Uppsala-Modell

Das Uppsala-Modell ist eine Theorie, die beschreibt, wie Unternehmen ihre Internationalisierungsaktivitäten schrittweise verstärken. Es zählt zu den zentralen Prozessmodellen der Internationalisierungsforschung und verbindet eine verhaltensorientierte Perspektive auf unternehmerische Entscheidungen mit der Annahme, dass Internationalisierung über längere Zeiträume hinweg entsteht. Die empirischen und konzeptionellen Wurzeln liegen in der sogenannten Uppsala-Schule; zu den frühen Beiträgen zählen Arbeiten von Sune Carlson sowie die Fallstudien von Jan Johanson und Finn Wiedersheim-Paul zu schwedischen Unternehmen. In der klassischen Fassung wurde Internationalisierung als Lernprozess beschrieben, in dem Unternehmen durch Auslandserfahrung marktspezifisches Wissen erwerben und darauf aufbauend weitere Ressourcen in ausländischen Märkten binden. Das Modell ähnelt dem POM-Modell von Reijo Luostarinen (1979).

Grundannahmen

Das Uppsala-Modell geht davon aus, dass Unternehmen bei der Internationalisierung nicht vollständig rational über alle Alternativen entscheiden, sondern unter Unsicherheit handeln und aus eigenen Erfahrungen lernen. Auslandsmärkte sind demnach mit einem „Fremdheitsnachteil“ verbunden, weil Unternehmen mit lokalen Institutionen, Marktbedingungen, Geschäftspraktiken und Kunden zunächst weniger vertraut sind als einheimische Akteure. Die Verringerung dieser Unsicherheit erfolgt im Modell durch inkrementelle Entscheidungen: Mit zunehmendem Wissen über einen Markt steigt die Bereitschaft, dort weitere Verpflichtungen einzugehen und mehr Ressourcen zu binden.

Das Uppsala-Modell unterscheidet zwischen einem zeitlichen und einem räumlichen Muster. Beide beschreiben einen inkrementalen Internationalisierungsprozess mit steigender Komplexität. Das zeitliche Muster geht davon aus, dass Unternehmen zunächst im Heimatmarkt Erfahrungen sammeln und dann mit dem Export beginnen. Ist dieser Schritt erfolgreich, folgen intensivere Marktbearbeitungsformen, etwa Auslandsvertretungen, Vertriebsniederlassungen oder schließlich eigene Produktion im Ausland.

Das räumliche Muster beschreibt, dass Unternehmen zunächst in Märkte eintreten, die ihnen geografisch, kulturell, sprachlich, politisch oder regulatorisch relativ vertraut sind. Dadurch bauen sie schrittweise Internationalisierungskompetenz auf. Erst anschließend folgen geografisch oder kulturell weiter entfernte Märkte, wobei im Modell die „psychische Distanz“ zum Markt entscheidend ist. Die daraus resultierenden Risiken werden in einem inkrementalen Internationalisierungs- und Lernprozess überwunden. Mit zunehmender Erfahrung und zunehmenden Investitionen steigt das Commitment für einen bestimmten Markt, was jedoch auch das wirtschaftliche Risiko eines Rückzugs aus diesem Markt erhöht.

Netzwerke und Weiterentwicklungen

Jüngere Reformulierungen des Uppsala-Modells betonen stärker, dass Unternehmen nicht isoliert internationalisieren, sondern in Netzwerke aus Handelspartnern, Intermediären, Lieferanten, Investoren, Produzenten und anderen Organisationen eingebettet sind. Solche Netzwerkbeziehungen verschaffen nicht nur Zugang zu Ressourcen, sondern auch zu Wissen über ausländische Märkte. Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt teilweise von der reinen Länderspezifik hin zur Beziehungs- und Netzwerkspezifik internationaler Geschäftstätigkeit.

In dieser Netzwerkperspektive besteht eine zentrale Herausforderung nicht nur in der „liability of foreignness“, sondern auch in einer „liability of outsidership“, also in Nachteilen, die entstehen, wenn ein Unternehmen keine Position in relevanten Geschäftsnetzwerken besitzt. Internationalisierung wird damit auch als Prozess der Netzwerkpositionierung verstanden, in dem Unternehmen Beziehungen aufbauen, verändern und nutzen, um in ausländischen Märkten handlungsfähig zu werden. Die Verbindung von Wissenserwerb, Ressourceneinsatz und Netzwerkpositionierung gilt dabei als ein zentraler Antrieb internationaler Expansion.

Neuere Forschung unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen erfahrungsbasiertem Lernen und stellvertretendem Lernen. Erfahrungsbasiertes Lernen entsteht aus eigenen Aktivitäten in Auslandsmärkten, während stellvertretendes Lernen durch Beobachtung, Wissenstransfer, Partnerunternehmen, Übernahmen oder die Einstellung erfahrener Personen erfolgen kann. Damit wird das klassische Modell erweitert, weil Auslandserfahrung nicht nur im eigenen Unternehmen entstehen muss, sondern auch über Netzwerke und externe Wissensquellen zugänglich werden kann.

Eine historische Fallstudie zur belgischen Elektrizitätsholding Sofina zeigt, dass Netzwerkpositionierung sowohl innerhalb einzelner Markteintritte als auch über mehrere Markteintritte hinweg dynamisch verlaufen kann. In projektbasierten Industrien kann der Markteintritt demnach mehrere Phasen umfassen: die Suche nach Gelegenheiten, die Entscheidung für einen Markt, die Entwicklung eines Projekts mit finanziellen und managerialen Verpflichtungen sowie die anschließende Nutzung und Ausweitung der Marktpräsenz. Die Studie zeigt zudem, dass Insidership in einem Netzwerk kein endgültiger Zustand ist, sondern fortlaufend neu hergestellt werden muss, weil sich Partner, Ressourcenbedarfe und politische oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen verändern. Sie macht damit deutlich, dass die Internationalisierung nicht nur von Erfahrung und psychischer Distanz, sondern auch von Branchenlogiken, Eigentümerstrukturen, globalen Ereignissen und der Fähigkeit zur Rekombination von Netzwerken geprägt wird.

Kritik und Grenzen

In der Phase der Globalisierung nach 2000 geriet das Modell, das sich vor allem auf Fälle aus dem verarbeitenden Gewerbe Schwedens stützte, zunehmend unter Kritik. Es sei einseitig auf Produktionsunternehmen ausgerichtet. Aber auch in diesen werden nicht immer alle im Modell beschriebenen Schritte der Internationalisierung in dieser Reihenfolge vollzogen. So muss nicht die gesamte Wertschöpfungskette im Ausland immer wieder nachgebaut werden. Das ist sehr zeitaufwändig, und die Technologie kann mittlerweile veralten. Außerdem existieren in wissensintensiven und digitalen Branchen Unternehmen, die internationale Märkte sehr früh erschließen oder Wissen über Partner, Mitarbeitende und Netzwerke aufnehmen, statt es ausschließlich in langen eigenen Lernprozessen aufzubauen.

Die neuere Netzwerkperspektive relativiert die Kritik, indem sie das Modell nicht auf eine starre Abfolge von Export, Vertretung und Produktion reduziert, sondern als Prozess von Lernen, Ressourceneinsatz und Beziehungsaufbau versteht. Zugleich zeigt sie, dass auch die erweiterten Fassungen des Modells erklärungsbedürftig bleiben, wenn Internationalisierungsprozesse über sehr lange Zeiträume, unter wechselnden politischen und technologischen Bedingungen oder in projektbasierten Industrien untersucht werden. Historische Untersuchungen legen deshalb nahe, das Uppsala-Modell nicht als universelles Stufenmodell, sondern als verhaltens- und prozessorientierten Rahmen zu lesen, dessen Erklärungskraft von Markt, Branche, Netzwerkposition und historischem Kontext abhängt.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 Silva, A. F., Gomes, E., Vendrell-Herrero, F., & Lehman, D. W. (2026). Revisiting the Uppsala model from a history-to-theory perspective: New lessons on network positioning from a global electric company. Journal of International Business Studies. https://doi.org/10.1057/s41267-026-00863-w
  2. ↑ S. Carlson: International Business Research. In: Acta Universitatis Uppsaliensis, Studiae Oeconomiae Negotiorum 1, Uppsala 1966; ders.: How Foreign is Foreign Trade? In: Acta Universitatis Uppsalietisis, Studiae Oeconomiae Negotiorum 11, Uppsala 1975.
  3. ↑ Jan Johanson, Finn Wiedersheim-Paul: The internationalization of the firm - four Swedish cases. In: Journal of Management Studies 12 (1975) 3, S. 249–341.
  4. 1 2 Edward Elgar: Learning in the Internationalisation Process of Firms. 2003, ISBN 1-84064-662-4, S. 261, 293 (Google Books [abgerufen am 21. März 2009]).
  5. ↑ S. Saarenketo, K. Puumalainen, O. Kuivalainen, K. Kylaheiko: Dynamic knowledge-related learning processes in internationalizing high-tech SMEs. In: International Journal of Production Economics, 89 (2004) 3, S. 363–378.