Tsumugi (Stoff)

Ein Ōshima-Tsumugi im Webstuhl (Doppel-Ikat)

Tsumugi (jap. 紬) ist ein traditioneller japanischer Seidenstoff, der nicht aus Haspelseide gewebt wird, sondern aus Garnen, die aus kürzeren Seidenfasern gesponnen werden (Schappe- oder Bouretteseide). Dadurch hat das Gewebe weniger Glanz als solches aus Haspelseide und weist, wenn das Ausgangsmaterial Bourette war, auch Verdickungen auf. Manchmal wird der Begriff tsumugi auch auf Baumwoll- oder Wollstoffe angewendet, sowie auf Kimonos, die aus Tsumugi-Stoffen genäht wurden.

Herstellung

Während hochwertiges Seidengarn nicht gesponnen, sondern als Endlosfilament von unbeschädigten Kokons abgewickelt (abgehaspelt) wird, entsteht Tsumugi-Garn aus Kokons minderer Qualität, aus denen keine Haspelseide gewonnen werden kann; diese werden zu einer watteartigen Masse verarbeitet und zu Garn versponnen. Zu den minderwertigen Kokons zählen Doppelkokons, Kokons mit Löchern und verunreinigte Kokons. Da Tsumugi-Garn von Hand gesponnen wird, ist seine Stärke nicht unbedingt einheitlich. Wird als Ausgangsmaterial statt Schappeseide Bourette verwendet, kommt es zu deutlichen Verdickungen.

Tsumugi-Garn wird entweder sowohl für die Kett- als auch für die Schussfäden verwendet oder nur für eine der beiden Richtungen. Es wird ausschließlich in Leinwandbindung und von Hand verwebt. Tsumugi-Stoff kann einfarbig sein, gestreift, kariert oder gemustert. Bei der Kasuri-Technik wird das Garn vor dem Weben in zwei oder mehr verschiedenen Farben so gefärbt, dass sich beim Verweben Muster bilden (siehe auch Ikat).

Ein Produktionszentrum für Tsumugi ist die japanische Region Kantō, wo ein ideales Klima für Maulbeerbäume und damit zur Zucht der Seidenraupen herrscht. Namentlich in den Städten Yūki und Oyama wird unter dem Namen Yūki-tsumugi (jap. 結城紬) ein Tsumugi hergestellt, der auf Rückenbandwebrahmen gewebt wird. 2010 wurde Yūki-tsumugi, eine Herstellungstechnik für Seidenstoffe in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Eine weitere wichtige Tsumugi-Region sind die Ryūkyū-Inseln. Auf den Amami-Inseln wird der Ōshima-Tsumugi in Kasuri-Technik gefärbt, indem man das abgebundene Garn zuerst in einem Sud aus gerbstoffhaltiger Baumrinde rötlich färbt und es dann in eisenhaltigem Schlamm zu Braun oder Grau bis Schwarz weiterentwickelt (dorozome). Blau aus Indigo ist ein weiterer typischer Farbton. Auf Kumejima wird ebenfalls mit Schlamm gefärbt, wobei der gesamte Prozess heute in der Hand einer einzelnen Person liegt.

Verschiedene in Kasuri-Technik gemusterte Tsumugi-Stoffe

Kultur

Als in der Edo-Zeit ein Luxusverbot erlassen wurde, war das Tragen teurer Seidenstoffe verboten. Es gibt die Theorie, dass wohlhabende Bürger nicht auf das Tragen von Seide verzichteten, sondern einen Trick anwandten: Da der Stoff „aus der Ferne wie Baumwolle aussieht“, begannen sie ihn gerne zu tragen, um behaupten zu können, es handele sich um Baumwolle, obwohl es Seide war.

Mit seinen gedeckten Farbtönen und dem für Seide untypischen, matten Glanz wurde Tsumugi als stilvolles Gewebe beliebt, das auf unaufdringliche Weise guten Geschmack demonstrierte. Daher wurde es für junge Frauen in ländlichen Gebieten zu einer wichtigen Einnahmequelle, und man sagte, dass die Frauen in Yonezawa, einer berühmten Tsumugi-Region, sich am Abend, wenn sie ihre sorgfältig gewebten Stoffe versandten, nur ungern davon trennten – so sehr, dass man sagte: „Die Frauen von Yonezawa schlafen mit ihrem Tsumugi im Arm.“

Da es sich ursprünglich um Arbeitskleidung handelte, galt es als unangebracht, Tsumugi als formelle Kleidung zu tragen, selbst wenn sie aus Seide bestand. Daher wird Tsumugi meist als Ausgeh- oder modische Kleidung verwendet, in den letzten Jahren jedoch wird es gelegentlich auch als halbformelle Kleidung getragen.

Commons: Tsumugi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Tsumugi Silk: Poor Man's Fabric Turned Luxury Folkcraft. 11. April 2024, abgerufen am 1. Juni 2026 (englisch).
  2. ↑ 繭生産統計調査の概要. 農林水産省(2012-07-06), abgerufen am 25. Juni 2013 (japanisch).
  3. ↑ Yuki-tsumugi, silk fabric production technique. UNESCO Intangible Cultural Heritage, 2010, abgerufen am 24. November 2023 (englisch).