Transfinite Induktion
Definition
Sei
eine wohlgeordnete Klasse. Als transfinite Induktion gilt das folgende Beweisschema:
Will man beweisen, dass für alle
die Aussage
gilt, genügt es zu zeigen:
- Für jedes
gilt: wenn die Aussage
für alle
gilt, dann gilt auch
.
Kurz in Formeln:

Die Wohlordnung impliziert, dass aus
bereits
folgt.
Dass diese bewiesene Induktionsaussage tatsächlich genügt, sieht man so ein: Sei
; das ist die Klasse aller Elemente von
, für die
nicht zutrifft. Angenommen
wäre nicht leer, dann gäbe es wegen der Wohlordnung ein kleinstes Element
(welches o. B. d. A. auch das Element ist, das die Aussage für kleinere Elemente
beweist), und es gälte für jedes
mit
auch
, nach Definition von
also
. Dann gilt aber nach der bewiesenen Induktionsaussage auch
. Andererseits folgt jedoch aus
sofort auch
. Wegen dieses Widerspruchs war die Annahme,
sei nicht leer, falsch, so dass tatsächlich
für alle Elemente von
zutrifft.
Transfinite Rekursion
Als transfinite Rekursion gilt folgendes Definitionsverfahren in einer wohlgeordneten Klasse
:
- Kann
ausschließlich durch die Werte
an Stellen
definiert werden, so ist bereits hierdurch
auf ganz
definiert.
Dieses Rekursionsprinzip wird nun formalisiert für Ordinalzahlen.
Rekursionssatz:
sei die Klasse der Ordinalzahlen,
die Klasse aller Mengen und
ein Term als Rekursionsvorschrift. Dann gibt es genau eine transfinite Folge
, so dass für alle Ordinalzahlen
die Aussage
gilt.
Beweisidee:
Man „vereinigt“ alle rekursiv definierten ordinalen Folgen mit derselben Rekursionsvorschrift zu einer transfiniten Folge. Die Rekursion für eine Ordinalzahl
erfasst folgende als
bezeichnete Aussage:
- Es gibt genau eine Abbildung
, so dass für alle
die Aussage
gilt.
Diese Abbildungen
erfüllen also dieselbe Rekursionsvorschrift, sind aber jeweils nicht auf der ganzen Klasse der Ordinalzahlen definiert. Aus der Eindeutigkeit ergibt sich jedoch, dass diese Funktionen Fortsetzungen voneinander sind und zu einer einzigen transfiniten Folge vereinigt werden können.
Die Gültigkeit von
für alle Ordinalzahlen
zeigt man durch transfinite Induktion, und zwar wie oben angemerkt in drei Teilaussagen (es sei daran erinnert, dass für Ordinalzahlen
gleichbedeutend ist mit
und dass
):
- Die Aussage
ergibt sich unmittelbar, da es gar keine Ordinalzahlen
gibt und die Rekursionsvorschrift trivialerweise gilt und da es ohnehin nur eine Abbildung
gibt.
- Gilt
, dann gilt auch
: Die Existenz von
ergibt sich aus
, indem man
setzt, falls
, sowie (notwendigerweise)
. Ist
eine Funktion nach denselben Bedingungen, so folgt zunächst
aus der Eindeutigkeitsaussage in
und dann aus der Rekursionsvorschrift auch
, also insgesamt
.
- Ist
Grenzzahl und gilt
für alle
, dann gilt auch
: Ist
, so gibt es
mit
. Man setze
. Dies ist wohldefiniert, da für
mit
wegen der voraussetzbaren Aussagen
gewiss
gilt. So ergibt sich auch die Eindeutigkeit.
Somit gilt die Aussage
für alle Ordinalzahlen
. Man kann jetzt
definieren, indem man
für ein beliebiges
setzt. Dies ist wohldefiniert (also unabhängig von der Wahl von
), so dass man einfach auch
wählen kann.
Beispiele
- Sei
eine fest gewählte Ordinalzahl und die Rekursionsvorschrift
folgendermaßen gewählt: Falls
der Graph einer Funktion ist, sei
die kleinste nicht in
auftauchende Ordinalzahl (und ansonsten beliebig). Die hierdurch rekursiv (in Abhängigkeit von
) definierte Funktion
liefert stets eine Ordinalzahl (folgt durch transfinite Induktion) und es gilt
,
usw. Man schreibt
für
und definiert so die Addition von Ordinalzahlen.
- Die Addition kann auch – leichter nachvollziehbar – durch drei Rekursionsschritte definiert werden:
,
sowie
, falls
Grenzzahl ist.
- Mit transfiniter Rekursion kann gezeigt werden: Jede wohlgeordnete Menge
ist ordnungsisomorph zu einer Ordinalzahl. Beweisidee: Man versucht
mittels der Rekursionsvorschrift
zu definieren. Hierbei wäre
automatisch injektiv, was aber nicht sein kann, da
keine echte Klasse ist. Für die kleinste Ordinalzahl, an der die Rekursion scheitert, ergibt sich ein Ordnungsisomorphismus mit
.
- Durch transfinite Rekursion wird auch die kumulative Hierarchie von Mengen definiert.