Transvestitismus

Die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt eine bartlose junge Person in Hemd und Hosen mit einer Mütze auf dem Kopf und einem Aktenkoffer in der rechten Hand.
Gerd Katter, geboren als Eva Katter, bekam 1928 einen Transvestitenschein ausgestellt, um in der Öffentlichkeit Männerkleidung tragen zu dürfen. Nach heutigem Verständnis könnte Katter als trans Mann eingeordnet werden.

Transvestitismus (von lateinisch trans „hinüber“, und vestire „kleiden“) bezeichnet das bewusste Tragen von Kleidung und Accessoires, die gemeinhin als stereotypisch gelten für die Geschlechterrolle des anderen Geschlechts innerhalb der binären Geschlechterordnung Mann/Frau (im Unterschied zu einer bloßen Verkleidung). Abzugrenzen ist das Bedürfnis von transvestitischem Fetischismus.

Begriffsgeschichte

Transvestitismus ist ein von Magnus Hirschfeld 1910 geprägter Begriff. Er beschrieb damit alle Menschen, die, gleich aus welchen Gründen, freiwillig Kleidung tragen, die üblicherweise von dem Geschlecht, dem sie körperlich zugeordnet sind, nicht getragen werden; und zwar sowohl Männer als auch Frauen.

Eine erste Unterscheidung zwischen Transvestitismus und dem von ihm so genannten seelischen Transsexualismus traf Hirschfeld selbst im Jahr 1923 in der letzten Ausgabe seines Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen, um das Begehren einiger Transvestiten nach körperlicher Anpassung an das andere Geschlecht zu beschreiben. 1953 griff Harry Benjamin diese Unterscheidung in seinem Artikel Transvestism and Transsexualism (International Journal of Sexology) auf und etablierte sie 1966 mit seiner Veröffentlichung The Transsexual Phenomenon in der Sexualmedizin.

Hirschfeld war es auch, der in Zusammenarbeit mit der Berliner Kriminalpolizei für diese Menschen erstmals ein Ausweisdokument ermöglichte, damit sie weitgehend ohne behördliche oder polizeiliche Verfolgung gegengeschlechtliche Kleidung in der Öffentlichkeit tragen konnten. Der umgangssprachlich sogenannte Transvestitenschein wurde 1909 erstmals ausgegeben.

Medizinische Klassifikation

Klassifikation nach ICD-10
F64 Störungen der Geschlechtsidentität
F64.1 Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)

In die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme wurde Transvestitismus (transvestitism) 1968, mit der Version ICD-8, als Diagnose eingeführt.

Laut ICD-10 ist Transvestitismus eine Störung der Geschlechtsidentität und wird dort unter dem Code F64.1 („Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen“) aufgeführt. Transvestitismus wird jedoch nur dann als eine psychische Störung diagnostiziert, wenn die Betroffenen in klinisch bedeutsamer Weise darunter leiden. Zur Diagnose dieser Störung werden hauptsächlich drei Kriterien herangezogen:

Transvestitismus ist also nicht synonym zu Transgeschlechtlichkeit; die ICD-10 führt unter F64 fünf verschiedene Formen von „Störungen der Geschlechtsidentität“ auf, darunter F64.0 („Transsexualismus“) und F64.1 („Transvestitismus“). Eine weitere von Transvestitismus zu unterscheidende Diagnose ist „transvestitischer Fetischismus“. Er gilt ebenfalls als psychische Störung oder Verhaltensstörung und wird den Paraphilien (F65.1) zugerechnet.

Die Einstufung des Transvestitismus als Störung ist aber umstritten, da die meisten Betroffenen, bei denen eine der beiden Diagnosen gestellt wird, in ihrer Lebensführung kaum eingeschränkt sind. Die meisten Transvestiten führen ein normales Leben, sind verheiratet, gehen einer Arbeit nach und verkleiden sich nur privat. So enthält auch die ICD-11, den Empfehlungen einer Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation folgend, weder Transvestitismus noch Transsexualität, sondern nur Geschlechtsinkongruenz (gender incongruence) als Diagnose.

Verbreitung und Erforschung

Obwohl es Schätzungen gibt (nicht wissenschaftlich abgesichert), nach denen zwischen 1 und 10 % der Bevölkerung entsprechende Neigungen haben sollen, gibt es wenig Forschung und einschlägige Literatur. Im Internet finden sich zahlreiche Webseiten und passende Angebote für die bestehende Nachfrage; eine sichere Quantifizierung ist aber wegen fehlender Daten nicht möglich. Zu finden sind seit der Jahrtausendwende einige Studienarbeiten an Hochschulen, bei denen Personen mit Neigung zum Transvestitismus gesucht werden, aber oft werden die Ergebnisse nicht veröffentlicht.

Verhältnis zu anderen Begriffen

Die Abgrenzung der folgenden Begriffe zum Transvestitismus ist mangels wissenschaftlicher klarer Definition unscharf, teilweise werden die Bezeichnungen synonym benutzt oder überlappen sich:

Daneben gibt es die Transvestition, die kultischen Hintergrund hat.

Literatur

Commons: Transvestiten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Transvestit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Vgl. Katie Sutton: Trans Rights and Cultures in the Weimar Republic. In: History, Sexuality, Law. Hypotheses, 10. Juni 2021, abgerufen am 30. Juni 2025 (englisch).
  2. ↑ Vgl. Magnus Hirschfeld: Die Transvestiten. Berlin 1910, S. 299–300.
  3. ↑ Jack Drescher: "Die psychopathologische Sichtweise auf Trans*personen aufgeben". Bundeszentrale für politische Bildung, 8. August 2018, abgerufen am 30. Juni 2025.
  4. ↑ Gerald C. Davison, John M. Neale, Martin Hautzinger: Klinische Psychologie. Beltz Verlag, 2016, ISBN 978-3-621-28441-7. S. 6f. (Leseprobe (Memento des Originals vom 19. Februar 2018 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.)
  5. ↑ Vgl. Udo Rauchfleisch: Medizinische Einordnung von Trans*identität. In: bpb.de. Bundeszentrale für politische Bildung, 8. August 2018, abgerufen am 11. Dezember 2024.
  6. ↑ Gerhard Köpf: Männer in Frauenkleidern … Travestie und Transvestitismus vom antiken Theater bis zur F-Diagnose. In: NeuroTransmitter. Band 9, 2016 (online).
  7. ↑ Robert J. Stoller: Perversion. Die erotische Form von Haß (= Bibliothek der Psychoanalyse). Psychosozial-Verlag, Gießen 1998, ISBN 3-932133-51-X, S. 105: „Fast immer sind sie nach außen heterosexuell, haben Frau und Kinder und können sich mühelos männlich verhalten.“
  8. ↑ Geoffrey M. Reed, Jack Drescher, Richard B. Krueger, Elham Atalla, Susan D. Cochran, Michael B. First, Peggy T. Cohen‐Kettenis, Iván Arango‐de Montis, Sharon J. Parish, Sara Cottler, Peer Briken, Shekhar Saxena: Disorders related to sexuality and gender identity in the ICD‐11: revising the ICD‐10 classification based on current scientific evidence, best clinical practices, and human rights considerations. In: World Psychiatry. Band 15, Nr. 3, 2016, S. 205–221, doi:10.1002/wps.20354 (englisch).
  9. ↑ Vgl. ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics. Abgerufen am 30. Juni 2025 (englisch).
  10. ↑ Vernon Coleman: Men in Dresses: a study of transvestism/crossdressing. European Medical Journal Special Monograph, Chilton Designs Publishers, 1996, ISBN 1-898947-99-6 (englisch; online auf vernoncoleman.com; deutsche private Übersetzung: PDF: 282 kB, 40 Seiten auf julaonline.de).
  11. ↑ Susanne Regener: Men in skirts: Mode, Cross-Dressing, Trans*. (Memento vom 6. Juni 2015 im Internet Archive) In: Mediengeschichte.Uni-Siegen.de. 2015, abgerufen am 5. Juni 2020 (Seminarankündigung für Bachelorstudenten).
  12. ↑ Constanze Pohl: Vom Entweder-Oder zum Weder-Noch. Bachelor-Arbeit 2008 (PDF (35 MB) (Memento vom 9. Dezember 2013 im Internet Archive)).
  13. ↑ Gisela Bleibtreu-Ehrenberg: Der Weibmann: Kultischer Geschlechtswechsel im Schamanismus. Eine Studie zur Transvestition und Transsexualität bei Naturvölkern. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-596-27348-X.