ↑ Heinz Zwack: "Meine" Science Fiction. In: SF-Leihbuch-Datenbank. Abgerufen am 13. Oktober 2019.
  5. ↑ William Shakespeare: Shakespeare's dramatische Werke. Band 3. Georg Reimer, Berlin 1867, S. 366.
  6. ↑ Uraufführung: "Zeit aus den Fugen" nach dem Roman von Philip K. Dick im Schauspiel Hannover. Abgerufen am 12. Oktober 2019.
  7. ↑ Jan Fischer: Zeit aus den Fugen – Schauspiel Hannover – Intendanz-Auftakt mit Laura Linnenbaums Inszenierung des Romans von Science-Fiction-Überguru Philip K. Dick. Abgerufen am 12. Oktober 2019 (deutsch).
  8. James Burton: The Philosophy of Science Fiction : Henri Bergson and the Fabulations of Philip K. Dick. Bloomsbury, London 2015, ISBN 978-1-4742-2766-7 (englisch).
    1. ↑ S. 77.
    2. ↑ S. 80 f.