Trobairitz

Die Trobairitz Beatriz de Dia (aus Bibliothèque nationale MS12473, 13. Jahrhundert)

Die Trobairitz (Okzitanisch: [tɾuβajˈɾits]) waren das weibliche Gegenstück zu den Troubadours (französische Wortform) oder Trobadors (okzitanische Wortform) im südlichen Frankreich, auf dem Gebiet der historischen Region Okzitanien im 12. und 13. Jahrhundert. Ihr Wirkungszeitraum wird auf ca. 1170 bis ca. 1260 datiert. Trobairitz ist sowohl Singular als auch Plural.

Trobairitz taucht erstmal in dem Ritterroman Le Roman de Flamenca aus dem 13. Jahrhundert auf. Das Wort stammt, genau wie trobador und trobaire, von dem okzitanischen Wort trobar „finden, ein Lied erfinden“. Es wird im mittelalterlichen Okzitanisch sehr selten verwendet da es weder in der Lyrik noch in grammatikalischen Abhandlungen oder in den Biografien (vidas) der Trobairitz oder Troubadoure vorkommt. Es taucht jedoch in der Abhandlung „Doctrina d’acort“ von Terramagnino da Pisa auf, die zwischen 1282 und 1296 verfasst wurde. Er verwendet es als Beispiel für ein Wort, dessen Plural und Singular identisch sind.

Die Trobairitz komponierten, schrieben Gedichte und traten an den okzitanischen Adelshöfen auf. Sie nehmen in der Musikgeschichte eine Sonderstellung ein, da sie die ersten bekannten Komponistinnen westlicher weltlicher Musik sind; alle zuvor bekannten Komponistinnen schrieben geistliche Musik. Die Trobairitz waren Teil der höfischen Gesellschaft, im Gegensatz zu ihrem aus den unteren Schichten stammenden Korrelat, den joglaressas. Während Troubadoure manchmal aus bescheidenen Verhältnissen stammten – Bernart de Ventadorn war möglicherweise der Sohn eines Schlossbäckers –, waren die Trobairitz in der Regel adeliger Herkunft. Die bedeutendsten Trobairitz waren Alamanda de Castelnau, Azalaïs de Porcairagues, Marie de Ventadour, Tibors de Sarenom, Castelloza, Garsende de Sabran, Gormonda de Monpeslier und Beatriz de Dia.

Informationsquellen

Es gibt nur sehr wenige erhaltene Informationsquellen über die einzelnen Trobairitz. Nahezu alle Informationen, die über sie vorliegen, stammen aus ihren Kurzbiografien (Vidas) und Razos (biographisch-anekdotische Erläuterungen zu einzelnen Liedern) – den kurzen Beschreibungen, die in Liedersammlungen, den sogenannten Cancioneros, zusammengestellt wurden. Die Vidas sind bekanntermaßen unzuverlässig, da sie häufig kaum mehr als romantisierte Ableitungen aus den Gedichten der Trobairitz selbst waren. Die Namen von etwa zwanzig Dichterinnen aus dem 12. und 13. Jahrhundert sind überliefert, wobei den Trobairitz schätzungsweise zweiunddreißig Werke zugeschrieben werden. Es gibt etwa 5 Prozent so viele Trobairitz wie Troubadoure. Die Zahl der erhaltenen Kompositionen von Trobairitz beläuft sich auf etwa 1 Prozent derjenigen, die wir von den Troubadouren haben. Das früheste erhaltene Lied einer Trobairitz ist Bels dous amics, verfasst von Tibors de Sarenom um 1150. Nur eines ist mit intakter Notenschrift erhalten geblieben: A chantar von Beatriz de Dia. Einige Werke, die in den Quellen anonym sind, werden von bestimmten modernen Herausgebern Frauen zugeschrieben, ebenso wie einige Werke, die in den Handschriften Männern zugeschrieben werden. Zum Vergleich: Von den 460 männlichen Troubadouren sind etwa 2.600 ihrer Gedichte erhalten geblieben. Von diesen sind etwa jedes zehnte mit intakter Notenschrift erhalten geblieben. Nur zwei Trobairitz haben uns jeweils mehr als ein Lied hinterlassen. Diese beiden Frauen sind Beatriz de Dia, von der vier Cansos überliefert sind, und Castelloza mit drei Cansos sowie einem vierten, das anonym ist.

Die frühen Cancioneros trennten die Werke der männlichen Troubadoure nicht von denen der Trobairitz. Erst in späteren italienischen und katalanischen Cancioneros fanden sich die Werke der Trobairitz in anderen Abschnitten als die ihrer männlichen Kollegen. Die Werke der Trobairitz stellen eine Besonderheit der mittelalterlichen Lyrik dar, da sie von Frauen aus dem weiblichen Blickwinkel verfasst wurden.

Die Trobairitz stellt ein auf den okzitanischen Sprachraum und den Zeitraum vom späten 11. bis zum 13. Jahrhundert begrenztes Phänomen dar. So ist z. B. bei dem mitteleuropäischen Minnesänger kein weibliches Pendant bekannt.

Stellung in der mittelalterlichen Gesellschaft

Im Laufe des 13. Jahrhunderts wurde von den Frauen am Hof erwartet, dass sie singen, Instrumente spielen und jocs partis oder partimen (eine Debatte oder einen Dialog in Form eines Gedichts) verfassen konnten. Die Pflege dieser weiblich konnotierten Künste könnte zur Entstehung der Werke der Trobairitz geführt haben.

Die Trobairitz könnten auch aufgrund der Macht entstanden sein, die Frauen im 12. und 13. Jahrhundert in Südfrankreich innehatten. Frauen hatten weitaus mehr Kontrolle über den Landbesitz, und die okzitanische Gesellschaft war gegenüber Frauen weitaus toleranter als die meisten anderen Gesellschaften jener Zeit. Während der Kreuzzüge waren viele Männer abwesend, wodurch den Frauen mehr administrative Verantwortung und damit Einfluss zukam. Dennoch war diese Gesellschaft nicht „feministisch“. Darunter fällt auch die Idee der höfischen Liebe, die Frauen zwar verherrlichte, gleichzeitig aber viele Aspekte ihres Lebens und Verhaltens einschränkte.

Die Tätigkeiten der Trobairitz entziehen sich aus heutiger Perspektive einer eindeutigen Kategorisierung als professionell oder nicht-professionell. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Rollen war im Mittelalter kompliziert. Joglaressas waren professionelle Komponistinnen der unteren Gesellschaftsschicht, die weit weniger respektiert wurden als die Trobairitz.

Themen

Auch wenn die Form der Werke der Trobairitz variiert, so herrscht doch als zentrales Thema das fin’amor, das Ideal der reinen oder perfekten Liebe vor. Die idealisierte höfische Liebe findet sich somit hier genauso wie bei ihren männlichen Pendants. In den Werken der Troubadoure standen jedoch in der Regel Frauen im Mittelpunkt: Keine andere Dichtergruppe schreibt Frauen innerhalb eines so stark von patriarchalen Strukturen geprägten Kontextes eine vergleichbar herausgehobene Position ein. Die Spannung zwischen der in der Dichtung der Troubadoure zum Ausdruck kommenden Unterdrückung der Frauen und ähnlichen Themen in der Dichtung der Trobairitz ist für moderne Kommentatoren ein wichtiger Diskussionspunkt. Die Liebesdichtung der Trobairitz bot tendenziell eine weniger idealisierte Darstellung des Themas als die Dichtung ihrer männlichen Kollegen, mit einem eher umgangssprachlichen und weniger blumigen Schreibstil, der darauf abzielte, eine bodenständigere Sichtweise auf Beziehungen näher nachzuahmen.

Die Trobairitz schrieben in den Gattungen Canso (Verslehre) und Jeu parti. Daneben verfassten die Trobairitz auch Sirventes (politische Gedichte), Planh (Klagelieder), Salut d’amour (Liebesbriefe ohne Strophenform), Alba (Morgendämmerungslieder) und Balada (Tanzlieder).

Die Trobairitz verbanden – ganz im Sinne der Troubadour-Tradition – das Singen eng mit dem Lieben. Beatriz de Dia verdeutlicht dies in ihrem Gedicht Fin ioi me don’alegranssa, in dem sie schreibt: „Fin ioi me dona alegranssa/per qu’eu chan plus gaiamen“, was übersetzt so viel bedeutet wie: „Das Glück schenkt mir reine Freude, die mich fröhlicher singen lässt.“

Zuschreibungen der Werke

Die Zahl der den Trobairitz zugeschriebenen Werke wird auf 32 Lieder geschätzt, reicht jedoch von 23 bis 46. Es gibt eine Reihe von Gründen, warum die genaue Zahl nicht bekannt ist. In der Tradition der höfischen Liebe war es üblich, dass Gedichte im Rahmen eines Briefwechsels oder einer Debatte, wie beispielsweise in einem Jeu parti, verfasst wurden. Einige davon mögen ursprünglich von einem einzigen Dichter verfasst worden sein; andere hingegen waren ursprünglich ein tatsächlicher Briefwechsel, der später in einer Handschrift zusammengefasst wurde. Einige davon fanden zwischen Männern statt, andere zwischen einem Mann und einer Frau. Einige moderne Herausgeber schreiben diese ausschließlich dem Mann zu, der den Briefwechsel initiierte, andere schreiben sie sowohl dem Mann als auch der beteiligten Frau zu. Es gibt eine lange Tradition, diese ausschließlich Männern zuzuschreiben, selbst wenn alle Beweise auf das Gegenteil hindeuten.

Da die Dichtung stark stilisiert war, lässt sich nur schwer feststellen, wann eine Dichterin, die aus der Perspektive einer Frau sprach, tatsächlich eine Frau war oder ob es sich um einen Mann handelte, der aus dem weiblichen Blickwinkel sprach. Dies erschwert die Zuordnung der Werke zusätzlich, insbesondere bei anonymen Autoren. Es wird diskutiert, ob die Gedichte der Trobairitz echte weibliche Stimmen widerspiegeln, da sie sich an die streng festgelegten Konventionen der Troubadoure hielten. Matilda Bruckner vermutet, dass die Trobairitz „mit ihrer eigenen Stimme sprachen, die durch die Stimmen vieler anderer kanalisiert wurde“. Durch die Manipulation der strengen Konstrukte der Troubadour-Lyrik gelang es den Trobairitz, ihre eigenen „Fiktionen der weiblichen Stimme“ zu schaffen.

Es gibt einen bemerkenswerten Fall, in dem eine Frau, Bieiris de Romans (auch als Beatritz bezeichnet), eindeutig als Autorin genannt wird, das Thema des Gedichts jedoch eine andere Frau ist, nämlich Na Maria. In dem Gedicht Na Maria drückt Beatritz ihre Liebe zu Maria im traditionellen fin’amors-Stil aus, sowohl im Sinne körperlicher Sehnsucht als auch höfischer Bewunderung. Wäre dieses Gedicht nicht eindeutig als von einer Frau verfasst gekennzeichnet, würde man annehmen, es stamme von einem Mann. Einige Wissenschaftler vermuten, dass ihr Canso „lesbisches Verlangen“ zum Ausdruck bringt. Der Troubadour sprach typischerweise zur domna (Frau); die Tatsache, dass der lyrische Dialog ausschließlich zwischen zwei Frauen stattfindet, ist eine extreme Seltenheit.

Bekannte Trobairitz

Über die Anzahl der Trobairitz herrscht bislang Unklarheit, die Anzahl variiert je nach Forscher. Folgende Trobairitz sind namentlich bekannt, die entweder als alleiniges lyrisches Ich in den Dichtungen erscheinen oder als Dialogpartnerinnen:

Als alleiniges lyrisches Ich

Azalaïs de Porcairagues, Beatriz de Dia, Beiris de Romans, Castelloza, Clara D’Anduza, Tibors de Sarenom, Azalais d’Altier, Gormonda de Monpeslier. Von Beatriz de Dia, Castelloza und Azalaïs de Porcairagues wurden mit Gold verbrämte Miniaturen aus Manuskripten der Bibliothèque nationale de France in Paris bekannt.

Dialoge von Frau zu Frau

Alaisina Iselda und Carenza, Almucs de Castelnou und Iseut de Capion.

Dialogpartnerinnen von Trobadors

Alamanda (mit Giraut de Bornelh), Garsenda de Forcalquier (mit Gui de Cavaillon), Felipa (mit Arnaut Plagues), Guilhelma de Rosers (mit Lanfranc Cigala), Lombarda (mit Bernart Arnaut d’Armagnac), Maria de Ventadorn (mit Gui d’Ussel), Ysabella (mit Elias Cairel)

Außerdem wird eine Reihe von anonymen Texten ebenfalls Trobairitz zugeschrieben. Des Weiteren werden einige Frauen den Trobairitz zugeordnet, obwohl keine Werke von ihnen erhalten sind (wie z. B. Gaudairença).

Hinweise zu neuzeitlichen musikalischen Interpretationen

Die Gruppe Hespèrion XX (heute: Hespèrion XXI) mit der Sopranistin Montserrat Figueras hat als erstes Ensemble 1978 die Interpretation der Werke der Trobairitz, also die Interpretation jener alten okzitanischen Frauenlieder gewagt. Interpretiert werden Gedichte und Lieder der Condesa de Provenza Garsenda und der Condesa de Dia (= Beatriz de Dia).

Siehe auch

Literatur

Wiktionary: Trobairitz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Jana K. Schulman: The Rise of the Medieval World 500–1300. Greenwood Publishing Group, Westport, Conn 2002, ISBN 0-313-30817-9, S. 111.
  2. ↑ Elizabeth W. Poe: Cantairitz e Trobairitz: A Forgotten Attestation of Old Provençal »Trobairitz«. In: Romanische Forschungen. Band 114, Nr. 2, 2002, S. 210.
  3. ↑ Der okzitanische Gelehrte Pierre Bec dachte fälschlicherweise, es handele sich um ein hapax legomenon.
  4. ↑ Matilda Tomaryn Bruckner, Laurie Shepard, Sarah White: Songs of the Women Troubadours. 1. Auflage. Routledge, New York 1995, ISBN 0-203-01119-8, Introduction, doi:10.4324/9780203011195 (englisch, 280 S., Der französische Ausdruck „bien trouvé“ („gut gefunden“) bezeichnet noch heute einen treffenden Ausdruck.).
  5. 1 2 William D. Paden: The Voice of the Trobairitz: Perspectives on the Women Troubadours. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 1989, ISBN 0-8122-8167-5.
  6. ↑ Poe 2002, S. 207.
  7. 1 2 3 4 5 William D. Paden: Trobairitz. In: William W. Kibler (Hrsg.): Medieval France : An Encyclopedia (1. Ausgabe). Garland, New York & London 1995, ISBN 1-135-57541-X, S. 1756–1757.
  8. 1 2 3 4 5 Matilda Tomaryn Bruckner: Fictions of the Female Voice: The Women Troubadours. In: Speculum. Band 67, Nr. 4. Medieval Academy of America, Oktober 1992, S. 865–91.
  9. 1 2 3 John Stevens, Ardis Butterfield, Theodore Karp: Troubadours, trouvères. In: Grove Music Online. 8. Auflage. Oxford University Press, 2001, ISBN 1-56159-263-3.
  10. 1 2 3 4 Peter Dronke: Women writers of the Middle Ages: a critical study of the tests from Perpetua, + 203 to Marguerite Porete, + 1310. Cambridge university press, Cambridge 1984, ISBN 0-521-25580-5.
  11. ↑ Doris Earnshaw: The Female voice in medieval romance lyric (= American university studies. Nr. 68). P. Lang, New York 1988, ISBN 0-8204-0575-2.
  12. 1 2 3 4 Matilda Tomaryn Bruckner: Introduction. In: Matilda Tomaryn Bruckner, Laurie Shepard, Sarah White (Hrsg.): Songs of the Women Troubadours. Routledge, New York 1995, ISBN 0-203-01119-8.
  13. 1 2 Judith Tick: Women in music. In: Grove Music Online. 8. Auflage. Oxford University Press, 2001, ISBN 1-56159-263-3.
  14. ↑ Magda Bogin: The Women Troubadours. W. W. Norton & Company, New York 1980, ISBN 0-393-00965-3.
  15. ↑ Dronke 1984, S. 98
  16. ↑ Angelica Rieger: Was Bieiris de Romans Lesbian?: Women's Relations with Each Other in the World of the Troubadours. In: William D. Paden (Hrsg.): The Voice of the Trobairitz: Perspectives on the Women Troubadours. University of Pennsylvania Press, 1989, ISBN 978-1-5128-0544-4, S. 73–94.