Als Trajanswall oder Trajanwall (rumänisch: Valul lui Traian; bulgarisch: Траянови валове; russisch: Траяновы валы; ukrainisch: Траянові вали) werden mehrere antik römische, lineare Erdbefestigungsanlagen auf den Territorien der heutigen Länder Rumänien, Moldau und Ukraine bezeichnet. Entgegen der allgemeinen Annahme und ihrer Namensgebung gehen diese Wälle vermutlich nicht auf den Kaiser Trajan (98–117) zurück, sondern sind wohl erst in der Spätantike (oder möglicherweise sogar erst im Frühmittelalter) errichtet worden. Die Zuweisung an Trajan könnte ein Konstrukt der rumänischen Identitätsfindung des 19.Jahrhunderts sein. Siehe auch: Dako-romanische Kontinuitätstheorie.
Rumänien
Römische Strukturen im östlichen Moesien
In der südlichen Dobrudscha erstrecken sich drei Trajanswall genannte Defensivanlagen von der Donau bis zur Küste des Schwarzen Meers. Die relative Chronologie der Verteidigungsanlagen ist unumstritten, bei der absoluten Chronologie und der Zuschreibung gehen die Hypothesen der bulgarischen und rumänischen Wissenschaftler auseinander. Während die bulgarische Geschichtsschreibung die Errichtung der Wälle in die Zeit des Ersten Bulgarischen Reiches (spätes 7.bis frühes 11.Jahrhundert) einordnet, in der sich Bulgarien damit gegen nomadisierende Steppenvölker verteidigt hätte, weisen rumänische Historiker die Befestigungsanlagen dem Byzantinischen Reich in der Zeit der Kaiser Johannes I. Tzimiskes (969–976) und Basileios II. (976–1025) zu.
Der älteste und kleinste Wall, der so genannte „Kleine Erdwall“, erstreckt sich über 61km von Cetatea Pătulului (Flaviana) bis nach Constanța (Tomis). Er besteht vollständig aus Erde und besitzt keine befestigten Anlagen. An seiner Südseite verläuft ein Graben. Der zweite Wall, der so genannte „Große Erdwall“ ist 54km lang und überschneidet abschnittsweise den älteren. Er beginnt in der Nähe von Cernavodă (Axiopolis) an der Donau, zieht durch das Valea Carasu (Carasu-Tal) und endet in Palas, einem westlichen Vorort von Constanța. Seine durchschnittliche Höhe beträgt 3,5m, er wird zu beiden Seiten von Gräben flankiert. An und auf ihm befinden sich 35 größere und 28 kleinere Befestigungsanlagen im durchschnittlichen Abstand von einem Kilometer. Der Wall weist Spuren von mindestens einer Zerstörungs- und Wiederherstellungsphase auf. Der jüngste Wall, der so genannte „Steinwall“, besteht an seiner Basis ebenfalls aus Erde, war aber von einer Steinmauer gekrönt. Seine Länge beträgt 59km, er beginnt wie sein Vorgänger südlich von Cernavodă und verläuft durchschnittlich 75m südlich des „Kleinen Erdwalls“ bis zur Schwarzmeerküste. Der Erdwall ist rund 1,5m hoch, die Steinmauer erhob sich durchschnittlich noch einmal um zwei Meter. In variierenden Abständen zwischen einem und vier Kilometern befanden sich insgesamt 26 Befestigungsanlagen. An seiner Nordseite verläuft ein Graben. Die Gemeinde Valu lui Traian (vormals Hasancea) ist nach diesem Wall benannt.
Ein vierter Wall schließlich, der vermutlich tatsächlich unter Trajan erbaut wurde, befindet sich im nördlichen Teil der Dobrudscha, am Südufer der Donau. Er verläuft über rund 60km zwischen der heutigen Stadt Tulcea (in der Antike Aigyssos) und dem antiken Halmyris (östlich von Murighiol im Mündungsdelta der Donau). Der Wall wurde erst im 21. Jahrhundert mittels Luftbildaufnahmen entdeckt.
Moldau
Oberer (rot) und Unterer (gelb) Trajanswall auf einer Karte des Jahres 1827
Der Trajanswall auf moldauischem Staatsgebiet besteht aus dem Oberen Trajanswall mit einer Länge von 126km und dem Unteren Trajanswall mit einer Länge von 120km.
Der Obere Trajanswall oder Nördliche Trajanswall verläuft 150km nördlich des Unteren Trajanswalls in west-östlicher Richtung. Er verbindet auf 120km Länge den Pruth mit dem Dnister. Er beginnt südlich der Stadt Leova am Pruth, verläuft von dort aus in ostnordöstlicher Richtung und endet im Zentrum des Dorfes Copanca im Rajon Căușeni am rechten Ufer des Dnister. Die Dimensionen der Wallanlage variieren zwischen einer Höhe von 2,5m bei einer Breite von 9m bis 24m bei Leova und einer rezenten Höhe von vier Metern bei einer Breite von 12m bis 15m bei Copanca. Stellenweise wurde zwischen Wall und Graben eine vier Meter breite Berme identifiziert. Der Graben verläuft an der südlichen Seite des Walles und hat bei einer Tiefe von drei bis fünf Metern eine Breite von 2,75m. Es ist umstritten, ob das Wall-/Grabensystem römischen oder gotischen Ursprungs ist.
Der Untere Trajanswall, Südliche Trajanswall oder Athanarichs Wall führt auf 126km ebenfalls in west-östlicher Richtung vom Pruth zum Sassyksee am Schwarzen Meer. Nur rund 30km der Strecke liegen dabei auf moldauischem, der Rest auf ukrainischem Gebiet. Der moldauische Abschnitt beginnt am südlichen Ortsrand des Dorfes Vadul lui Isac im Rajon Cahul. Er zieht von dort aus rund 34km in östliche Richtung bis zu dem ukrainischen Grenzdorf Tabaky nördlich des Jalpugsees im Rajon Bolgrad und ist durchgängig gut im Gelände zu sehen. In diesem Abschnitt hat der Wall eine Höhe von zwei bis drei Metern und eine Breite an der Basis von mehr als zehn Metern, die Tiefe des Grabens beläuft sich auf mehr als drei Meter. Möglicherweise diente er dem Schutz der rund 25km weiter südlich verlaufenden Donau.
Ukraine
Auf die Befestigungsanlage in dieser Region wird schon bei Ammianus Marcellinus (um 330–395) verwiesen. Der Trajanswall auf ukrainischem Gebiet ist die östliche Fortsetzung des moldauischen Unteren Trajanswalls. In der Ukraine untergliedert er sich in drei Abschnitte, der westliche Abschnitt erstreckt sich über mehr als 34km von Tabaky nach Katlabug, der mittlere Abschnitt verläuft von Katlabug bis Staryje Trojany und der östliche Abschnitt von Staryje Trojany bis nach Hlyboke am Westufer des Sassysees. Der mittlere und östliche Abschnitt sind zusammen mehr als 58km lang.
Unterer Trajanswall (grün) auf einer Karte von 1857
Trajanswall im Oblast Odessa
Informationsstele am Trajanswall
Hinsichtlich des Ursprungs und der Datierung der Befestigungsanlage werden nach wie vor die wildesten Hypothesen vertreten, nach denen Römer, Goten, Protobulgaren, Slawen und Tataren die Bauherren gewesen sein sollen. In der archäologischen Fachliteratur ist die am häufigsten vertretene Ansicht, dass der obere (Moldau) und der untere Trajanswall (Moldau und Ukraine) lineare römische Befestigungsanlagen darstellen, die in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung errichtet wurden, wobei der südliche Wall dem Schutz des Donaudeltas gedient haben könnte. Für eine genaue und endgültige Datierung sind jedoch noch weitere archäologische Befunde und Funde sowie entsprechende Daten erforderlich.
Literatur
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